Coronavirus bremst Talente aus Der Traumwinter – ein Albtraum für Skiclubs

Im Weltcup am Start:   Romed Baumann ist Mitglied des deutschen Teams. Foto: dpa/Marco Trovati
Im Weltcup am Start: Romed Baumann ist Mitglied des deutschen Teams. Foto: dpa/Marco Trovati

Die Saison war für die Vereine in Württemberg ein Tiefschlag. Bleiben die Mitglieder weg und der Wettkampfsport auf der Strecke? Am Ende einer Saison, die keine war, fürchten sich die Skivereine vor dem Mitgliederschwund. Haben der Sport und der Nachwuchs im Schwabenland noch eine Zukunft?

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)
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Waiblingen - Abrupt brechen die Beiträge des Skiclubs Hohenacker auf Facebook ab: Der letzte Eintrag ist mehr als ein Jahr alt, das Gruppenbild der Skifahrer aus dem Waiblinger Stadtteil auf einer Piste in Österreich stammt aus der Zeit vor Corona. „Bei uns ist seither alles ausgefallen“, sagt die Vereinsvorsitzende Anke Ochs. Für sie war es die erste Saison seit 47 Jahren, in der sie nicht auf Skiern stand. Die Pandemie werde im Skisport zu einem Umbruch führen, ist die 50-Jährige überzeugt. Wer sein Hobby nicht ausüben kann, sucht sich womöglich ein neues, das nicht so teuer, aufwendig und ökologisch umstritten ist.

Zahl der Skivereine sinkt seit Jahren

„Der Lockdown wirkt sich extrem aus“, bestätigt Benjamin Walker. Anfangs hielten die Mitglieder der Skizunft Schwieberdingen die Stange, nach sechs Monaten folgten die ersten Austritte. Corona verstärke nur die Probleme im Skisport, sagt der Vereinschef: Schon seit Jahren geht die Zahl der Vereine und der Mitglieder zurück. Der Schwäbische Skiverband (SSV) hat seit der Jahrtausendwende fast 30 000 Mitglieder verloren. Die Zahl der Skiclubs und -abteilungen sank um mehr als ein Fünftel auf 400, weil vor der Haustüre kaum noch Schnee fällt.

Dass es ein schneereicher Traumwinter war, machte die Coronasaison noch mehr zum Albtraum für die Vereine. Von den 110 Liften auf der Schwäbischen Alb hätten 100 betrieben werden können, wenn es wegen des Infektionsschutzes nicht verboten worden wäre. „Wir konnten es nicht verstehen“, sagt Benjamin Walker und spricht damit nicht nur für die Skizunft: „Wenn man Ski fährt, ist man im Freien und kann die Hygieneregeln einhalten.“ Doch seit Ischgl werde der Sport mit Après-Ski gleichgesetzt, ein weiterer Tiefschlag.

Keine Einschränkungen in Österreich und der Schweiz

Nur die Spitzenathleten durften auf die Piste, in Bayern waren es etwa 200, in Baden-Württemberg gerade mal 32 Kinder und Jugendliche. In Frankreich, wo die Lifte ebenfalls nicht liefen, trainierten trotz Corona-Einschränkungen dagegen 120 000 Nachwuchssportler. In Österreich und der Schweiz wurde der Nationalsport kaum eingeschränkt. In Deutschland gab es vereinzelt lokale Lösungen von großzügigen Ämtern, teilweise waren die Skihänge freigegeben, nicht jedoch die Aufstiegshilfen.

Bayerns Skiverband reichte Mitte März sogar eine Klage ein, um die Politik zur Öffnung der Sportstätten zu bewegen. Am 19. März erteilte das bayerische Gesundheitsministerium dann die Ausnahmegenehmigung für Kindertrainings. In Baden-Württemberg konnten seit 8. März mehr Vereine ihre Rennteams durch die Stangen kurven lassen – stundenweise im Schichtbetrieb an vier Liften im Schwarzwald. „Das ist schon ein Privileg“, weiß Benjamin Walker, aber weit entfernt vom üblichen Programm. Mit steigenden Temperaturen und Inzidenzwerten war das Glück nur von kurzer Dauer.

Beim Skiverband zwei Drittel Karteileichen

Welche Lücke „das staatlich verordnete Jahr an der Spielkonsole“ reißen wird, kann Markus Hermelink von der TSG Reutlingen noch nicht abschätzen. Er ist der Sportwart der erfolgreichsten Skiabteilung in Württemberg. Mit Jana Fritz hat es nun das vierte Talent auf das Skiinternat des Schwäbischen Skiverbands in Oberstdorf geschafft. Dort trifft sie auf ihren Vereinskollegen Cedric Heusel, der unter anderem im Februar bei den deutschen U-18-Meisterschaften die Titel im Super-G und im Riesenslalom holte. „Ich weiß nur nicht, wie wir dieses Niveau halten sollen“, sagt Markus Hermelink.

Skifahren ist zwar nach wie vor ein Breitensport: Mit seinen 94 400 Mitgliedern steht der SSV in Württemberg nach Turnen, Fußball, dem Alpenverein und Tennis auf dem fünften Platz. „Wir wollen Weltmeister und Olympiasieger“, sagt der SSV-Geschäftsführer Jörg Stadelmeier über die weiterhin hochgesteckten Ziele. Doch während in den anderen Sportarten vor allem Kinder und Jugendliche aktiv sind, dominieren bei den Skivereinen die Erwachsenen – und damit der Freizeitsport. Auch der SSV hat in der Pandemie ausgemistet: Von den 9300 bestehenden Starterpässen für den Wettkampfsport sind zwei Drittel Karteileichen.

Für nächsten Winter alles gebucht

Rund 100 Kinder und Jugendliche treten bei SSV-Bezirksrennen noch an, vor 20 Jahren waren es fast viermal so viele. Markus Hermelink von der TSG Reutlingen geht es gar nicht nur darum, Medaillengewinner herauszufiltern. Die Rennläufer dienten jedoch als Vorbilder, würden später Trainer werden, und deren Eltern hielten die Vereine am Laufen, weil sie Ehrenämter übernehmen. „Wenn ein fragiles System zusammenbricht, ist es umso schwieriger, es wiederaufzubauen“, sagt er über die Zwangspause.

Auch Anke Ochs hat große Bedenken, ob der Skiclub Hohenacker wieder so viele Menschen wie bisher für den Skisport begeistern kann. Für nächsten Winter sind die Busse und Hotels trotzdem längst gebucht. Sebastian Walker von der Skizunft Schwieberdingen ist optimistisch: Er hofft, dass durch den Entzug die Lust auf den Sport größer wird. „Bei der diesjährigen Weltmeisterschaft haben die deutschen Skifahrer tolle Werbung dafür gemacht.“




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