Coronavirus Mitarbeiterinnen im Handel kaum geschützt

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Im Handel tut sich eine bizarre Kluft auf: Der eine Teil der Beschäftigten sorgt sich wegen der Zwangsschließungen um den Job – der andere vor einer möglichen Virusinfektion. Und zumeist sind es Frauen, die an vorderster Front arbeiten und davon tangiert sind.

Praktisch ungeschützt vor Viren nimmt eine Kassierein in einem Supermarkt das Geld einer Kundin entgegen. Foto: /Oliver Berg
Praktisch ungeschützt vor Viren nimmt eine Kassierein in einem Supermarkt das Geld einer Kundin entgegen. Foto: /Oliver Berg

Stuttgart - Im Einzelhandel geht die Furcht vor einer Pleitewelle um, denn praktisch alle Geschäfte, die keine Lebensmittel verkaufen, müssen schließen. Nach Angaben des Handelsverbandes Deutschland (HDE) gehen im Non-Food-Bereich jeden Tag 1,15 Milliarden Euro an Umsatz verloren. Demnach könne es schon in drei bis vier Wochen Insolvenzen geben, warnt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Er fordert von der Regierung „Direktzahlungen, die weit über das Beschlossene hinausgehen“ – für große Kaufhausketten genauso wie für den Mittelstand.

Keine Erfahrungen mit der Kurzarbeit

Existenznöte haben damit auch die Beschäftigten, die bisher zum Beispiel Mode verkauft haben. Die Frühjahrsware bleibt in den Lagern liegen. Regelungen zur Kurzarbeit seien im Handel weitgehend unbekannt, sagt Verdi-Landesfachbereichsleiter Bernhard Franke. „Damit gibt es keine Erfahrungen.“ Folglich mangele es an Rahmenbedingungen. Zwar habe die Bundesregierung die Regelungen zur Kurzarbeit verbessert, aber für die Handelsmitarbeiter in niedrigen Einkommensstufen bräuchte man auch Aufstockungsregelungen. In den Tarifverträgen gebe es dazu nichts. Entsprechend groß ist die Verunsicherung der Betriebsräte im Umgang mit dem Arbeitgeber.

Das Thema ist auf Bundesebene erkannt – offenbar arbeiten der Gewerkschaftsbund (DGB) und die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) an einer Rahmenvereinbarung, der sich auch die Gewerkschaft Verdi und der HDE anschließen können. „Funkstille“ herrscht diesbezüglich in Baden-Württemberg, weder im Einzelhandel noch im Großhandel stehen Verbände und Gewerkschaft derzeit im direkten Austausch über die Krise. Franke geht aber davon aus, „dass wir ins Gespräch kommen werden“.

Plastikhandschuhe sind die große Ausnahme

Vor ganz anderen Herausforderungen stehen die Mitarbeiter im Lebensmittelhandel und in den Drogerien, die alle geöffnet bleiben sollen – sie treibt die Furcht vor Infektionen um. „Da haben die Beschäftigten große Sorgen, weil sie sich nicht gut geschützt fühlen“, sagt Franke. Außer Plastikhandschuhen etwa im Fall des Discounters Penny gebe es kaum Maßnahmen, um die zu schützen, die den Betrieb aufrecht halten. „Da würden wir uns deutliche Verbesserungen wünschen.“ So fordert Verdi bundesweit die Regierungen auf, wirksame Schutz- und Hygienemaßnahmen anzuordnen und die Arbeitgeber zu deren Einhaltung zu verpflichten. Dazu gehöre die Ausweitung der bargeldlosen Bezahlung, zudem müssten Pausen für das Händewaschen enger getaktet und ausgeweitet werden; Arbeitsgeräte müssten regelmäßig desinfiziert werden.

Zu allem Überfluss sehen sich die Mitarbeiter einer wachsenden Arbeitsbelastung gegenüber, falls nun auf breiter Front Sonderschichten oder Sonntagsarbeit angeordnet werden. „Da kommt man relativ leicht an Belastungsgrenzen“, betont Franke. Denn es sind zu 70 bis 75 Prozent Frauen im Handel tätig, die ja auch ihre Nöte mit den Schul- und Kitaschließungen haben. „Die Frauen brauchen Lösungen für ihre Familien – dafür tun uns die Arbeitgeber zu wenig.“ Auf Sonntagsarbeit im Verkauf würden die Unternehmen allerdings keinen großen Wert legen, weil die Erforderlichkeit nicht gesehen werde, so der Verdi-Experte – anders hingegen in der Belieferung, dem aktuellen Nadelöhr.

Die „Heldinnen der Coronakrise“

„Die Heldinnen der Coronakrise sind die Pflegerinnen in den Gesundheitseinrichtungen, die Verkäuferinnen im Handel und die Erzieherinnen in den Notfallkitas“, sagt der Verdi-Landesvorsitzende Martin Gross. „Sie schuften bereits seit Wochen unter Hochdruck und erhöhtem Risiko – und werden dies in den kommenden schweren Wochen weiter machen müssen.“ Sie müssten deshalb vor Ansteckungen und Überlastung geschützt werden. Die Politik müsse einen Mindeststandard sicherstellen.

Sollten zudem die Arbeitszeitkorridore für längere Öffnungszeiten im Lebensmittelhandel ausgeweitet werden müssen, sei die Einbeziehung der Betriebsräte oberste Pflicht. Niemandem sei gedient, wenn die Mitarbeiterinnen überlastet würden. Mit Blick auf den „Equal Pay Day“ am Dienstag erinnert Gross: „Die absolute Systemrelevanz dieser typischen Frauenberufe spiegelt sich nicht in den Gehältern.“

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