Stuttgart - Die Schulen in Baden-Württemberg öffnen an diesem Montag flächendeckend wieder, während der Rest der Landes einen vierwöchigen Teillockdown beginnt. Der Beifall der Eltern im Südwesten für die Offenhaltung der Schulen ist den Regierenden ziemlich sicher. Das belegt der jüngste Umfrage zur Bildungspolitik vom Institut für Demoskopie in Allensbach für Baden-Württemberg, die veröffentlicht wurde, als die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten die harten Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie beschlossen: 92 Prozent der befragten Eltern im Land ist zuverlässige Betreuung in Schulen und Kindertagesstätten auch in der Krise wichtig oder sehr wichtig.
Bei den Lehrern ist der Trend umgekehrt. Die Gewerkschaft GEW und der baden-württembergische Philologenverband sind jetzt erneut für den Wechsel von Präsenz- und Fernunterricht bei geteilten Klassen eingetreten. Sie befürchten, dass die Landesregierungen die Gesundheit der Lehrer aufs Spiel setzen. Laut einer Umfrage des Philologenverbands im Land sehen es fast 60 Prozent der befragten Lehrer als psychische Belastung am, dass ihre Gesundheit durch die Kontakte mit Schülern und Kollegen möglicherweise gefährdet wird. Fast 65 Prozent fühlen sich durch die Hygienekonzepte ihrer Schule nicht genug geschützt.
Lehrerverbände fordern Wechselbetrieb
Den rollierenden Wechsel zwischen Präsenz- und Fernunterricht haben die Regierungschefs abgelehnt. Sie wollen die flächendeckende Offenhaltung möglichst aller Schulen und Betreuungseinrichtungen, obwohl es dort täglich Millionen Kontakte zwischen Schülern, Kitakindern, Lehrern und Betreuern gibt. Um trotzdem die zur Pandemie-Eindämmung nötige Reduktion der Kontakte um 75 Prozent zu erreichen, mussten andere Bereiche radikaler zurückstecken. So hat es Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) im Landtag erklärt. Das Kultusministerium hat den Schulen mitgeteilt, dass der Regelbetrieb nach den Herbstferien weitergeht wie zuvor: mit Maskenpflicht im Unterricht ab Klasse fünf und ohne Abstand.
Seit März rund 5200 Coronafälle in Bildungseinrichtungen
Das ist Grund genug, das Infektionsgeschehen an den Schulen in den Blick zu nehmen. Vorige Woche hat das Landesgesundheitsamt erstmals Corona-Fallzahlen an Schulen und Kitas im Südwesten veröffentlicht: In den acht Monaten seit Beginn der Pandemie wurden in den Bildungseinrichtungen bei den Beschäftigten 1616 Corona-Fälle und 3621 an Covid 19 erkrankte Kinder und Jugendliche registriert. Die Statistik ist angelehnt an die Lageberichte des Robert-Koch-Instituts. Bundesweit sind seit dem Ende der Sommerferien an Bildungseinrichtungen knapp 10 000 Coronafälle unter Kindern und Jugendlichen sowie 4000 erkrankte Beschäftigte registriert worden. Im Land kann man das Infektionsgeschehen im Schuljahr noch nicht beziffern, weil die Vergleichszahl beim Schulstart fehlt.
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Gingen die baden-württembergische Kinderstudie und internationale Untersuchungen bisher davon aus, dass das Covid-Infektionsrisiko für Kinder deutlich niedriger ist als bei Erwachsenen, wirft eine neue Untersuchung des Helmholtz-Zentrums München ein neues Licht auf das Thema. Das Risiko könnte sechsmal höher sein als die offiziellen Statistiken wiedergeben, schreiben die Forscher. Sie nutzten einen Test, der eigentlich der Entstehung von Diabetes-Typ-1 auf die Spur kommen wollte, und untersuchten 12 000 Blutproben auch auf Covid-Antikörper. Laut ihrer Auswertung enthielten von Januar bis März (vor Corona) nur 0,08 Prozent der entnommenen Proben Antikörper, die von einer zurückliegenden (mit Covid verwandten) Sars-CoV-2-Infektion stammen. Zwischen April und Juli waren im Schnitt 0,87 Prozent der Proben positiv. Im Vergleich zu den in Bayern gemeldeten Fällen bei bis zu 18-Jährigen, sei die Antikörperhäufigkeit damit etwa sechsmal höher gewesen, so das Helmholtz-Zentrum mit.
Zahlen beginnen mitten in den Ferien zu steigen
Da die offizielle Corona-Statistik ungenau ist, ist Vorsicht bei der Interpretation geboten. Im Südwesten will man aber mehr Transparenz, weshalb die Zahlen zum Infektionsgeschehen im Bildungsbereich jetzt jede Woche veröffentlicht werden sollen. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) befürwortet Antigen-Schnelltests in den Schulen. Deren Ergebnis gilt als weniger zuverlässig, liegt aber binnen Minuten vor. Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) lehnt das ab.