Herr Dr. Genner, bis vor Kurzem haben wir das Preppen ja eher belächelt.
Ja, in der medialen Berichterstattung erscheint der Prepper als ein faszinierender Exot, als paranoider Spinner und dann natürlich als rechtsextremer Gefährder. Zwischen diesen drei Stereotypen schwankt die Berichterstattung eigentlich immer.
Und was sagen Sie als Wissenschaftler? Ist das alles falsch?
Das Preppen ist tatsächlich für Rechtsextreme und die „Reichsbürger“-Szene anschlussfähig. Wir erinnern uns an die Ermittlungen in Sachen Nordkreuz und Hannibal-Netzwerk. Da spielt ein gewisses Misstrauen gegen die etablierten Institutionen eine Rolle, die uns im Krisenfall nicht schützen und versorgen können. Mit rechts-, aber auch linksextremen Verschwörungstheorien lässt sich dieses Misstrauen natürlich beliebig steigern. Da geht es dann um die „Umvolkung“, um die Islamisierung, die angeblich von der Regierung betrieben wird, und um die jüdische Weltverschwörung. Aber das ist nur die eine Richtung unter den Preppern.
Und die andere?
Das ist aus meiner Sicht die weitaus größere. Diese Leute sagen, meine Vorbereitung ist eine Form von gesellschaftlichem Engagement. Wenn alle vorbereitet wären, müsste jetzt niemand Hamsterkäufe tätigen. Diese Leute sehen Preppen als Beitrag zum Funktionieren der Gesellschaft.
Dann sind die Prepper nicht verantwortlich für die aktuelle Klopapiernot?
Nein, ich denke nicht. Was ich aus den verschiedenen Internetforen heraushöre, ist eher der Tenor: Ich habe es ja schon immer gesagt, aber jetzt hören auch endlich meine Verwandten auf mich, dass es sinnvoll ist, ein paar Vorräte zu haben. Sicher haben manche Prepper jetzt auch aufgestockt. Aber die meisten lehnen sich zurück und sagen: Ich habe keine Panik. Ich habe von allem genug zu Hause. Ich muss mich jetzt nicht in die Schlange stellen. Ich kann ganz gelassen abwarten, ob die Ausgangssperre kommt.
Ist Preppen ein Krisenphänomen?
Unbedingt. Seit 2009 hat es sich sowohl in den USA, aber auch in Europa als Nachbeben der Finanzkrise immer stärker etabliert. Der ganze Optimismus der 1990er Jahre, diese Hoffnung auf eine „gute Globalisierung“, die Wohlstand, Demokratie und sozialer Marktwirtschaft versprach, hat sich am Ende der Nullerjahre etwas zerschlagen.
Seither folgt scheinbar eine Krise der nächsten. Aber Vorratshaltung ist ja in der Geschichte der Menschheit ganz normal.
Auf jeden Fall. Meine Großmutter hat noch selber Joghurt gemacht und sich über den Garten selbst versorgt. Was aber anders ist: Preppen ist heute ein Lebensstil, ein Hobby, eine Leidenschaft. Um meine Großmutter richtig einzuschätzen: Für sie war das vor allem harte Arbeit.
Wie groß ist die Prepper-Szene eigentlich?
Da gibt es keine Statistik, die das erfassen würde. Klar, es gibt etliche Internetforen mit einigen Dutzend oder auch ein paar Hundert Mitgliedern. Aber solche Zahlen sagen nicht viel.
Welche Diskussionen werden in diesen Foren gerade geführt?
Am verschwörungstheoretischen Pol werden die verschärften Regelungen zum Infektionsschutz als Hinweis dafür gesehen, dass die New World Order kommt, also die Einführung eines autoritären Systems, das unsere Freiheitsrechte sklavisch einschränkt. Am anderen Pol geht es darum, wie man die Gesellschaft in dieser Situation unterstützen kann, dass man sich an die Anweisungen der Bundesregierung halten soll. Es geht aber auch um banale Sachen, ob man sich doch noch ein Kompostklo kaufen soll oder ein Solaraggregat oder wie man Lebensmittel vakuumiert.
Ab wann ist man überhaupt ein echter Prepper?
Vorräte für drei Monate angelegt, zwei Survival-Trainings gemacht, und schon ist man dabei? So einfach ist das nicht. Es gibt ja keinen Szene-Präsidenten, der über die Aufnahme entscheidet. Manche lehnen den Begriff Prepper ohnehin ab und bezeichnen sich lieber als Krisenvorsorger. Diejenigen, die es ernst nehmen, grenzen sich von denen ab, die nur hamstern oder sinnlos Dinge anhäufen. Vielen, mit denen ich spreche, ist es wichtig, dass es sich um eine kontinuierliche Auseinandersetzung handelt, dass man Vorräte ständig erweitert oder optimiert, Listen führt und Konserven an der Verfallsgrenze auch wieder in den Alltag integriert und verbraucht. Und dass man sich überlegt, welche Fähigkeiten man sich noch aneignen sollte: Erste Hilfe, Selbstverteidigung, Feuermachen ohne Feuerzeug. Für solche Leute ist es wirklich eine regelrechte Freizeitbeschäftigung.
Ist das ein teures Hobby?
Nach oben sind da keine Grenzen gesetzt. Allein Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs für drei Monate – da kommen schnell ein paar tausend Euro zusammen. Wenn Sie Spezialnahrung kaufen, ist das auch nicht günstig. Oft kommt dann noch Survivalausrüstung dazu, Rucksäcke, Zelte, Wasserfilter, Gasmasken. Wenn man da mal im Internet schaut, kann man beliebig viel Geld ausgeben. In der Schweiz hat jemand ein Schloss in eine Festung umgebaut. Es gibt Luxusbunkerunterkünfte, deren Kosten in die Millionen gehen.
Volkskundler Julian Genner
Experte
Julian Genner ist Vertretungsprofessor am Institut für Kulturanthropologie der Uni Freiburg. Der 35-jährige Schweizer kam über Realityshows auf dem Sender DMAX zum Forschungsgebiet Preppen.
Herkunft
Entstanden ist das Preppen (abgeleitet vom englischen Wort „be prepared“ – sei bereit) in den 1970er Jahren in den USA, was mit der dortigen libertären Tradition zusammenhängt. Man verlässt sich nicht auf den Staat, sondern auf sich selbst – auch ein Grund für die Bedeutung des privaten Waffenbesitzes.
Boom
In Europa gilt die Schweiz als ein Schwerpunkt, ein Kalter-Kriegs-Überbleibsel, wie Genner sagt. Dort gibt es Händler wie Sichersatt. Das Geschäft boomt. Bis zu vier Wochen betrage die Lieferfrist für die Überlebenspakete, heißt es auf der Internetseite.