Coronavirus Region Stuttgart Wie halten impfende Ärzte Anfeindungen aus?

Teils mehrere Stunden pro Tag diskutieren Mediziner mit Impfgegnern. Foto: dpa/Daniel Bockwoldt

Wer gegen Corona impft oder Tests durchführt, erfährt Dankbarkeit, aber auch üble Anfeindungen. Ärzte aus der Region Stuttgart berichten von Diskussionen, bösen Briefen und üblen Online-Bewertungen.

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Sindelfingen - Als hätte sie nichts Besseres zu tun. Schon vor Beginn der Coronapandemie hat Annette Theewen viel gearbeitet. Seit knapp zwei Jahren sind nun zwölf Stunden Arbeit an sechs oder sieben Tagen pro Woche Normalität für die Sindelfinger Ärztin. Sie impft gegen Corona, macht Abstriche und kümmert sich um all die anderen Krankheiten ihrer Patienten. Und zwischendurch beantwortet sie böse Briefe und Mails, liest üble Onlinebewertungen oder diskutiert mit Menschen, die es für falsch halten, dass sie gegen Corona impft, weil diese Menschen Naturwissenschaftlern keinen Glauben schenken und auf das vertrauen, was sie in Telegramgruppen oder anderswo lesen.

 

Früher hat die Ärztin mit Junkies diskutiert

„Teilweise richten sich diese Briefe oder Aussagen persönlich gegen mich, wenn die Ängste sehr groß oder die Leute aggressiv sind“, sagt Annette Theewen, die auch Pandemiebeauftragte der Kassenärztlichen Vereinigung für den Kreis Böblingen ist. „Für manche sind wir der Blitzableiter.“ Die Anfeindungen hätten zugenommen. Aber wenn man lange genug im Geschäft sei, hätte man gelernt, den Hass nicht an sich ranzulassen. „Wir Ärzte haben schon immer mit sehr unterschiedlichen und auch speziellen Leuten zu tun.“ So hätte sie vor Corona etwa oft mit Junkies diskutieren müssen oder mit medikamentensüchtigen Menschen.

Die Ärztin beantwortet jeden bösen Brief und jede üble Mail. „Ich probiere zu deeskalieren, versuche auf eine faktenbasierte Diskussion zu kommen und frage nach den konkreten Ängsten.“ Denn manche reagierten auch so extrem, weil sie psychische Erkrankungen hätten oder einfach genervt von der nun bald zwei Jahre andauernden Pandemie seien, sagt sie. „Man merkt ja auch im Supermarkt, dass das Gros der Bevölkerung angegriffen und reizbarer geworden ist.“

Ein bis zwei Stunden täglich für Facebook-Diskussionen

Auch der Apotheker Björn Schittenhelm verbringt täglich ein bis zwei Stunden damit, mit Menschen zu diskutieren, vor allem im Internet auf Facebook. Wenn er dort ankündigt, dass ein Impf- oder Testmarathon in Holzgerlingen (Kreis Böblingen) geplant ist, weiß er, dass er mit jeder Menge roter Wut-Smileys rechnen muss sowie mit „ den klassischen Schwurbler-Kommentaren“, wie er sie nennt. „Teilweise sind das auch Bots, da stecken gar keine echten Profile dahinter.“

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Am schlimmsten war es, als er kürzlich ankündigt hatte, dass in Holzgerlingen nun auch Kinder geimpft werden könnten. Mehr als 100 rote Smileys standen kurz darauf unter dem Posting, Leute schrieben Sätze wie: „Seid ihr wahnsinnig?“, „Seid ihr verrückt?“ oder „Schande über euch!“.

Einmal wurde eine Frau im Testzentrum handgreiflich

Wenn sich Björn Schittenhelm an Diskussionen beteiligt, bekommt er danach oft Nachrichten mit Videos von Verschwörungserzählern. „Ich schicke dann Infos von seriösen Quellen zurück.“ Natürlich sei das „furchtbar ermüdend und frustrierend“, gibt er zu. „Ich wünsche mir, dass der überwiegend vernünftige Teil der Menschen sich öfter in öffentlichen Diskussionen beteiligt, damit nicht der Eindruck entsteht, dass die Lauten und Wütenden die Mehrheit bilden.“

Dennoch ist Schittenhelm positiv überrascht. Denn dafür, dass er in den vergangenen Monaten so präsent in der Öffentlichkeit war, erlebe er wenige Anfeindungen, sagt er. Zwischenzeitlich habe er mal Angst gehabt, dass vor seinem Test- und Impfzentrum bald Leute demonstrieren oder sein Team bedrohen. Doch dazu kam es nicht. Nur einmal habe es eine unschöne Situation gegeben: „Eine Frau wurde ausfällig und ist handgreiflich geworden, weil sie nicht berechtigt war, einen Gratis-PCR-Test zu bekommen. Da hat mein Mitarbeiter sie vor die Tür gesetzt.“

Mancher Impfgegner wird unfreiwillig Genesener

Auch Andreas Rost, ein Arzt in Ehingen (Alb-Donau-Kreis), berichtet von vielen Diskussionen: „Eine Angehörige einer Pflegeheimbewohnerin wollte mich dazu zwingen, alle Bewohner mit so einem Tatsachen-Verdreher-Dokument noch mal gegen die Impfung aufzuklären, bevor ich die Heimbewohner impfe.“ Er habe den Eindruck, dass vor allem die Aufmachung der Flyer und Mails von Impfgegnern professioneller werde, die Inhalte aber nicht: „Bisher habe ich nur Darstellungen gelesen, die jeden tiefgründigen Beweis für ihre Thesen schuldig bleiben.“

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Das Diskutieren und Raum für Fragen zu lassen hält Rost für wichtig: „Wenn man überzeugten Nichtgeimpften – meist beim Abstrich – begegnet und mit Verständnis reagiert, dass sie einen eigenen Weg des Schutzes gehen, sind diese meist überrascht und dankbar“, sagt er. „Schlussendlich wechseln diese ja dabei oft unfreiwillig die Seiten und zählen plötzlich zu den Genesenen.“

„Hoffentlich kommt nicht mal jemand mit dem Messer“

Und die Ärzte erführen auch viel Dankbarkeit und Wertschätzung, erzählt Annette Theewen. Die meisten Patienten würden wahrnehmen, unter welchen Extrembedingungen sie momentan arbeiteten. „Es vergeht kein Tag, an dem mich nicht jemand fragt: ‚Wie halten Sie das aus?’“, sagt Theewen. „Ich hoffe nur, dass nicht mal jemand mit dem Messer in meine Praxis kommt.“

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Auch wer nicht selbst gegen Corona impft, wird angefeindet

Kirche
 Zwischen den Jahren wurde im Ulmer Münster gegen Corona geimpft. Seitdem erhält der Dekan Ernst-Wilhelm Gohl anonyme Drohschreiben. Zuletzt behaupteten Verfasser, sie würden ihn „beobachten“.

Behörden
 Auch Stadtverwaltungen haben teilweise Probleme mit radikalen Impfgegnern, in der Region Stuttgart halten sich diese aber noch in Grenzen. In Ludwigsburg etwa versammeln sich zwar regelmäßig mehrere Hundert Menschen zu Coronaprotesten, der Widerstand mündet aber offenbar nur selten in direkte Angriffe gegen Einzelne. Einen extremen Fall aber habe es 2021 gegeben, berichtet die Stadtsprecherin Susanne Jenne. Dabei sei eine Mitarbeiterin des Rathauses massiv und wiederholt von einem Coronaleugner persönlich angegangen und beleidigt worden. „Das haben wir dann zur Anzeige gebracht“, sagt Jenne.

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