Coronavirus Jetzt gegen Grippe impfen – ja oder nein?
Sollte man sich ausgerechnet jetzt gegen Influenza immunisieren lassen? Wir haben einen Gesundheitsexperten gefragt.
Sollte man sich ausgerechnet jetzt gegen Influenza immunisieren lassen? Wir haben einen Gesundheitsexperten gefragt.
Stuttgart/Berlin - Gegen das neuartige Coronavirus gibt es noch keinen Impfstoff. Aber dafür gegen andere Infektionskrankheiten, die es in Zeiten der Corona-Pandemie zu vermeiden gilt: allen voran die Grippe. Es sei wichtig, einen guten allgemeinen Gesundheitszustand in der Bevölkerung zu erhalten, heißt es vom Robert-Koch-Institut (RKI). Was für eine Immunisierung spricht, wer sich impfen lassen sollte und auch wie gut der Schutz ist, darüber klären Experten auf. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Sind Grippeviren nicht das kleinere Übel im Vergleich zum Covid-19-Virus?
Ärzte wie Jan Steffen Jürgensen, Medizinischer Vorstand des Klinikums Stuttgart, warnen davor, eine Influenza auf die leichte Schulter zu nehmen: „Eine Grippe kann einen komplizierten, gar tödlichen Verlauf nehmen.“ Insbesondere bei Älteren und Menschen mit Vorerkrankungen sei das Risiko hoch. Bei Schwangeren könne eine Infektion unter Umständen auch das ungeborene Kind gefährden. Daher sei eine Impfung in jedem Fall empfehlenswert. „Auch wenn sie nicht zu hundert Prozent vor einer Erkrankung schützt, so kann sie dennoch den Verlauf abmildern.“ Aus gesellschaftlicher Sicht sei eine Impfung ebenfalls wichtig: „Aufgrund einer Immunisierung sinkt die Wahrscheinlichkeit, selbst zum Überträger dieser Krankheit zu werden – man schützt also auch andere“, sagt Jürgensen. Und je milder eine Grippewelle verläuft, umso besser ist dies auch für das Gesundheitssystem: „Influenza und Covid-19 beanspruchen medizinisch geschultes Personal und – bei schweren Verläufen – auch die gleichen Gerätschaften“, sagt Jürgensen. Ein Zusammentreffen oder eine Überlappung beider Erkrankungen erhöhe das Risiko, dass es zu Engpässen in Kliniken komme. „Das gilt es zu vermeiden.“
Bei welchen Krankheiten lohnt es sich noch, die Impfung aufzufrischen oder gegebenenfalls nachzuholen?
Neben Influenza-Viren könnten auch Pneumokokken in Kombination mit einer Covid-19-Erkrankung unter Umständen zu einer Superinfektion führen. Die Bakterien können eine schwere Lungenentzündung und auch eine Blutvergiftung auslösen. Das RKI geht bislang davon aus, dass eine Impfung gegen diese Erkrankung die Gefahr einer Komplikation bei Covid-19-Patienten bannt. Keuchhusten (Pertussis) ist eine bakterielle Infektionskrankheit der Atemwege, für die starke Hustenanfälle typisch sind. Menschen, die schon durch Sars-CoV-2 geschwächt sind, kann eine Infektion mehr zusetzen. Und auch umgekehrt: Bei Menschen, die durch Pertussis geschwächt sind, könnte das Coronavirus leichteres Spiel haben.
Wer sollte sich impfen lassen?
Die Risikogruppen für Covid-19 und Influenza sind deckungsgleich: Gefährdet sind vor allem ältere Menschen über 60 und Patienten mit Grunderkrankungen. Diesen Gruppen empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) die Grippeschutzimpfung. Dazu kommt eine Impfempfehlung für medizinisches und pflegerisches Personal sowie für Schwangere. Bei der Frage, ob sich auch Kinder impfen lassen sollten, geht die Expertenmeinung auseinander: Während die Stiko eine Immunisierung nur Kindern mit Vorerkrankungen empfiehlt, rät die Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie dazu, alle Kinder zu impfen – auch aus Gründen der Herdenimmunität.
Die Pneumokokken-Impfung wird Kindern in den ersten beiden Lebensjahren empfohlen, ebenso älteren Menschen ab 60 Jahren und chronisch Kranken, die in den vergangenen sechs Jahren nicht gegen diesen Erreger geimpft worden sind.
Gegen die Erreger einer Pertussis sollten Kinder sowie alle Erwachsenen einmalig bei der nächsten fälligen Tetanus- und Diphterie-Impfung geimpft werden. Auch Schwangere sollten sich ab der 28. Woche dagegen immunisieren lassen.
Wird es überhaupt genug Impfstoffe geben?
Sollten alle Risikopatienten eine Grippeimpfung haben wollen, wären das rund 40 Millionen Menschen. Es werden aber wohl nur 25 Millionen Dosen angeboten. Dennoch betont Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI): „Wir können derzeit keinen Mangel an Grippeimpfstoff für die Influenza-Saison in Deutschland erkennen.“ Der medizinische Vorstand des Klinikums Stuttgart, Jan Steffen Jürgensen, schlägt vor: „Um zu verhindern, dass es zu einer Unterversorgung der Risikogruppen kommt, ist es sinnvoll, dafür zu werben, dass sich erst diese impfen lassen, bevor man die Impfempfehlung auf die gesamte Bevölkerung ausweitet.“ Grundsätzlich sollte aber jeder die Möglichkeit haben, sich immunisieren zu lassen, wenn er es denn möchte.
Schwieriger sieht die Lage beim Pneumokokken-Impfstoff Pneumovax 23 aus. Dieser ist aktuell in Deutschland nur eingeschränkt verfügbar. „Alle Hersteller von Pneumokokken-Impfstoffen haben dieses Jahr aufgrund des hohen Bedarfs zusätzliche Impfstoffdosen auf den deutschen Markt gebracht“, sagt PEI-Präsident Cichutek. Da ein Hochfahren der Produktion Monate dauere, könne es aber noch zu vorübergehenden Engpass-Situationen kommen.
Wie verträglich ist der Impfstoff?
Angst vor ernsthaften Nebenwirkungen muss keiner haben: „Die Vakzine gegen Pneumokokken und Pertussis sind langjährig erprobt“, sagt Jan Steffen Jürgensen vom Klinikum Stuttgart. Und auch der Grippeimpfstoff sei in der Regel ein Totimpfstoff, der gut vertragen wird. Möglich sind Reizungen an der Einstichstelle, selten kurzes Fieber und ein Krankheitsgefühl.