Coronavirus in China Peking: Angst vor zweiter Ansteckungswelle

Von Fabian Kretschmer 

In Chinas Hauptstadt stampfen Arbeiter ein Quarantäne-Krankenhaus aus dem Boden. In den nächsten Tagen kehren acht Millionen Arbeitsmigranten aus den Ferien zurück – ein epidemiologischer Albtraum.

Ein Plakat vor einer Wohnanlage in Peking warnt vor Ansteckung mit dem Coronavirus. Foto: AFP/Greg Baker
Ein Plakat vor einer Wohnanlage in Peking warnt vor Ansteckung mit dem Coronavirus. Foto: AFP/Greg Baker

Peking - Verkehrskreuzungen in Pekings Innenstadt muten dieser Tage wie Fußgängerzonen an. Doch vor dem Gelände des Xiaotangshan-Krankenhauses, weit außerhalb des sechsten Stadtrings, staut sich auf Hunderten Metern eine riesige Lastwagenkarawane. Auf den Ladenflächen lagern Gerüstrahmen und Fertigbauteile, die von den Arbeitern in wenigen Tagen zu einem großen Ganzen zusammengesetzt werden sollen. Zu Hunderten stehen sie bei Schichtwechsel am Eingang der Baustelle, durch ein Tor lassen sich Kräne auf einer riesigen Brachfläche ausmachen. Die Mission: Peking in Windeseile vor einer Welle von Coronapatienten zu schützen.

Peking selbst ist mit 274 Ansteckungsfällen und bisher nur einem Toten vergleichsweise moderat betroffen. Die größte Herausforderung steht der Stadt jedoch noch bevor: Die Behörden rechnen in den nächsten Tagen mit der Rückkehr von rund acht Millionen Arbeitsmigranten aus den Neujahrsferien – ein epidemiologischer Albtraum. Es kursiert die Angst, dass die Neuankömmlinge auch das Virus mit sich bringen könnten.

Dabei sind es ebenjene Landarbeiter, die mit dem Bau am Xiaotangshan-Krankenhaus die Hauptstadt der Volksrepublik vor der Virusepidemie schützen sollen. Rote Banner sind an den Außenfassaden ihres Wohnheims angebracht, auf denen propagandistische Durchhalteparolen prangen: „Gegen das Virus zu kämpfen ist unsere Verantwortung, den Kampf gegen das Virus werden wir gewinnen!“

Vor 17 Jahren wurde an derselben Stelle gegen Sars gekämpft

Vor 17 Jahren wurde auf demselben Gelände bereits vollbracht, was die Staatsmedien damals wahlweise als „medizinisches Wunder“ oder „Arche Noah gegen den Sturm der Sars-Epidemie“ gepriesen haben. In sechs Tagen und sieben Nächten zogen bis zu 7000 Bauarbeiter ein riesiges Quarantänekrankenhaus hoch, welches über eine Zeitspanne von zwei Monaten bis zu einem Siebtel aller Sars-Patienten behandelte. Noch im Juni 2003 wurde das Gelände jedoch vollständig sterilisiert und stillgelegt. Bis vor einer Woche die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua erstmals von erneuten Bauarbeiten berichtet hat. „Ob das Krankenhaus tatsächlich in Betrieb genommen wird, hängt von der künftigen Entwicklung des Virusausbruchs ab“, heißt es in der Pressemitteilung.

Lesen Sie hier (Plus): Sars und Corona: Welches Virus ist gefährlicher?

Seither hat der Kampf gegen die Ausbreitung des Virus die chinesische Hauptstadt weitgehend stillgelegt: Geschlossen sind die Büros, Universitäten, Kinos, Friseursalons und Tempel. Die wenigen Restaurants, die noch geöffnet sind, haben vor ihren Türen provisorische Marktstände aufgebaut: Wegen der ausbleibenden Kundschaft verscherbeln sie ihre allmählich ablaufenden Vorräte aus der Gemüsekammer. Vor den Wohnanlagen harren trotz Minusgraden bis in die tiefe Nacht die Pförtner auf Holzbänken, um sicherzugehen, dass keine fremden Besucher die Gebäude betreten.

Gleichzeitig vermittelt sich die Virusbedrohung in diesen Tagen auch über Kleinigkeiten: das Fenster im Linienbus, das trotz der eisigen Zugluft immer einen Spalt weit geöffnet bleiben muss. Das allgegenwärtige Piepen des Körpertemperatur-Scanners, ohne dessen Messung die meisten Pekinger nicht mehr ihre Wohnsiedlung betreten können. Der überall vorherrschende Geruch nach Desinfektionsmitteln in den ausnahmslos so gut wie leeren Zügen. Oder die Passantin im U-Bahn-Abteil, die sich über ihre Stoffhandschuhe noch Einweghandschuhe aus Plastik zieht.

Die Ferienrückkehrer haben Angst vor Peking

„Meine Eltern gehen alle paar Tage in den Supermarkt Gemüse einkaufen, ansonsten bleiben wir ausnahmslos zu Hause“, sagt eine Endzwanzigerin am Telefon, die ihren Namen nicht in der Zeitung wissen möchte. Derzeit verbringt sie die Feiertage zum Neujahrsfest im südchinesischen Guangxi, von wo aus sie die neuesten Entwicklungen des Virusausbruchs verfolgt: Viele ihrer Freunde wohnen in Wuhan, dem Epizentrum der Gesundheitskrise, wo sie selbst auch vier Jahre lang studiert hat.

„Zum Glück hat sich bislang dort keiner infiziert, den ich kenne. Doch gestern hat mir eine Freundin erzählt, dass eine ihrer Bekannten am Virus gestorben ist“, sagt sie. Für Sonntag hat die Büroangestellte ein Rückflugticket in die chinesische Hauptstadt gebucht: „Ich habe ehrlich gesagt Angst davor. Bei all den Leuten, die jetzt zurückkommen, wird die Ansteckungsgefahr groß sein – wir haben die Erfahrung ja schon bei Sars gemacht.“




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