Coronavirus in Stuttgart Stühlerücken in den Klassenzimmern

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Die Rektoren in Stuttgart müssen ihre Schulen wiederbeleben und stehen vor zahlreichen Problemen. In den Werkstätten der beruflichen Schulen gibt es Engpässe. Wie wird das Zusammentreffen vieler Schüler an den Stadtbahn- oder Bushaltestellen entzerrt?

Fürs Abitur – hier in der Mensa des Dillmann-Gymnasiums – brauchen die Schulen in diesem Jahr viel Platz. Foto: Christian Hass/Daniel Moritz
Fürs Abitur – hier in der Mensa des Dillmann-Gymnasiums – brauchen die Schulen in diesem Jahr viel Platz. Foto: Christian Hass/Daniel Moritz

Stuttgart - Am 4. Mai sollen die Abschlussklassen wieder in die Schulen kommen, um sich auf die anstehenden Prüfungen vorbereiten zu können. Noch verhandeln die Fachbehörden über die Details, doch klar ist: Die Schulleiter und Rektoren stehen enorm unter Druck.

Beispiel Neckar-Realschule in der Heilbronner Straße. 460 Schüler besuchen das Haus, 75 von ihnen sind derzeit in der zehnten Klasse und müssen am 4. Mai wieder einrücken. Hinzu kommen zwölf Schüler, die derzeit in der neunten Klasse sind und die Hauptschulabschlussprüfung ablegen wollen. „Ich weiß allerdings noch nicht, wie viele Schüler tatsächlich kommen und auf wie viele Klassenzimmer wir sie verteilen müssen“, sagt die Schulleiterin Elke Meyer.

Weniger Lehrer als üblich

Schüler, die zur Risikogruppe gehören oder deren Angehörige geschützt werden müssen, sind vom Schulbesuch befreit. Nun muss das Kollegium die Familien befragen und den Kontakt nutzen, den es für den Unterricht schon gab: per E-Mail, per Telefon, „teilweise auch per Post, weil manche Familien kein Internet haben. Das wird viel Arbeit“, sagt Meyer.

Ungewiss sei auch, wie viele der 32 Lehrer zur Verfügung stehen. Bei vier bis fünf sei unklar, ob eine Vorerkrankung ihren Einsatz verhindern werde, drei seien über 60 Jahre alt und gehörten deshalb zur Risikogruppe.

Unterricht fürs Klassen- und Kinderzimmer

Damit der vorgegebene Abstand zwischen den Schülern eingehalten werde, müssten die Klassen mindestens halbiert, vielleicht sogar gedrittelt werden. Und dann erinnert Elke Meyer noch an die Schüler im Homeoffice – auch an diejenigen aus der Risikogruppe, die zeitgleich genau so gut auf die Prüfungen vorbereitet werden müssten wie die zurückgekehrten Schüler. „Niemandem soll aus dieser Notsituation ein Nachteil entstehen, das müssen wir hinkriegen“, sagt Meyer.

Wenn ihre rund 80 Prüflinge am 4. Mai wiederkommen, sind sie nicht die einzigen an der Stadtbahnhaltestelle: Rund herum liegen zahlreiche berufliche Schulen „mit einigen tausend Schülern“, so Meyer, „wir müssen dringend einen rollierenden Unterricht absprechen, damit die nicht alle in der Bahn zusammentreffen“.

Stadt: Schulen seien ausreichend ausgestattet

Um Hygienematerial an Schulen kümmert sich das Schulverwaltungsamt. Man habe sie, so die Pressestelle der Stadt, „ausreichend mit Seife, Papierhandtüchern und Klopapier ausgestattet, schon zu Beginn der Corona-Epidemie“. Seither werde regelmäßig aufgefüllt. Noch vor Öffnung der Schulen sei entsprechend der Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts eine etwas gründlichere Reinigung des Gebäudes und der Oberflächen geplant. Oberbürgermeister Fritz Kuhn begrüßte am Donnerstag die schrittweise Schulöffnung: „Diese Entscheidung bestätigt die von den Städten im Land verfolgte Linie und gibt uns Zeit, dass sich die Schulen angemessen vorbereiten können.“

In Feuerbach tüftelt Felix Winkler, der geschäftsführende Schulleiter der 14 gewerblichen Schulen in Stuttgart, an einer Lösung. An der von ihm geleiteten Schule für Farbe und Gestaltung besuchten rund 180 Schüler die Abschlussklasse. Hinzu kämen Schüler der einjährigen Berufsfachschule sowie 180 Zwischenprüflinge aus dem zweiten Lehrjahr. In Stuttgart würden 600 Schüler die Prüfungen antreten, 65 000 in ganz Baden-Württemberg.

Schulleiter plädiert auf Prüfungsverzicht

Winkler wünscht sich, dass das Land klarer als bisher definiert, was unter Abschlussklasse zu verstehen ist. In einigen Berufen müsse im zweiten Lehrjahr eine Zwischenprüfung abgelegt werden, das Ergebnis zähle zum Abschluss hinzu. „Die könnte man auch ins dritte Lehrjahr hineinverschieben“, schlägt Winkler vor. Für andere Berufe verlangen die Handwerkskammern eine Zwischenprüfung, die nur als Lernstandserhebung betrachtet werde. Letztere hält Felix Winkler für verzichtbar. „Wir hoffen auf das Entgegenkommen der Kammern.“

Vor allem wegen der praktischen Prüfungen, die zwischen 29. Juni und 24. Juli stattfinden, sei das wichtig. „250 Schüler müssen diese Prüfung noch ablegen, aber in den Werkstätten haben wir nur Platz für zwölf Personen, unter den verlangten Hygienestandards nur für acht. Alle 250 Prüflinge innerhalb der vorgesehenen vier Wochen da durchzubringen, ist nicht möglich.“ Ohne Zwischenprüfung müsste er 180 Schüler weniger unterbringen.

Ungleiche Chancen bei Berufsschülern

Die Belastung der Schüler sei ohnehin groß, die Unterschiede beim Homeschooling nicht minder. „Wir haben im Messebau Berufsschüler, die freigestellt sind und Zeit zum Lernen haben, andere müssen in ihrer Firma mehr arbeiten als bisher, weil Mitarbeiter ausgefallen sind.“ Winkler verspricht: „Die Prüfungen werden mit Augenmaß bewertet.“




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