Stuttgart - Heiner Averbeck hat schnell reagiert. „Vergangenen Freitag haben wir erste Signale aus Kliniken und von anderen Stellen bekommen, dass sie bald Hilfe brauchen könnten“, sagt der Medizinstudent aus Mannheim. Auch die Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) hat Studierende dazu aufgerufen, sich im Kampf gegen die Coronakrise zur Verfügung zu stellen. Über das Wochenende haben der 27-jährige Averbeck und einige Kommilitonen sich überlegt, wie sie in ihrer Stadt die Mithilfe von Studenten organisieren könnten.
Averbeck studiert an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Uni Heidelberg. „So eine Taskforce wie bei uns hat sich jetzt an vielen Unis gegründet. Aber wir waren besonders schnell.“ Averbeck und seine Mitstreiter haben zum Beispiel ein Google-Dokument zur Registrierung erstellt, Fragen der Studierenden gesammelt und für jeden Jahrgang einen Jahrgangssprecher ernannt, damit die Kommunikation mit den Studenten klappt.
Rücklauf „total abgefahren“
„Ich weiß, dass Bochum jetzt zum Beispiel unser Google-Dokument zur Registrierung übernommen hat“, sagt Averbeck. Fragen, die Freiwillige darin unter anderem beantworten müssen: Wie viele Pflegepraktika wurden schon absolviert? Gibt es eine abgeschlossene Berufsausbildung, zum Beispiel als Sanitäter? Oder anderweitige Vorerfahrung in der Krankenversorgung?
„Am Sonntag ging das Formular online, seitdem haben sich schon 430 Menschen gemeldet. Das ist total abgefahren“, sagt Averbeck. Ähnliche Vermittlungsarbeit läuft derzeit auch an den anderen medizinischen Fakultäten in Baden-Württemberg. Insgesamt 2200 Studierende haben sich landesweit bis Donnerstag gemeldet, wie das Wissenschaftsministerium auf Anfrage mitteilte.
Wie es für die Freiwilligen weitergeht
Wissenschaftsministerin Theresia Bauer ist „beeindruckt“ vom Engagement der Studenten. „Wenn uns diese Krise eines zeigt, dann ist es, dass Zusammenhalt auch in schwierigen Zeiten unser Land auszeichnet und dass die jungen Menschen ihre Verantwortung wahrnehmen“, sagte Bauer unserer Zeitung. „Ich danke allen Studierenden, die sich bereits gemeldet haben, und ganz besonders den Fachschaften und Medizinischen Fakultäten im Land, die intensiv daran arbeiten, Studierende für den Einsatz in den Krankenhäusern zu gewinnen.“
In Mannheim sind laut Averbeck derzeit etwa zehn Menschen in der Fachschaft damit beschäftigt, alles zu organisieren. Auch andere Themen – etwa die Frage, wie die Lehre trotz Hörsaal-Schließung in der kommenden Zeit digital weitergehen kann – stehen für die Studierenden jetzt an. Averbeck und seine Mitstreiter sortieren die Freiwilligen entsprechend ihrer Vorkenntnisse und entscheiden, wer wo am besten aufgehoben wäre – zum Beispiel bei der Telefonhotline im Gesundheitsamt oder direkt in einem Krankenhaus. Listen mit Kontaktdaten der Studenten gibt die Fachschaft dann an die entsprechenden Stellen weiter. „Das Gesundheitsamt oder Kliniken melden sich dann direkt bei ihnen, um einen Arbeitsvertrag abzuschließen.“
Telefonhotline: „Übung in Gesprächsführung“
Eine Studentin, die ihre neu Aufgabe bereits angetreten hat, heißt Zoe Lichnock. Am Wochenende hatte sich die 23-Jährige in das Formular eingetragen. Wenige Tage später absolvierte sie ihre erste Schicht bei der Telefonhotline des Gesundheitsamt Mannheims. Lichnock stuft am Telefon Menschen ein, die den Verdacht haben, an Covid-19 erkrankt zu seien und sagt ihnen, was zu tun ist. Für die Arbeit sind nicht nur ihre medizinischen Kenntnisse gefragt.
Viele Anrufer seien emotional aufgewühlt, verunsichert, ängstlich. „Ich versuche, Ruhe zu vermitteln und zu verdeutlichen, dass Panik nicht sinnvoll ist. Die Arbeit ist für mich auch eine generelle Übung in Gesprächsführung.“
Anstrengende Wochen stehen bevor
Die Bezahlung der Studenten ist laut Lichnok abhängig vom jeweiligen Einsatzort und reiche „von Mindestlohn bis sehr hoch für Studierende“, so die Studentin. „Ich selbst bin in der Mindestlohnkategorie, aber das ist okay für mich.“ Schließlich spiele auch der Wille eine Rolle, sich einzubringen. Laut Lichnock gebe es bereits Signale, dass manche der Einsätze als Famulatur anerkannt werden könnten – also als eines der Pflichtpraktika, die Medizinstudenten absolvieren müssen.
Offen ist für Lichnock noch, wie viel Zeit sie für die Arbeit haben wird, falls die Lehre an ihrer Uni wie geplant kommende Woche digital weitergeht. „Wir müssen natürlich auch aufpassen, dass wir uns keine 60-Stunden-Woche aufhalsen“, sagt die 23-Jährige. „Aber bislang gibt es ja genug Leute, die sich gemeldet haben.“ Auf Lichnock, Averbeck und andere Medizinstudenten im Südwesten dürften anstrengende Wochen zukommen.