Coronavirus Impfen: Ohne Nebenwirkungen geht es nicht

Der Impfstoff von Astrazeneca wird nun wieder eingesetzt. Foto: dpa/Matthias Bein
Der Impfstoff von Astrazeneca wird nun wieder eingesetzt. Foto: dpa/Matthias Bein

Der Nutzen des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca ist nach Ansicht der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA deutlich größer als mögliche Risiken. Daher wird das Vakzin weiter eingesetzt. Was Impfwillige jetzt über Nebenwirkungen wissen sollten.

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Stuttgart - Nach einer kurzen Unterbrechung gehen die Impfungen mit dem Vakzin von Astrazeneca nun weiter. Die Zulassungsbehörde EMA hat Daten aus Deutschland und anderen europäischen Ländern geprüft und sieht auf dieser Basis kein erhöhtes Risiko für gefährliche Blutgerinnsel. Wir beantworten Fragen zu der Entscheidung und erklären, wie Nebenwirkungen erfasst werden.

Warum wurden die Impfungen mit Astrazeneca unterbrochen?

Mehrere europäische Länder setzten Impfungen mit dem Vakzin aus, nachdem bei einzelnen Geimpften Thrombosen in den Hirnvenen aufgetreten waren. Hierzulande wurden zunächst sieben Fälle unter 1,6 Millionen Geimpften gemeldet – mittlerweile kamen sechs hinzu. Drei Betroffene starben. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hatte daher die Aussetzung der Impfungen empfohlen, die nun weitergehen. Europaweit verzeichnete die EMA unter rund 20 Millionen Geimpften 18 Fälle, darunter neun mit tödlichem Ausgang. Die Experten schließen daraus, dass Geimpfte im Vergleich zur Gesamtbevölkerung kein erhöhtes Risiko haben, eine Hirnvenenthrombose zu erleiden. Völlig auszuschließen sei dies aber nicht. Daher wird der Beipackzettel um einen Warnhinweis ergänzt. Generell schätzen Experten das Risiko einer schweren Corona-Erkrankung deutlich höher ein als das Risiko einer derartigen Impfkomplikation. Dies gilt erst recht angesichts der aktuell stark steigenden Neuinfektionen. Nimmt man die europaweiten Daten als Grundlage, liegt das Risiko einer Hirnvenenthrombose bei knapp einem Fall auf eine Million Geimpfte. Geht man davon aus, dass wie bisher rund 2,8 Prozent der gemeldeten Infizierten sterben, würden bei der aktuellen Inzidenz durch eine Million Impfungen etwa 27 Todesfälle pro Woche verhindert. De facto dürfte die Impfung sogar mehr Leben retten, da sie auch das Ansteckungsrisiko für andere Personen verringert. Bei älteren Menschen ist das Verhältnis zwischen Nutzen und Risiko der Impfung noch günstiger.

Welche Reaktionen auf Impfungen sind generell zu erwarten, und wie wird mit Nebenwirkungen umgegangen?

Eine Impfung soll den Körper auf die Abwehr eines bestimmten Krankheitserregers vorbereiten. Durch die Aktivierung des Immunsystems kommt es verbreitet zu typischen Beschwerden: Rötungen, Schwellungen und Schmerzen an der Einstichstelle sowie Fieber, Kopfweh, Unwohlsein und Gliederschmerzen. Auch bei den Corona-Impfstoffen sind diese Reaktionen verbreitet – und zwar wohl häufiger als bei Influenza-Impfungen. Ältere Menschen scheinen etwas weniger betroffen zu sein als jüngere. Das PEI betont, dass Meldungen von Verdachtsfällen von Nebenwirkungen eine „zentrale Säule für die Beurteilung der Sicherheit von Arzneimitteln“ seien. So könnten zeitnah neue Risiken erkannt und könnte das Nutzen-Risiko-Profil der Impfstoffe kontinuierlich überwacht werden. „Eine offene Kommunikation auch möglicher Risiken ist eine Voraussetzung für eine hohe Impfakzeptanz in der Bevölkerung“, heißt es beim PEI. Die Impfpause bei Astrazeneca belegt, dass die Überwachung in der Praxis gut funktioniert.

Was sind Impfkomplikationen?

Wenn Impfreaktionen über das normale Maß hinausgehen und den Gesundheitszustand deutlich belasten, spricht man von Impfkomplikationen. Dazu gehören starke allergische Reaktionen, wie sie in seltenen Fällen nach Corona-Impfungen aufgetreten sind. Solche Komplikationen müssen und können sofort behandelt werden. Zudem müssen sie auf dem Beipackzettel stehen. Generell gilt, dass allein die zeitliche Nähe von Impfung und Komplikation keinen kausalen Zusammenhang belegt. Gleiches gilt für Todesfälle nach Impfungen.

Welche Komplikationen gibt es bei den anderen Corona-Impfstoffen?

Nach Impfungen mit mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna wurden einzelne Fälle von Gesichtslähmung bekannt. Diese hatte sich jedoch jeweils nach einigen Wochen zurückgebildet. Zudem wurde vereinzelt ein plötzlicher Rückgang der für die Blutgerinnung zuständigen roten Blutplättchen (Thrombozyten) festgestellt. Dieses Symptom war auch auch in Kombination mit den Hirnvenenthrombosen nach Astrazeneca-Impfungen aufgetreten. Mögliche Erklärung: Da bei einer Thrombose viele Blutplättchen verklumpen, könnte in den peripheren Blutgefäßen ein Mangel an Blutplättchen entstehen. Mit Blick auf die mRNA-Impfstoffe stellten US-Aufsichtsbehörden aber keine ungewöhnliche Häufung von Blutplättchen-Mangel fest. Das allgemeine Thromboserisiko wird nach den bisherigen Daten durch keinen der aktuell genutzten Impfstoffe erhöht. Greifswalder Forscher haben unterdessen einen Mechanismus entdeckt, der zu Thrombosen nach Impfungen beitragen könnte. Demnach wären die Blutgerinnsel auf eine starke Immunantwort zurückzuführen, in deren Verlauf Antikörper an Blutplättchen andocken und die Gerinnung auslösen. Das würde auch erklären, warum bei Corona-Infektionen teilweise Thrombosen auftreten.

Worauf könnten Unterschiede zwischen Impfstoffen im Hinblick auf Komplikationen beruhen?

Das Auftreten von Thrombosen und Blutungen könnte auch mit den Altersgruppen zusammenhängen, die bevorzugt geimpft wurden. So wurde nach Impfungen mit Astrazeneca in Großbritannien keinerlei Zunahme von Hirnvenenthrombosen verzeichnet. Dort erhielten von Anfang an auch ältere Personen das Vakzin. Sie sind nach derzeitigem Wissensstand weniger anfällig für diese Komplikation. In Deutschland wurden zunächst nur Personen unter 65 mit dem Präparat geimpft. Auch das Geschlecht spielt offenbar eine Rolle: Die meisten gemeldeten Fälle betrafen Frauen bis 55. Unterschiedliche Reaktionen auf einzelne Vakzine könnten auch mit den enthaltenen Zusatzstoffen zusammenhängen. Denkbar ist etwa, dass die Fettmoleküle, die bei mRNA-Vakzinen die Erbgutschnipsel umhüllen, unerwünschte Reaktionen hervorrufen. Auch Wirkverstärker können Probleme verursachen wie etwa bei dem Schweinegrippe-Vakzin von Glaxosmithkline, das mit Fällen von Narkolepsie in Verbindung gebracht wurde.

Worauf sollten Geimpfte achten?

Trotz des äußerst geringen Risikos sollten Geimpfte in den Tagen nach dem Impftermin auf Symptome einer Hirnvenenthrombose wie Kopfschmerzen, Bewusstseinsstörungen oder Übelkeit achten. Auch punktförmige Hautblutungen könnten ein Warnhinweis sein. In solchen Fällen sollte man sofort einen Arzt aufsuchen. Bei schneller Erkennung gibt es gute Behandlungsmöglichkeiten – etwa mit Gerinnungshemmern wie Heparin.

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