Coronavirus und Bildungspolitik Schulpolitik im Blindflug
Die Bildungspolitiker stehen ratlos und planlos an der Schwelle zum nächsten Lockdown – nicht nur in Baden-Württemberg.
Die Bildungspolitiker stehen ratlos und planlos an der Schwelle zum nächsten Lockdown – nicht nur in Baden-Württemberg.
Stuttgart - An diesem Montag wird vermutlich die Notbremse gezogen, wie Kanzlerin Merkel es nennt, angebahnte Schritte der Lockerung werden gestrichen. Allein die in der Kultusministerkonferenz (KMK) versammelten 16 Minister und Ministerinnen verschließen die Augen vor der Tatsache und halten mutig das Banner der Schulöffnung hoch. Sie müssen und sollen von Amts wegen Lobbyisten der Kindern und Jugendlichen sein, die wie keine andere Gruppe unter den Restriktionen leidet.
Man tue Kindern etwas an, so klagt KMK-Präsidentin Britta Ernst zurecht, wenn die Schulen monatelang geschlossen blieben. Die Warnung und das Plädoyer für Präsenzunterricht wären aber glaubwürdiger, hätten die Bildungspolitiker auch alles dafür getan, dass Schulen trotz Corona ein sicherer Ort sind. Aber dafür ist keine Vorsorge getroffen worden, obwohl die Krise seit einem Jahr schwelt.
Das Fehlen eines flächendeckenden Konzepts für Schnelltests an Schulen ist nur ein Symptom des politischen Versagens. Das Offenhalten der Schulen ließe sich mit verbindlichen Schnelltests unter Aufsicht verknüpfen – längst hat der Bund den Rahmen gesetzt mit zwei kostenlosen Tests für Schüler pro Woche. Aber das Land Baden-Württemberg hat erst jetzt eine Strategie angekündigt und das Testen bisher freiwilligen Initiativen von Schulen, Eltern, Städten und Gemeinden überlassen, anstatt das Heft früh in die Hand zu nehmen und die Logistik zu stemmen. Selbst in der Modellstadt Tübingen – wo Schultests gut laufen – funktioniert alles auf Freiwilligkeit, und es bleiben Lücken im System, was nicht anders sein kann, wenn staatliche Vorgaben fehlen.
Die Planlosigkeit ist auch beim Stopp-and-Go beim Präsenzunterricht für Fünft- und Sechstklässler zu erkennen. Anfang vergangener Woche hatte das Stuttgarter Kultusministerium zwei Gymnasien zurück gepfiffen, die es wegen räumlicher Enge gewagt hatten, Wechselunterricht anzukündigen. Wenige Tage später hat das Staatsministerium – wohlgemerkt nicht das von Susanne Eisenmanns Wahlniederlage geschwächte Kultusministerium - verkündet, dass angesichts der Infektionslage auch Wechselunterricht gestattet sei. Mehr Zickzack geht eigentlich gar nicht.
Die Liste der Versäumnisse lässt sich fortsetzen mit dem Fehlen von gestaffelten Schulbuszeiten, dem Mangel an Luftreinigungsgeräten und dem Ausbleiben von Hilfspersonal für Lehrkräfte, damit sie in zwei Räumen halbierte Klassen unterrichten. Dass es in anderen Ländern nicht besser läuft – in Nordrhein-Westfalen verdonnerte die Regierung zwei Landkreise mit hohen Inzidenzen zum Präsenzunterricht – ist ein schwacher Trost.
Schüler ab Klasse sieben – sofern sie nicht Abschlussjahrgänge sind – werden nach den Osterferien vier Monate im Fernunterricht gewesen sein, mit all den sozialen, psychischen und fachlichen Folgen. Perspektive danach? Es gibt sie nicht. Innovative Vorschläge, was mit diesem Schülerkreis geschehen soll, sind nicht erkennbar. Es findet nicht mal eine Debatte darüber statt. Dabei könnten kurzfristige Lösungsansätze – ein Präsenztag in der Woche zur Motivation? – erörtert werden.
Langfristig am Gravierendsten ist, dass der Kompass für eine Bewältigung der sich auftürmenden Lernrückstände abhanden gekommen ist. Ein einsamer Rufer in der Wüste ist der Bildungsforscher Marcel Helbig, der sagt, man dürfe die Pandemie nicht auf dem Rücken der Kinder austragen. Er ist für eine Verlängerung des Schuljahres bis Dezember, um mehr Lernzeit zu gewinnen. Kurz- und Langschuljahre hat es auch früher gegeben. Der Vorschlag mag noch nicht konsensfähig sein – aber er ist besser als die stumme Ideenlosigkeit, mit der Schulpolitiker Kinder, Eltern und Lehrkräfte allein lassen.