Berlin - Lernen für die Schule gehörte schon in Vor-Corona-Zeiten nicht unbedingt zur Hitparade der Lieblingsbeschäftigungen deutscher Kinder und Jugendlicher. Während des Corona-Lockdowns zu Beginn dieses Jahres ist aber offenbar nicht nur die Beliebtheit von Lernen weiter geschrumpft, sondern auch die Bedeutung. Das hat eine Umfrage des Münchner Ifo-Instituts unter 2122 Eltern ergeben. Der zufolge haben Schüler während des Fernunterrichts durchschnittlich 4,3 Stunden täglich mit schulischen Aufgaben zugebracht, aber 4,6 Stunden vor dem Fernseher oder mit Spielen am Computer oder am Handy.
Das Gute: Kinder haben eigenständig lernen gelernt
An der Effektivität des Ganzen zweifelt die Mehrheit der Eltern erheblich: 56 Prozent der Befragten sind davon überzeugt, dass ihre Kinder zuhause weniger gelernt hätten als in der Schule; nur 22 Prozent glauben das Gegenteil. Immerhin meinen 56 Prozent der Eltern aber auch, ihr Kind habe durch die Schulschließung gelernt, sich eigenständig Unterrichtsstoff zu erarbeiten. Leistungsschwächere Schüler und Nicht-Akademikerkinder lernten zudem deutlich weniger konzentriert und effektiv. „Die Coronakrise ist eine extreme Belastung für die Lernentwicklung und die soziale Situation vieler Kinder“, betont Wößner. Mehr als die Hälfte der Kinder habe die Zeit der Schulschließung als große psychische Belastung empfunden (2020: 38 Prozent). Drei Viertel vermissten den Kontakt zu ihren Freunden.
Schon vor der Pandemie waren junge Menschen unzufrieden
Doch schon zu normalen Zeiten schleppen viele Kinder und Jugendliche einen ganzen Packen erheblicher Probleme mit sich herum, wie eine Unicef-Studie zum Wohlbefinden junger Menschen vor der Pandemie zeigt, die ebenfalls am Dienstag vorgestellt wurde. Der Soziologe Hans Bertram hat Daten aus den Jahren 2018 bis 2020 von Eurostat und der OECD unter anderem zum subjektivem Wohlbefinden, Beziehungen zu Freunden und Familie, Bildung, Gesundheit, Verhalten und Risiken sowie zur materiellen Situation zusammengetragen und ausgewertet.
Jede sechste junge Frau klagt über Depressionen
Das Ergebnis: Kinder von Einwanderern und Alleinerziehenden haben immer noch messbar schlechtere Startchancen. Um die psychische Situation und Zufriedenheit von Kindern in Deutschland war es schon vor Corona schlechter bestellt als in anderen Industrieländern. 21 Prozent der 15-jährigen Mädchen und 13 Prozent der gleichaltrigen Jungen zeigten sich unzufrieden mit ihrem Leben. Jede sechste junge Frau (16 Prozent) bezeichnete sich selbst als depressiv, fast ebenso viele 16-jährige Frauen (13 Prozent) nahmen verschreibungspflichtige Beruhigungsmittel.
„Dass ein signifikanter Teil der Jugendlichen ohne Zuversicht in die Zukunft geht, das ist richtig schlimm“, sagt Georg Graf Waldersee, der Vorstandsvorsitzende von Unicef Deutschland – zumal die Pandemie kaum zu einer Verbesserung geführt hat. Der so genannten Copsy-Studie vom Februar zufolge leidet mittlerweile fast jedes dritte Kind unter psychischen Auffälligkeiten, hat Angststörungen entwickelt oder Depressionen.
„Wir müssen das Recht der Kinder auf Bildung einlösen“
„Unicef fordert deshalb einen eigenen Gipfel zur Bewältigung der Coronafolgen bei Kindern und Jugendlichen und ihren Familien“, sagt Georg Graf Waldersee. Außerdem müssten die Kinderrechte endlich im Grundgesetz festgeschrieben werden, so der Unicef-Chef; einen entsprechenden Gesetzentwurf hat die große Koalition in Berlin schon vorgelegt. „Wir müssen das Recht der Kinder auf ein gesundes Aufwachsen und auf Bildung endlich einlösen.“