Coronavirus in Stuttgart und der Region Was die Pandemie für den Tierschutz bedeutet

Von Lena Hummel 

Das Coronavirus macht auch vor Tierschutzvereinen nicht Halt: Die Tierheime in Stuttgart und der Region bleiben für Besucher geschlossen, die Einfuhr von Tieren aus dem Ausland ist schwierig. Aber was bedeutet das für die Tiere – und ihre Interessenten?

Wer ein Tier aus dem Tierheim adoptieren möchte, muss sich zunächst telefonisch oder per Mail anmelden (Symbolbild). Foto: picture alliance/dpa/Christin Klose
Wer ein Tier aus dem Tierheim adoptieren möchte, muss sich zunächst telefonisch oder per Mail anmelden (Symbolbild). Foto: picture alliance/dpa/Christin Klose

Stuttgart - Wer in diesen Tagen die Internetseite des Stuttgarter Tierschutzvereins besucht, kann dort lesen, dass das Tierheim in Botnang aus aktuellem Anlass für Besucher und Tierinteressenten geschlossen bleibe. „Mit dieser Maßnahme wollen wir unsere Mitarbeiter vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen“, sagt die Tierheimleiterin Marion Wünn. Denn der Besucherandrang auf die Einrichtung sei unter Normalbedingungen hoch. „Und wir wissen nicht, welche Kontakte all die Menschen hatten“, ergänzt Wünn.

Die Versorgung der tierischen Bewohner sei trotzdem gewährleistet: Die Pfleger seien vor Ort, Tiere würden aufgenommen und nach Absprache auch vermittelt. In den Einrichtungen in der Region sind die Zustände ähnlich: Die Tierheime in Großerlach (Rems-Mur-Kreis), Ludwigsburg, Göppingen und Esslingen bleiben geschlossen, Tiere werden weiterhin aufgenommen und vermittelt.

Tierheime fürchten steigende Zahlen

Weil Letzteres aber nicht mehr so einfach funktioniert wie vor Corona, sei die Sorge groß, dass die Zahl der Tiere in den Heimen rapide zunehme, sagt Lea Schmitz, die Pressesprecherin des Deutschen Tierschutzbundes. Manche Tierheime berichteten auch von Anfragen unwissender Tierhalter, die ihre Haustiere aus Angst vor einer Ansteckung abgeben wollten. Zwar sind inzwischen wenige Fälle bekannt, in denen sich Hund und Katze mit dem Coronavirus angesteckt haben, laut dem Deutschen Tierschutzbund gebe es aber „keine konkreten Hinweise dafür, dass Tiere das Virus übertragen“.

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Glücklicherweise seien solche Anfragen „wirklich eher Einzelfälle“ gewesen, sagt Schmitz. Auch in Stuttgart, Großerlach und Ludwigsburg hat bislang niemand angerufen, der sein Tier wegen des Coronavirus abgeben wollte – und auch niemand, der es „wegen häuslicher Quarantäne zu uns in Pflege bringen wollte“, berichtet Irmtraud Wiedersatz, die erste Vorsitzende des Tierschutzvereins Backnang, der das Tierheim in Großerlach betreibt.

Kein Rettungsschirm für Tierheime

Wirklich problematisch sei dagegen, dass „viele Tierheime finanziell schlecht dastehen, weil sie ihre Veranstaltungen wie Osterfeste, Basare oder Tage der offenen Tür absagen mussten, an denen in der Regel viele Spenden eingenommen werden“, so Lea Schmitz. Auch im Ludwigsburger Tierheim findet in diesem Jahr kein Ostermarkt statt. Und Christoph Bächtle, der erste Vorsitzende des dortigen Tierschutzvereins befürchtet, dass das Spendenaufkommen durch die Rezession weiter zurückgehen wird. „Leider gibt es für Tierheime keinen Rettungsschirm“, sagt er.

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Immerhin läuft die Vermittlung im Ludwigsburger Tierheim trotz der strengeren Regeln gut. „Die Leute haben Verständnis dafür, dass das Tierheim geschlossen ist, und die Interessenten gehen den neuen Weg bei der Tiervermittlung mit“, lobt Bächtle. Auch im Stuttgarter Tierheim würden derzeit noch nicht weniger Tiere vermittelt, sagt Marion Wünn. Dementsprechend gebe es in der Einrichtung in Botnang noch kein Kapazitätsproblem. Ob das in ein paar Wochen noch immer so sein wird, könne sie aber nicht vorhersagen.

Tiere im Ausland leiden

Weil viele Grenzen dicht sind, haben Vereine, die sich für den Auslandstierschutz einsetzen, größere Probleme. „Die Hunde, die nun nicht wie geplant ausreisen konnten, bleiben im Tierheim“, sagt Melanie Kulle, die erste Vorsitzende des Vereins Herz für Ungarnhunde, der einmal im Monat etwa 25 Hunde aus dem Tierheim in Esztergom nach Deutschland bringt. Das bedeutet nicht nur, dass die Tiere länger auf ihr neues Zuhause warten müssen, sondern auch, dass keine neuen Tiere in das ungarische Tierheim einziehen können und „unter schlechten Bedingungen in ihren Familien, in den staatlichen Tötungen oder allein auf der Straße“ bleiben.

Der im Landkreis Tübingen ansässige Tierschutzverein Tierhilfe Hoffnung, der im rumänischen Pitesti das größte Tierheim der Welt betreibt, hat dafür eine Lösung gefunden. Matthias Schmidt, der erste Vorsitzende des Vereins, deklariert die ausreisenden Tiere seit Beginn der Corona-Krise als Ware – und stellt so den Transport über die Grenze sicher. Denn der Warenverkehr bleibt von den Grenzschließungen unberührt.

Als Tierschützer ist das für Schmidt eigentlich ein rotes Tuch – und gleichzeitig ist es die einzige Möglichkeit, den Betrieb des riesigen Tierheims aufrechtzuhalten. 6000 Hunde leben dort. Und jeden Tag ziehen neue ein – weil sie aus städtischen Tötungsstationen gerettet oder Welpen von unachtsamen Besitzern abgeben werden. Ohne die Transporte nach Deutschland, käme das Tierheim schnell an seine Kapazitätsgrenzen.




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