Stuttgart - Manfred Körner muss nicht lange überlegen, wie viele seiner Kollegen im Heilbronner Kreisgesundheitsamt damit beschäftigt sind, eventuelle Kontaktpersonen von Corona-Infizierten abzutelefonieren und zu informieren, dass sie bitte unbedingt daheim bleiben sollen. „Ich brauche nur runter gehen ins Gesundheitsamt und gucken, wer einen roten Kopf hat“, sagt der Sprecher des Landratsamts Heilbronn.
„Manche Kollegen arbeiten jetzt schon das dritte Wochenende durch“, da dürfe der Kopf schon mal leuchten. Denn diejenigen zu identifizieren, mit denen ein Infizierter in der letzten Zeit Kontakt gehabt hat, ihre Adressdaten zu ermitteln und sie dann auch noch zu Informationszwecken zu erreichen, das „wird zunehmend schwieriger“, sagt Körner.
Mitarbeiter im Landratsamt kommen schwer ins Schwitzen
Von den am Montag 52 Corona-Infizierten im Landkreis Heilbronn etwa waren beim Gesundheitsamt gut 500 Personen erfasst, die mit den Kranken in jüngster Zeit zu tun gehabt haben und womöglich selbst schon Träger des Coronavirus sind. Bis Mittwoch stieg die Zahl der erfassten Virenträger im Kreis auf 113 – und die der potenziellen natürlich mit. Am späten Nachmittag zog der Kreis Heilbronn die Reißleine.
Angesichts der steigenden Infektionszahlen „ist es künftig nicht mehr möglich, dass das Gesundheitsamt in allen Fällen die jeweiligen Kontaktpersonen ermittelt und informiert“, teilt die Behörde mit. Man werde so schnell wie möglich eine Allgemeinverfügung erlassen, die Infizierte verpflichtet, selbst eine Liste ihrer Kontaktpersonen zu erstellen und diese über die einzuhaltende, 14-tägige Quarantäne zu informieren. „Da die schnelle Ausbreitung des Virus mit den bisherigen Mitteln nicht mehr ausreichend verhindert werden kann, ist es unverzichtbar, dass jeder Einzelne dazu beiträgt, die Verbreitung zu minimieren“, wirbt die Behörde des Landrats Detlev Piepenburg (parteilos) in der Bevölkerung um den konsequenten Verzicht auf den Umgang mit anderen.
Feuerwehrleute machen Telefondienst
Not macht dabei erfinderisch. Als die Behörde an der Ostalb in der vorigen Woche feststellte, dass sich mehrere Teilnehmer von Skiwochenenden im österreichischen Ischgl mit dem Coronavirus infiziert hatten, wurden kurzerhand Feuerwehrleute zum Telefoneinsatz beordert, um die möglichen Kontaktpersonen der Virenträger möglichst schnell zu informieren. „Ohne eine breite gegenseitige Unterstützung innerhalb der Landratsämter wäre die Belastungsgrenzen längst überschritten“, sagt Alexis von Komorowski, der Geschäftsführer des Landkreistages. So nähmen beispielsweise gerade Kollegen der Bußgeldstellen Dienst an den Bürgertelefonen wahr. Bei der Nachverfolgung der Kontakte stößt diese innerbehördliche Zusammenarbeit indes an Grenzen. Es möge sich nur jeder selbst die Frage stellen, mit wem er in den letzten Tagen länger als 15 Minuten direkten Kontakt gehabt habe. Da kämen schnell 20 Personen zusammen, die zu finden und zu informieren seien.
„Medizinische Ressourcen“ werden auf das Notwendige beschränkt
„Dabei offenbaren sich medizinische Fragen der möglichen Übertragung, die nur von medizinischem Fachpersonal beantwortet werden können“, sagt von Komorowski. Mit Blick auf die zu erwartenden stark steigende Anzahl an Infektionen werde sich dieses Problem noch verschärfen. Bereits am Dienstag hatte die Stadt Stuttgart auf Anfrage dieser Zeitung eine veränderte Politik bestätigt. Angesichts der wachsenden Infektionszahlen werde man vor allem die Hochrisikogruppen in den Blick nimmt, also insbesondere ältere und pflegebedürftige Menschen sowie chronisch Kranke, so Stadtsprecher Sven Matis. Getestet werde deshalb nur noch bei diesen Gruppen und bei schweren Krankheitsverläufen, „nicht mehr flächendeckend“, beschrieb Matis das neue Vorgehen. So sollten die „medizinischen Ressourcen“ auf das Notwendige konzentriert werden. In den Krankenhäusern der Stadt wird der Strategiewechsel bereits umgesetzt. „Wir müssen sparsamer mit den Tests umgehen“, sagt Mark Dominik Alscher, der medizinische Geschäftsführer des Robert-Bosch-Krankenhauses (RBK).
Isolation von Infizierten und Kontaktpersonen elementar wichtig
Im Stuttgarter Sozialministerium ist man sich der Schwierigkeit zwar bewusst – hält aber offiziell noch an der ursprünglichen Strategie fest. „Wir werden die Strategie des Containments und damit der Nachverfolgung von Kontaktpersonen so lange wie möglich intensiv weiterverfolgen“, sagt eine Sprecherin des Ministeriums. Die Isolation von infizierten Menschen und deren Kontaktpersonen sei elementar wichtig, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.
Während der sogenannten Containmentphase soll versucht werden, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. „Gleichzeitig sind wir jetzt auch schon in der Protection-Phase“, so die Sprecherin, in der es vorwiegend darum geht, Risikogruppen zu schützen – alte Menschen etwa und chronisch Kranke. Deshalb habe man auch Besuche in Pflegeheimen und Kliniken untersagt, um Personal und Patienten vor Ansteckung zu schützen.
Die Phasen einer Pandemie
Einteilung
Der Nationale Pandemieplan aus dem Jahr 2017 teilt den Verlauf einer Pandemie wie der aktuellen Corona-Krise in vier mögliche Phasen mit unterschiedlichen Bewältigungsstrategien.
Phase 1: Containment
Während der sogenannten Containmentphase wird versucht, die Pandemie einzudämmen, indem mögliche Infektionsketten identifiziert und isoliert werden. Die Kontaktpersonen von Virusträgern müssen dazu möglichst lückenlos erfasst werden.
Phase 2: Protection
Wenn eine Ausbreitung des Virus nicht mehr aufzuhalten ist, wendet sich der Fokus dem Schutz (Protection) besonders anfälliger Menschen zu.
Phase 3: Mitigation
Dabei geht es um Schadensbegrenzung. Ist die Seuche verbreitet und können besonders verletzliche Personen nicht mehr geschützt werden, bekommt die Minderung der Folgen höchste Priorität.
Phase 4: Recovery
Nach der Seuche ist vor der Seuche. Während sich die Bevölkerung erholt, werden die Bekämpfungsstrategien auf ihre Wirksamkeit geprüft und für die Zukunft angepasst.