Mehr Intensivbetten, weniger Ambulanzen
„Covid-19-Betroffene brauchen mindestens das Doppelte an Pflege und Betreuung“, sagt Mark Dominik Alscher, der Medizinische Geschäftsführer des Robert-Bosch-Krankenhauses (RBK). 40 Betten seien bereits gesperrt, das Personal wird anderweitig eingesetzt. „Das klappt mit viel Kommunikation und weil wir hoch motivierte Mitarbeiter haben“, sagt Alscher. Sechs Covid-19-Patienten von rund 50 stationär Behandelten würden derzeit beatmet, elf intensivmedizinisch betreut, ein Patient sei an eine künstliche Lunge angeschlossen.
Das städtische Klinikum hat die Zahl der Beatmungsplätze verdreifacht auf aktuell 324 und verfügt laut Pressestelle über eine Notfallreserve von 220 Beatmungsplätzen. Auf den Intensivstationen könnten bis zu 103 Intensivpatienten beatmet werden, derzeit seien 91 Intensivbetten belegt, zehn davon mit Covid-19-Patienten. 46 Corona-Patienten würden auf Normalstation überwacht (Stand Freitag). Zusätzliche personelle Kapazitäten schaffe man dadurch, dass ambulante Eingriffe und Ambulanzsprechstunden nun nicht mehr stattfänden. Das setze, so die Begründung, Anästhesiepflegekräfte für die Intensivpflege frei.
Personal darf früher aus der Quarantäne
Weil das Personal in der Intensivmedizin Spezialwissen braucht, seien viele OP-Kräfte zusätzlich geschult worden, berichtet der Personalrat des Klinikums. Doch das allein reicht offenbar nicht aus.
Die Stuttgarter Kliniken ergreifen den Strohhalm, den das Robert-Koch-Institut (RKI) bereithält. „Optionen zur vorzeitigen Tätigkeitsaufnahme von Kontaktpersonen unter medizinischem Personal in Arztpraxen und Krankenhäusern bei relevantem Personalmangel“ heißt die Regelung.
Sie erlaubt die Verkürzung der 14-Tage-Quarantäne bei Personal, das Sekreten und Aerosolen von Covid-19-Fällen ausgesetzt war. Es soll die ersten sieben Tage in Quarantäne bleiben. Ist der Beschäftigte negativ getestet und symptomfrei, kann die Quarantäne aufgehoben werden. Bei der Arbeit muss eine FFP2-Maske getragen werden, weitere Abstriche müssen gemacht werden. Bei Personal, das nur begrenzt einem Infektionsrisiko ausgesetzt war, kann die Quarantäne bei negativem Testergebnis und Symptomfreiheit sofort aufgehoben werden. Jeder Fall muss mit dem Gesundheitsamt abgestimmt sein. Wie häufig dies derzeit der Fall ist in Stuttgart, hat die Stadt trotz Anfrage nicht mitgeteilt.
Mitarbeiter fordern besseres Ausfallmanagement
Beschwerden vonseiten des Personals habe es noch nicht gegeben, teilt der Personalrat des Klinikums Stuttgart mit. Trotzdem sind nicht alle Betroffenen glücklich damit, auch wenn sie freiwillig zur Arbeit erscheinen. „Wir haben das Gefühl, dass Regelungen kurzfristig so gestaltet werden, dass die Stationen wie geplant betrieben werden können, was nicht unbedingt dem Mitarbeiterschutz entspricht“, sagt die Intensivschwester einer Stuttgarter Klinik, die nicht namentlich genannt werden will. „Wir kommen unseren Arbeitgebern in vielem entgegen. Jetzt wünschen wir uns Arbeitsbedingungen, unter denen wir uns geschützt fühlen, und wir wünschen uns ein gutes Ausfallmanagement für die Intensivstationen.“
Zusätzliche Isolierstation am Marienhospital
Am Marienhospital werden „täglich rund 200 Mitarbeiter getestet, momentan sind pro Tag zwischen fünf und acht positiv“, sagt Pressesprecher Rainer Kruse. Allerdings versucht die Klinik, die Belastung des Personals zu senken: Auf den Intensivstationen seien „in den letzten Tagen einige Leiharbeitskräfte zusätzlich eingestellt“ worden, so Kruse weiter.
Auch mit einer zweiten Isolierstation und dem Aufstocken der 30 Intensivbetten auf 50 richtet sich das Marienhospital auf steigende Corona-Fallzahlen ein. „Wir haben wieder mehr Patienten mit positivem Ergebnis in der Notaufnahme“, sagt Rainer Kruse.
Die gleiche Beobachtung macht Mark Dominik Alscher vom Robert-Bosch-Krankenhaus. „Die Zahlen steigen auch in unserer Fieberambulanz“, sagt er. 280 Tests seien dort von Mittwoch auf Donnerstag innerhalb von 24 Stunden gemacht worden, sieben Prozent davon waren positiv. „Weil sich die Zahlen der Erkrankten derzeit alle sieben Tage verdoppeln, rechnen wir in ein bis zwei Wochen auch mit der doppelten Patientenzahl.“ Anders als das Klinikum hat das RBK deshalb begonnen, planbare Eingriffe zu verschieben. Dabei handele es sich um Eingriffe, die länger als vier Wochen warten können, ohne dass dies nachhaltige Auswirkungen auf die Gesundheit oder Lebensqualität der Patienten habe.
Besuchsregelung ab 2. November
Aufenthaltsdauer Zum Schutz der Patienten und der Beschäftigten haben die Stuttgarter Krankenhäuser – das Klinikum Stuttgart, das Robert-Bosch-Krankenhaus, das Marienhospital, das Diakonie-Klinikum, das Karl-Olga-Krankenhaus, die Sana Herzchirurgie, die Sana Klinik Bethesda und das Krankenhaus vom Roten Kreuz – ihre Besuchskriterien verschärft. Von kommendem Montag, dem 2. November 2020, an sind Besuche nur dann erlaubt, wenn der stationäre Klinikaufenthalt geplant länger als fünf Tage dauert.
Besucher Der Besuch selbst ist auf lediglich eine festgelegte und registrierte Kontaktperson für den gesamten Klinikaufenthalt begrenzt. Wenige Ausnahmen gelten vor allem für Begleitpersonen kleiner Kinder, Angehörige von Sterbenden oder gesetzliche Betreuer, sofern diese keine Symptome aufweisen und keine Risikokontakte hatten. Zur Vermeidung sozialer Härten, zum Beispiel bei Dementen oder Hochbetagten, sind in Einzelfällen Ausnahmen möglich. Auf Wöchnerinnenstationen sind derzeit nur Besuche von Vätern möglich.