Coronavirus: Die Menschen gärtnern Landlust in der Stadt

Schön fürs Auge: Petunien gibt es in diversen farbenprächtigen Varianten. Foto: imago/Panthermedia

Die neue Lust am Gärtnern hat in Corona-Zeiten weiter zugenommen. Nutzpflanzen sind fast ausverkauft. Ein bisschen Selbstversorgung ist Trend.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Stuttgart - Wer jetzt noch keine Tomate gepflanzt hat, der muss sich sputen. Nicht nur, dass das Pflanzjahr in riesigen Schritten voranschreitet. Es wird langsam auch richtig eng mit dem Nachschub: „Die Gemüsepflanzen gehen zur Neige“, sagt Cornelia Häußermann vom Gartencenter Campo Verde in Möglingen (Kreis Ludwigsburg). Ein paar Tomaten-, Paprika- und Gurkenpflanzen stehen noch auf dem Verkaufsgelände. Aber dann ist Schluss.

 

Mit dem Lockdown im März begann der Ansturm auf Gartencenter, Baumärkte und Gärtnereien – auch bei Campo Verde, mit 120 Mitarbeitern ein Mittelständler in der Branche. Die Familie Häußermann ist bereits in der vierten Generation im Geschäft. Das Unternehmen verkauft direkt an Endverbraucher und beliefert zudem Gartencenter in anderen Bundesländern und in Österreich.

Alles ist so gut wie ausverkauft

„Die Nachfrage war eindeutig stärker als in früheren Jahren“, sagt Cornelia Häußermann, die seit 1980 in der Branche und auch im Unternehmen arbeitet, das sich auf Stauden spezialisiert hat. Erstaunlich sei das nicht, sagt die Gartenexpertin, „wenn man einen Garten hat, dann macht man es sich dort eben schön“. Gefragt waren Freilandpflanzen, Beet- und Balkonpflanzen, Obstbäume und Sträucher – und eben Gemüsepflanzen. Überall in der Branche war das so, nicht nur bei den Häußermanns.

Von einer gestiegenen Nachfrage im Nutzpflanzenbereich berichtet auch Peter Botz, Geschäftsführer des Verbandes deutscher Garten-center. Der Umsatzanstieg liege bei bis zu 15 Prozent in den zurückliegenden Monaten – vorausgesetzt, der Betrieb liegt nicht in einem Bundesland, in dem die Baumärkte Corona-bedingt wochenlang schließen mussten – etwa in Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Für die anderen gilt: Alles ist so gut wie ausverkauft. Wäre noch mehr Ware da gewesen, hätten manche Anbieter Zuwächse bis zu 20 Prozent verbuchen können, schätzt Botz. In den vergangenen zehn Jahren waren es im Schnitt jeweils zwei Prozent. Halten lässt sich das neue Verkaufsniveau wohl nicht, sagt Peter Botz. Aber es werde sich auf einem deutlich höheren Niveau einpendeln. Sein Indikator: die Hochbeete, die stark nachgefragt wurden, ebenso wie Blumenerde. „Die müssen ja im nächsten Jahr bestückt werden“, so Botz.

Das konnte niemand vorhersehen

Mit einer solchen Nachfrage hatte niemand in der Branche gerechnet. „Man kann nicht irgendeine Maschine anwerfen, aus der dann Pflanzen herauskommen“, sagt Cornelia Häußermann. Pflanzen brauchen Vorlauf, bevor sie in den Verkauf kommen. Setzlinge müssen gesät und aufgezogen werden. Obstbäume brauchen mehrere Jahre, bis sie zur Verkaufsgröße herangewachsen sind. Die Pandemie warf die Planungszahlen, die auf den Erfahrungen der vergangenen Jahre basierten, völlig über den Haufen. Aber sie kam zumindest zum richtigen Zeitpunkt im Gartenjahr: in der Pflanzzeit nämlich. Die Bundesregierung hatte die Gartencenter und Gärtnereien für systemrelevant erklärt, weil Pflanzen für die Selbstversorgung verkauft werden. Viele Deutsche wurden zu Gemüsebauern. Der Garten sei für manche offensichtlich wieder eine Quelle für die Nahrungsmittelversorgung geworden, eine Alternative zum Laden, der womöglich geschlossen werde, sagt Jörg Gensicke vom baden-württembergischen Landesverband der Gartenfreunde.

Vor allem Kräuter und Naschpflanzen wie Erdbeeren und Himbeeren und der kleine Salat sind gefragt, sogar Samen. „Ganz neu ist der Trend nicht“, sagt Cornelia Häußermann, „aber jetzt ist es ganz stark geworden.“ Der Mensch will damit auch wieder Leben in seinen Garten bringen – und den bedrohten Insekten eine Nische bieten.

Schrebergärten sind gefragt wie nie

Das Gros der Gartencenterbesucher ist, beobachtet Botz, 40 Jahre und älter, also in der Familienphase. „Der Garten ist wieder der Lustgarten geworden“, beschreibt Botz den neuen Gartenboom. Damit einher geht eine steigende Wertschätzung für den Kleingarten. Laut einer Internetumfrage der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom April dieses Jahres finden 68 Prozent der Befragten Kleingärten toll. Nur 16 Prozent halten sie für spießig.

Die neue Gartenlust drückt sich, von Corona beflügelt, auch in der steigenden Nachfrage nach Gartengrundstücken aus. So verfügt die Stadt Stuttgart über 4200 solcher Grundstücke, die sie verpachtet. Jährlich kommen etwa 20 Gärten dazu, ebenso viele werden veräußert. Das Angebot ist also endlich. Melden sich in normalen Zeiten etwa 50 Neuinteressierte pro Monat, so waren es in den Monaten April und Mai jeweils 100. Vor dem Ausbruch der Pandemie musste man zwischen sechs und acht Jahren auf einen städtischen Garten warten, nun sind es acht bis zwölf Jahre. Nicht alle, so sagt eine Sprecherin der Stadt, hätten dafür Verständnis. Im Moment stehen 1500 Interessenten auf der Warteliste. Zum Jahresende 2019 waren es noch 1200. Noch höher ist die Nachfrage übrigens in Berlin. Viele Menschen begründen ihr Interesse in Telefonaten tatsächlich mit Corona. Da der Urlaub ausfalle, suche man nach einer Alternative. Auch der Kleingartenverband verzeichnet eine erhöhte Nachfrage. „Wir können nichts anderes tun, als Interessenten an unsere Vereine weiterzuleiten“, heißt es dort.

Allerdings verfügen nicht alle Neueinsteiger über fundierte gärtnerische Kenntnisse. „Wenn das Gärtnern nicht mehr so breit betrieben wird, geht viel Wissen verloren, das von Generation zu Generation weitergeben worden ist“, sagt Cornelia Häußermann. Das beobachten auch Gartenbauvereine. „Die Entfremdung von der Natur in den Gärten ist sehr groß“, bestätigt Jörg Gensicke. Aber Neueinsteiger finden jede Menge Literatur zum Thema – und zur Not kann man ja auch mal die Schrebergarten-Nachbarn fragen.

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