Stuttgart - Der Anlagenbauer Dürr streicht an seinen deutschen Standorten 450 Arbeitsplätze; europaweit sollen bis Ende 2021 sogar rund 600 Jobs wegfallen. In welchem Umfang der Firmensitz in Bietigheim-Bissingen betroffen ist, steht noch nicht fest. Der Abbau soll über Altersteilzeit und Abfindungen stattfinden; Kündigungen soll es am Firmensitz nicht geben. Der Hersteller von Lackieranlagen begründet die Sparmaßnahmen mit der schwachen Autokonjunktur. Während in Asien und Amerika eine Normalisierung des Automotive-Geschäfts absehbar sei, rechnet der Vorstand im gesättigten europäischen Markt mit einer längeren Nachfrageschwäche, schreibt das Unternehmen in einer Mitteilung. Die Stellenstreichungen betreffen denn auch ausschließlich das Automotive-Geschäft. Dürr hat deshalb ein Effizienzprogramm aufgelegt, das von 2021 an Einsparungen von rund 30 Millionen Euro vorsieht.
Bereits Anfang des Jahres hat das Unternehmen, das maßgeblich der Familie des früheren Bahn-Chefs Heinz Dürr gehört, Sparmaßnahmen eingeleitet. Geschlossen wurden die defizitären Standorte Karlstein (bei Aschaffenburg), wo Spritzpistolen hergestellt wurden. Etwa 40 Arbeitsplätze waren davon betroffen. Zudem wurde das Aus für die Fertigung in Goldkronach (bei Bayreuth) ebenfalls mit rund 40 Beschäftigten entschieden. Bei der Tochter Homag, einem Hersteller von Maschinen für die Holzbearbeitung, wurden bereits 2019 rund 350 Stellen gestrichen. Im Zusammenhang mit den neuen Sparmaßnahmen sind nun weitere Schließungen kleinerer Standorte nicht ausgeschlossen, ist zu hören. Stellenstreichungen könnten nun auch in Ländern wie Italien, Spanien und Frankreich anstehen. Dürr beschäftigt derzeit knapp 16 300 Mitarbeiter (Stand Ende Juni), ein Jahr zuvor waren es noch rund 100 mehr. Aktuell befinden sich deutschlandweit etwa 500 Beschäftigte in Kurzarbeit. Diese Zahl dürfte sich im zweite Halbjahr erhöhen, heißt es.
Auftragseingang bricht ein
Die Corona-Pandemie hat die Geschäfte des Anlagenbauers im Halbjahr beeinträchtigt. Der Auftragseingang brach um fast 23 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro ein. Betroffen waren vor allem die Monate März bis Mai und dabei in erster Linie die Märkte in Europa und Amerika. Dagegen sei der Auftragseingang in China im ersten Halbjahr um gut 60 Prozent gestiegen. Grund dafür sei die hohe Nachfrage nach Produktionstechnik für Elektroautos sowie Zuwächse in der Umwelttechnik. Der Umsatz lag im Halbjahr mit 1,6 Milliarden Euro um gut 14 Prozent unter dem Wert des entsprechenden Vorjahreszeitraums. Unter dem Strich ist Dürr im Halbjahr in die roten Zahlen gerutscht – das Ergebnis nach Steuern lag bei minus drei Millionen Euro, nach plus 63,6 Millionen Euro ein Jahr zuvor. Die Ergebnis-Marge von Dürr – also das Ergebnis vor Steuern und Zinsen bezogen auf den Umsatz – schrumpfte auf 0,4 (Vorjahr: 5,1) Prozent. Dies dürfte nicht zuletzt auf die Unterauslastung der Produktion, überproportionale Einbußen im Service sowie Corona-bedingte Probleme bei Auslieferungen und in der Auftragsabwicklung zurückzuführen sein.
Dürr „verzeichnet eine langsame Aufhellung“, heißt es in der Mitteilung. Für das gesamte Jahr erwartet das Unternehmen einen Auftragseingang von 3,1 bis 3,4 Milliarden Euro und einen Umsatz von 3,2 bis 3,4 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr hat Dürr einen Umsatz von 3,9 Milliarden Euro erzielt. Als Ebit-Marge strebt Dürr einen Korridor zwischen 2,5 und 2,8 Prozent an. Im vergangenen Jahr lag diese Kennziffer bei fünf Prozent.