Coronavirus Warum wollen sich immer weniger Menschen impfen lassen?
Die Zahl der Impfwilligen sinkt spürbar. Das liegt nicht nur am Ladenhüter Astrazeneca. Was bewegt Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen?
Die Zahl der Impfwilligen sinkt spürbar. Das liegt nicht nur am Ladenhüter Astrazeneca. Was bewegt Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen?
Stuttgart - Nach einem langen Spurt mit deutlich mehr Impfungen sinkt die Zahl der täglich durchgeführten Impfungen in Deutschland mittlerweile – von mehr als 800 000 Impfungen im Juni auf noch rund 700 000 in der vergangenen Woche. Der Grund: Es gibt weniger Zweitimpfungen, aber nicht entsprechend mehr Erstimpfungen. Bereits seit Mitte Mai geht die Zahl derer, die sich erstmals impfen lassen, zurück. Zwar erhielten im Mittel zuletzt immer noch jeden Tag mehr als 300 000 Menschen ihre erste Dosis, Anfang Mai war der Wert aber zwischenzeitlich fast doppelt so hoch.
Mittlerweile ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung einmal und ein starkes Drittel vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Das sind an sich gute Werte. Der Weg zur Herdenimmunität ist trotzdem noch lang. Das Robert-Koch-Institut schreibt in einer aktuellen Analyse, dass mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der über 60-Jährigen vollständig geimpft sein müssen, um eine ausgeprägte vierte Infektionswelle im Herbst und damit verbundene neue Einschränkungen zu vermeiden. Ausgehend von den aktuellen Werten müsste sich noch ein Drittel der Jüngeren sowie jeder zehnte Ältere zur Impfung entschließen – rund zwanzig Millionen Menschen, Kinder noch nicht mitgerechnet.
Zugleich ändern sich derzeit die Herausforderungen der Impfkampagne: Nachdem ein halbes Jahr lang der Impfstoff knapp war, sind es nun diejenigen, die sich impfen lassen wollen. „Der gelieferte Impfstoff wird im Juli nicht mehr der limitierende Faktor sein“, schreibt das Science Media Center in seinem „Corona-Report“. Vielmehr wollen sich aktuell nur noch vier von zehn Ungeimpften um eine Corona-Impfung bemühen. Das ergibt die an der Uni Erfurt geleitete und für die Gesamtbevölkerung repräsentative Cosmo-Studie. Mit dieser Impfbereitschaft wäre eine Impfquote von gut 80 Prozent zu erreichen, errechnen die Erfurter Forscher – vermutlich zu wenig, um eine vierte Infektionswelle im Herbst zu vermeiden.
Die Impfbereitschaft unter Ungeimpften sinkt derzeit rapide, noch im Mai waren zwei Drittel der Ungeimpften zum Stich bereit. Das hat aus Sicht der Erfurter Forscher vor allem damit zu tun, dass viele Impfbereite mittlerweile einen Termin ergattert haben. Seit Mai ist die Impfpriorisierung aufgehoben; viele, auch jüngere Menschen sind seither geimpft worden.
Warum wollen Menschen sich nicht impfen lassen? Auch das fragt die Cosmo-Studie. Praktische Probleme bei der Terminvergabe können nicht angegeben werden; mittlerweile fallen sie auch kaum mehr ins Gewicht. Der stärkste Grund, sich nicht impfen zu lassen, ist demnach die Risikoabwägung. „Unentschlossene sollten vor allem über den individuellen Nutzen und Risiken der Impfung und deren Verhältnis zueinander aufgeklärt werden“, empfiehlt das Forscherteam um die Professorin Cornelia Betsch den Gesundheitsbehörden. Die Informationen müssten vor allem laienverständlich sein.
Die Forscher haben weitere Tipps, um die Impfmoral zu erhöhen. Hilfreich sei etwa der Hinweis, dass man mit einer Impfung auch andere schützt. Hierfür seien etliche Ungeimpfte empfänglich. Zuletzt hat aber auch der Anteil derer deutlich zugelegt, die glauben, dass ohnehin schon genügend andere geimpft seien und sie selbst daher keine Impfung benötigten. Alltagsstress wird zuletzt häufiger als Grund genannt, sich nicht impfen zu lassen – ein Hinweis darauf, dass niederschwellige Impfangebote helfen könnten. „Gerade wenn Impfzentren in Zukunft wegfallen, sollten Personen ohne Hausarzt unterstützt werden, einen alternativen Impfort zu finden“, schreiben die Erfurter Forscher. So gesehen scheint es die richtige Entscheidung, dass etwa die baden-württembergischen Kreisimpfzentren mindestens bis Ende September weiterarbeiten.
Das aktuelle Infektionsgeschehen dürfte kaum dazu beitragen, die Impfbereitschaft zu steigern. Warnungen vor einer durch die Delta-Variante befeuerten vierten Infektionswelle sind (noch) nicht durch steigende Infektionszahlen unterfüttert. Dabei lässt sich eher impfen, wer sich vor einer vierten Welle und der Delta-Variante fürchtet. Ungeimpfte, auch das belegt die Cosmo-Studie, zeigen zudem weniger Schutzverhalten – und das, obwohl sie nicht gegen eine Erkrankung und vor allem einen schweren Verlauf geschützt sind.
Was wird eigentlich geimpft? Es bleibt abzuwarten, ob die mit Blick auf die Delta-Variante aktualisierte Impfempfehlung – Erstimpfung mit Astrazeneca, Zweitimpfung nur vier Wochen später mit Biontech oder Moderna – das Impftempo in Deutschland nochmals beschleunigt. „Astrazeneca wird zunehmend der Ladenhüter unter den Impfstoffen. Er ist politisch einfach zerredet worden“, sagte Oliver Funken am Dienstag zur „Rheinischen Post“.
Der Chef des Hausärzteverbandes Nordrhein berichtete, dass viele Patienten den Biontech-Impfstoff wünschten. Die nordrhein-westfälischen Hausärzte würden daher auf Astrazeneca verzichten. Aus Arztpraxen in anderen Teilen Deutschlands kommen ähnliche Berichte, auch in Baden-Württemberg. Selbst Impfaktionen, bei denen man ohne Termin sofort eine Astrazeneca-Dosis gespritzt bekommen konnte, werden schlecht angenommen.
Somit ist offen, ob die Ende Juni gelieferten fünf Millionen Impfdosen von Astrazeneca überhaupt vollständig verbraucht werden. Dabei gilt gerade gegen die Delta-Variante eine Kreuzimpfung als besonders wirksam. Die mehrfach geänderten Empfehlungen der Ständigen Impfkommission gerade zum Umgang mit Astrazeneca wurden allerdings häufig kritisiert.
Ebenfalls nicht unwichtig: Viele ältere Menschen, die im Frühjahr bei der Erstimpfung Astrazeneca erhalten hatten, kriegen für die Zweitimpfung nun Biontech und Moderna gespritzt. Diese mRNA-Impfstoffe fehlen dann möglicherweise für die Erstimpfung von Jüngeren, wie beispielsweise das baden-württembergische Sozialministerium befürchtet. Dass im Gegenzug die dadurch frei werdenden und breit verfügbaren Astrazeneca-Dosen im großen Stil von jüngeren Impfwilligen nachgefragt werden oder Impfskeptiker zum Umdenken bewegen, ist wegen der Vorbehalte gegen diesen Impfstoff unwahrscheinlich.