Coronavirus Region Stuttgart Seit Juni sinkt die Zahl der Tests immens

Wer nicht geimpft oder genesen ist, braucht für einen Kinobesuch manchmal einen Test. Foto: dpa/Oliver Berg

Es gibt immer weniger Bedarf für Coronatests. Der Grund: Viele Menschen sind inzwischen geimpft, außerdem ist die Inzidenz vergleichsweise niedrig. Doch was passiert, wenn der Herbst kommt?

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Region Stuttgart - Als drei Tage vor Heiligabend 2020 das Testzentrum Schönbuch in Holzgerlingen (Kreis Böblingen) eröffnete, ahnte das Team des Deutschen Roten Kreuzes noch nicht, was da auf sie zukommen würde. Anfangs nahmen die Ehrenamtlichen des DRK nur werktags nur von 16.30 bis 20 Uhr sowie samstagvormittags Abstriche, jeweils sechs Leute pro Schicht. „Mitte März hat die Nachfrage dann immens zugenommen“, sagt Michael Heim, der Vorsitzende der DRK-Ortsgruppe Holzgerlingen/Altdorf. Das Testzentrum zog aus dem Industriegebiet in die Ortsmitte, es gab mehr Platz und die Öffnungszeiten wurden ausgedehnt. Die Ehrenamtlichen des DRK mussten nun zu zehnt pro Schicht anrücken, außerdem stellte die Alamannen-Apotheke als Betreiberin des Testzentrums mehrere Mitarbeiter fürs Testen ein. Denn nun mussten nicht mehr nur im Testzentrum Abstriche genommen werden, auch bei den Besuchern von Pflegeheimen, in Kitas und Schulen.

 

Die Wende kam im Juni: Weil die Inzidenz immer weiter sank und die Testpflicht für viele Orte wegfiel, zugleich viele Menschen bereits geimpft waren, sank die Nachfrage drastisch. Nur freitags kämen nach wie vor recht viele Menschen, „die wollen sich fürs Wochenende testen lassen“. Generell seien viele inzwischen mit einer „gewissen Sorglosigkeit“ unterwegs, beobachtet Michael Heim. Er rechnet damit, dass in einigen Wochen die Nachfrage nach Tests wieder steigen wird; wenn die Leute aus dem Urlaub zurückkommen, wieder mehr Veranstaltungen drinnen stattfinden und die Inzidenz steigt.  

Wie viele Teststellen gibt es noch?

Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg haben sich, seitdem die Testverordnung des Bundesgesundheitsministeriums am 8. März in Kraft getreten ist, rund 8500 Stellen in Baden-Württemberg registriert, die Coronatests abrechnen. Dazu zählen auch Apotheken, Arztpraxen oder Drogeriemärkte. Diese 8500 Stellen bieten aber nicht mehr alle Tests an oder haben dies womöglich auch nie getan. Bei einer Abfrage des Sozialministeriums kam heraus, dass Ende Juli Bürgertests an rund 2400 Stellen vorgenommen werden. Allerdings schwanke die Zahl täglich, weil einige Anträge noch in Bearbeitung seien und andere ihre Leistungen eingestellt hätten, sagt der Ministeriumssprecher Florian Mader. 

Wie ist die Testsituation in Stuttgart und der Region?

In Stuttgart gab es Mitte Juni 389 Testmöglichkeiten, Anfang August waren es noch 278. Im Kreis Göppingen ist die Zahl von rund 160 Teststellen in der Hochphase auf rund 100 gesunken, plus einige Ärzte, die Tests anbieten. Zudem gingen ständig weitere Anträge zur Inbetriebnahme von Teststellen ein, sagt Holger Bäuerle, Sprecher des Göppinger Landratsamts. Im Kreis Esslingen haben zur Hochphase rund 240 Stellen Testungen gemeldet, in der vergangenen Woche waren es 153. Im Rems-Murr-Kreis und im Kreis Ludwigsburg gab es zu Hochzeiten jeweils knapp 200 Teststellen, aktuell sind in beiden Kreisen noch je knapp 100 im Einsatz. Das liegt an der sinkenden Nachfrage, aber auch daran, dass einige Arztpraxen gerade Urlaub haben, sagt Martina Keck, die Sprecherin des Landratsamts in Waiblingen. 

Wie viel wird täglich getestet, und wie viele Tests waren es einmal?

In der mittleren Juniwoche gab es in Stuttgart knapp 30 000 Tests pro Tag, Ende Juli waren es noch gut 7000 täglich. Der Rems-Murr-Kreis hatte seinen Superlativ-Tag am 2. Juni mit 14 589 Testungen. Vergangene Woche waren es durchschnittlich 2870 Testungen pro Tag.  

Wie viel kosten den Bund die Tests?

Die Schnelltests für Bürger haben den Bund einem Bericht der „Rheinischen Post“ zufolge in diesem Jahr rund 3,7 Milliarden Euro gekostet. Die Angaben stammen vom Bundesamt für Soziale Sicherung. Mindestens noch bis zum Herbstbeginn sollen die Tests kostenfrei bleiben.  

Wofür braucht man zurzeit einen Test?

Stuttgart und die umliegenden Landkreise haben derzeit alle eine Sieben-Tage-Inzidenz zwischen 10 und 35. In dieser Stufe zwei gibt es für öffentliche Veranstaltungen – dazu zählen etwa Theater, Opern und Kinos – zwei Möglichkeiten, sofern diese in geschlossenen Räumen stattfinden. Entweder sind maximal 250 Menschen erlaubt, ohne dass die Besucher einen Nachweis bringen müssen. Oder es dürfen maximal 50 Prozent der Kapazität genutzt werden, das Abstandsgebot muss eingehalten werden – und die Gäste müssen einen „3 G“-Nachweis mitbringen. Wer nicht geimpft oder genesen ist, braucht einen Test.

Diese beiden Möglichkeiten werden derzeit flexibel genutzt. Im Stuttgarter Kino Atelier am Bollwerk gilt beispielsweise jeden Tag die „3 G“-Regel, in den Innenstadtkinos nur samstags und sonntags. Im Cinemaxx in Stuttgart sowie im Böblinger Bärenkino ist nie ein „3 G“-Nachweis erforderlich, jedoch muss man seine Kontaktdaten hinterlassen.

Bei Sportwettkämpfen, die in geschlossenen Räumen stattfinden, ist es ähnlich. Bei einer Inzidenz zwischen 10 und 35 können die Veranstalter wählen, ob sie maximal 250 Personen einlassen oder alternativ 50 Prozent der Kapazität ohne Abstandsgebot belegen, alle aber einen „3 G“-Nachweis bringen müssen.

Auch bei privaten Veranstaltungen wie Hochzeiten oder Geburtstagsfeiern sind bei einer Inzidenz zwischen 10 und 35 in geschlossenen Räumen maximal 200 Personen erlaubt, wenn diese einen „3 G“-Nachweis haben. Dafür fällt das Abstandsgebot und die Maskenpflicht weg. Bei körpernahen Dienstleistungen ist in allen Inzidenzstufen ein Nachweis nötig, sofern die Maske nicht dauerhaft getragen werden kann.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Testpflicht für Reiserückkehrer

Was passiert, wenn wieder mehr Tests gebraucht werden?

In den Landratsämtern der Region sieht man sich für eine steigende Nachfrage gut gewappnet. Markus Klohr, der Sprecher des Ludwigsburger Landratsamts, gibt aber zu bedenken, dass die Anreizstruktur entscheidend sei. Inzwischen würden niedrigere Entgelte für die Tests gezahlt als noch vor einigen Wochen.

Im baden-württembergischen Sozialministerium hält man die momentane Anzahl an Teststellen für ausreichend, um auch künftig einen höheren Bedarf decken zu können. Zudem habe sich gezeigt, dass viele Anbieter schnell auf eine steigende Nachfrage reagieren könnten, sagt der Ministeriumssprecher Mader. Dem Ministerium sei ein anderes Thema wichtiger: die Zahl der Geimpften weiter zu erhöhen. „Nur damit sind wir gut gewappnet für den Herbst.“

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Interview mit Stuttgarter Kinderärztin zum Impfen gegen Corona bei Kindern

Weitere Themen