Coronavirus in Afrika und Asien Zurück im Teufelskreis

In Äthiopien – hier ein Händler in der Hauptstadt Addis Abeba – hat man im Kampf gegen Hunger Erfolge erzielt. Jetzt drohen Rückschläge. Foto: Imago/Xinhua

Eigentlich war die Welt bei der Bekämpfung des Hungers schon vorangekommen. Jetzt macht Corona die Erfolge zunichte – gerade in Afrika und Asien.

Stuttgart - Der Welternährungstag ist einst auf den 16. Oktober gelegt worden, da an diesem Tag im Kriegsendejahr 1945 die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) gegründet worden war, eine 12 500-Mitarbeiter-Behörde mit Hauptsitz in Rom. Auf einer FAO-Tagung hat jetzt der Äthiopier Tedros Adhanom Ghebreyesus, der Leiter der Weltgesundheitsorganisation, über den Hunger gesprochen, und wohl kein UN-Direktor weiß besser, was ein chronisch leerer Magen überhaupt ist und wie er sich anfühlt. Ghebreyesus kennt die Szenen der Dürren in seinem Land, etwa im Ogaden, wenn erst das Vieh stirbt und dann der Mensch. Er hat Kinder gesehen, die auf abgeernteten Feldern nach Getreidekörnern suchen und die zerlumpten Bettler von Addis Abeba oder Dire Dawa.

 

Aber Ghebreysus kann auch von Erfolgen berichten. Wie es Äthiopien in einem Jahrzehnt geschafft hat, durch eine Stärkung der Landwirtschaft und die Ansiedlung von Kleinindustrie ein hohes Wirtschaftswachstum (zeitweise zehn Prozent) zu erzeugen und extreme Armut und Hunger zurückzudrängen. Und heute? Die Corona-Pandemie scheint wieder alle Erfolge infrage zu stellen, gerade die Ärmsten zurückzuwerfen. Und dass der sogenannte Welthunger-Index in den letzten 20 Jahren von 28,2 auf 18,2 zurückgegangen ist (bei null Punkten gibt es keinen Hunger), scheint eine trügerische Momentaufnahme zu sein.

In Kenia gilt ein nächtliches Ausgehverbot

Weltweit lebten aber auch vor Corona schon 690 Millionen Menschen in einer Hungersituation, 144 Millionen Kinder litten an Auszehrung und mehr als fünf Millionen erreichten nicht das fünfte Lebensjahr. „Wegen Corona werden 10 000 Kinder jeden Monat zusätzlich an Mangelernährung sterben, die Zahl der schwer mangelernährten Kinder wird um 6,7 Millionen oder 14 Prozent zunehmen“, sagt Ghebreyesus voraus. Er klagt: „Wir können keine Welt akzeptieren, in der die Reichen Zugang zu gesunder Ernährung haben und die Armen zurückbleiben.“

Gerade ärmere Staaten in Afrika hatten einen rigiden Lockdown verhängt, zum Teil strenger als in den Industrienationen. So gilt im ostafrikanischen Kenia noch ein nächtliches Ausgehverbot, und die Schulen öffnen erst dieser Tage wieder – mit kuriosen Begleiterscheinungen, die die Hilflosigkeit im Umgang mit Corona verraten. Als an einem Mädcheninternat die Schülerinnen beim Betreten der Schule in ihren Uniformen mit einem Desinfektionsmittel abgesprüht worden sind, gab es einen Aufschrei in den sozialen Medien, und das Gesundheitsministerium veröffentlichte eine Warnung.

Auch in Asien ist die Lage dramatisch

Tatsache ist, dass viele Millionen wenn nicht Milliarden von Menschen ihren Job wegen der Corona-Restriktionen verloren haben – doch die Ärmsten, die von Tageseinkommen leben und keine finanzielle Reserven haben, trifft es ins Mark. Nicht nur in Afrika, auch in Asien. In einem Länderreport der Katholischen Nachrichtenagentur aus Bangkok heißt es: „In Thailand ist der Tourismus als einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren zum Erliegen gekommen. Millionen Menschen haben ihre Jobs als Kellner, Fremdenführer, Hotelmitarbeiter oder in der Sexbranche verloren. In Kambodscha oder Bangladesch kämpfen Zigtausende Arbeiterinnen der Textilfabriken und ihre Familien ums Überleben, weil Produktion und Export von Kleidung und Schuhen eingebrochen sind.“ Und auf den Philippinen, in Nepal, Bangladesch oder Pakistan darbten Millionen Familien, weil die Überweisungen der im Ausland arbeitenden Ernährer knapp werden oder ausbleiben.

„Wir werden die wahren Wirkungen von Corona zeitversetzt sehen. Das war bei anderen Krisen, etwa der Finanzkrise von 2008 auch der Fall“, sagt Rudi Tarneden, Sprecher des Kinderhilfswerks Unicef in Deutschland. Aber eins sei klar: die Ungleichheiten werden zunehmen, und „Wohlstandsgewinne“ werden verloren gehen. Alarmierend ist auch ein Bericht der Weltbank von dieser Woche: Bis 2021 könnte die Zahl der extrem Armen wegen der globalen Rezession in der Pandemie sogar um 150 Millionen Menschen zunehmen. Das sei der schwerste Rückschlag bei der Armutsbekämpfung nach 25 Jahren fast stetiger Fortschritte. Ohne Corona-Krise wäre die Armutsrate – sie liegt bei der Verfügbarkeit von 1,90 US-Dollar am Tag – in diesem Jahr auf 7,9 Prozent der Bevölkerung gefallen. Wegen der Corona-Krise steige sie jedoch wieder auf etwa 9,2 Prozent, das Niveau von 2017.

Impfkampagnen werden ausgesetzt

Aber wo liegt überhaupt die Grenze zwischen Armut und Hunger? Rudi Tarneden nennt das Beispiel Venezuela, wo aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Krise jetzt schon drei Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen seien, Corona habe die Krise verschärft, auch wenn nur 19 000 im Land infiziert seien. „Wir gehen hier von vier Prozent mangelernährten Kindern aus. Die Kinder erhalten über lange Zeit zu wenig zu essen, sie sind zu klein und zu dünn. Sie werden rasch müde und erschöpft. Es kommt zu Entwicklungsstörungen.“ Das sei keine sichtbare Hungersnot, aber eine „versteckte Katastrophe“. Gerade die indigene Bevölkerung, die auf dem Land lebe und niedrigere Einkommen habe, sei betroffen.

Das Kinderhilfswerk hat noch einen ganz anderen Aspekt der Corona-Krise erlebt: Wegen des darniederliegenden internationalen Flugverkehrs, der Reiseverbote und des Lockdowns seien weltweit viele Impfkampagnen für Masern, Tetanus und Polio ausgesetzt worden – rund 100 Millionen Kinder seien betroffen. Und der Rückschlag gilt auch für die Schulbildung: weltweit seien zeitweise 1,5 Milliarden Kinder und Jugendliche nicht zur Schule gegangen, von einem digitalen Fernunterricht konnten die Schüler in armen Staaten nur träumen. „Viele sind von den Familien wieder als Arbeitskraft eingesetzt worden, mussten auf dem Feld helfen“, sagt Tarneden. Dass sie alle in die Schule zurückkehren werden, das sei nicht zu erwarten.

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