Benachteiligte Gruppen und Migranten in Stuttgart Corona-Impfteams sollen zu den Menschen kommen

Die mobilen Impfteams werden in den kommenden Wochen wichtig bleiben. Foto: 7aktuell/Gruber

Weil die bisherige Impfkampagne nicht in allen Milieus gleichermaßen ankommt, suchen das Land und die Stadt Stuttgart nach Wegen, wie auch benachteiligte Gruppen und Migranten besser erreicht werden können.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Stuttgart - Land und Stadt forcieren ihre Aktivitäten, dass in den nächsten Wochen beim Impfen gegen das Coronavirus auch Menschen zum Zuge kommen, die aufgrund ihrer Lebenslage und ihres sozialen Hintergrunds sonst womöglich das Nachsehen hätten. Auf Landesebene hat es bereits einen Austausch mit Sozialverbänden gegeben, am heutigen Mittwoch ist eine Konferenz des Landessozialministers mit den Migrantenverbänden im Land vorgesehen.

 

Mit dabei wird das Deutsch-Türkische Forum Stuttgart sein. „Viele Leute haben wenig Informationen über Corona, über das Infektionsgeschehen und wie man sich schützt“, sagt Kerim Arpad, der Geschäftsführer des Deutsch-Türkischen Forums Stuttgart. Diese Erkenntnis habe man bereits im Vorjahr gewonnen, bei kleineren Seminaren und Aufklärungsaktionen in den sozialen Medien. Jetzt, wo das Impfen an Fahrt aufnehme, zeige sich auch, dass „viele Ältere noch nicht geimpft sind, weil ihnen die Zugänge fehlen“, sagt Arpad.

Rund 140 000 türkischstämmige Bürger in der Region

Eine besondere Impfskepsis kann Arpad nicht feststellen bei den türkischstämmigen Bürgern in Stuttgart, von denen rund 40 000 in der Landeshauptstadt leben, in der Region insgesamt 140 000. Auch in der Türkei sei man mit dem Impfen vertraut. Es sei eher der schwierige Zugang zu Terminen im Internet oder per Telefonhotline, dazu kämen sprachliche Barrieren. Nach seinem Eindruck erwarteten viele gerade der älteren Menschen, „dass sie von ihrem Arzt oder vom Staat angeschrieben werden“, sagt der Geschäftsführer. „Die Leute wollen sich schon impfen lassen“, ist Arpad überzeugt. „Sie wissen nur nicht, wie und wo.“

Deshalb hat der Verein mit dem Stuttgarter Gesundheitsamt ein Videoangebot entwickelt, mit dem diese Woche speziell türkischstämmige Einwohner über das Impfen gegen Corona informiert werden. Videoformate, hat man beim Deutsch-Türkischen Forum festgestellt, funktionieren in dieser Community deshalb recht gut, weil die Menschen mit der Bildtelefonie im Kontakt mit der alten Heimat vertraut seien.

Impfaktionen bei Moscheen und Kulturvereinen?

Wenn in wenigen Wochen endlich viel Impfstoff vorhanden sein wird, hält Kerim Arpad aber beim Impfen „aufsuchende Angebote für wichtig“. Damit möglichst viele Menschen erreicht werden, auch die verschiedenen Migrantengruppen, müssten die Impfangebote „so niederschwellig wie möglich sein“, erklärt der Geschäftsführer. So kann er sich sogenannte Pop-up-Impfangebote in den Stadtteilen vorstellen, an sozialen Einrichtungen, aber auch an Moscheen oder Kulturvereinen. Das Deutsch-Türkische Forum selbst habe ein Elterncafé im Hallschlag, das man gerne zur Verfügung stelle, so Arpad. Dass die Menschen auch zum Impfen kommen, dafür müsse man sie „jetzt sensibilisieren“. Dafür reichten Papierinformationen mit übersetzen Texten wie Flyer nicht aus, hat man beim Deutsch-Türkischen Forum festgestellt. Wichtig sei, über „Schlüsselpersonen“ und die sozialen Medien Zugang zu den Menschen zu finden.

Modellversuch in Mannheim

Mit Interesse blickt auch Kerim Arpad auf das am Montag vom Landessozialministerium und der Stadt Mannheim gestartete Modellprojekt im Stadtteil Hochstätt. Dieser hat eine schwierige Sozialstruktur, das Infektionsgeschehen und die Inzidenzen sind dort überdurchschnittlich hoch. Mit der Impfkampagne hat man die Bewohner bisher noch nicht wie erhofft erreicht.

Wie beim Dialog mit den Sozialverbänden sollen mit den Migrantenverbänden im Land „Ansätze und Maßnahmen entwickelt werden, die einer möglichen Tendenz zu einer geringeren Impfbereitschaft oder einem geringeren Impfzugang entgegenwirken“, erklärt das Sozialministerium. Initiativen wie denen von Moscheevereinen, die Impfangebote machen wollen, stehe man „offen gegenüber“. Es müssten aber „der Impfstoff vorhanden und die Logistik geklärt sein“.

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