Coronavirus und die Sport-Großereignisse Fußball-EM und Olympia – platzen diesen Sommer Sportler-Träume?

Von Dirk Preiß 

In diesem Sommer finden eigentlich zwei sportliche Großereignisse statt – doch hinter der Fußball-EM und den Olympischen Spielen stehen große Fragezeichen. Warum das schon jetzt viele Sportler hart trifft.

Tokio wäre bereit für die Olympischen Spiele – doch ist offen, ob das Großereignis in Japan im Sommer stattfinden wird. Foto: imago//Nicolas Datiche
Tokio wäre bereit für die Olympischen Spiele – doch ist offen, ob das Großereignis in Japan im Sommer stattfinden wird. Foto: imago//Nicolas Datiche

Stuttgart - Selbst Madeira ist für Cristiano Ronaldo derzeit keine Insel des Glücks. Zwar scheint der Star von Juventus Turin in seiner Heimat der Corona-Pandemie in seiner Wahlheimat Italien, wo ein Juve-Teamkollege Ronaldos positiv getestet worden ist und nun 121 Mitarbeiter in Quarantäne sind, entflohen. Doch erstens ist sein Besuch kein unbeschwerter – Ronaldo besucht seine kranke Mutter. Zweitens ist das Virus längst keine lokale Angelegenheit mehr.

Corona ist global – und der Welt des Sports droht der Stillstand. Mit der bangen Frage beim Blick ins weitere Jahr: Was wird aus der Fußball-EM (12. Juni bis 12. Juli) und den Olympischen Spielen (24. Juli bis 9. August)?

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Noch zu Beginn dieser Woche war die Taktik der mächtigen Verbände in der Welt des Sports klar: Abwarten. „Es gibt keinen Grund, am geplanten Zeitplan etwas zu ändern“, hieß es etwa von Seiten des europäischen Fußballverbandes (Uefa). Seit Donnerstag klingt dieser Satz wie ein unüberlegter Witz. Am 12. Juni ist Rom der Austragungsort des Eröffnungsspiels. Das zu ändern wäre wohl noch das kleinste Problem – aber wohin sollten die in Rom geplanten Partien verlegt werden? Der europäische Fußball ist schließlich in Gänze betroffen.

Die Königlichen müssen zuhause bleiben

Besonders deutlich wurde das am Donnerstag, als die Königlichen ihre Spieler in häusliche Quarantäne schickten. Real Madrid setzt aus – und die spanische Liga macht mit. Geisterspiele waren geplant, nun ist klar: La Liga trägt in den kommenden beiden Wochen keine Spiele aus. Ein Profi des Real-Basketballteams war zuvor positiv getestet worden, da sich Fußballer und Korbjäger Trainingseinrichtungen teilen, hatte der Club keine andere Wahl mehr als seine Luxuskicker nach Hause zu schicken.

Auch Italiens Serie A macht Pause, die Kicker in kleineren Ligen Europas ebenso. Die für Ende März angesetzten Länderspiele (zum Beispiel Spanien gegen Deutschland) stehen ebenso infrage wie die EM-Play-offs. In der englischen Premier League (es gibt Verdachtsfälle) sind an diesem Wochenende Geisterspiele geplant, in der deutschen Bundesliga, deren Clubs am Montag zu einem Krisentreffen zusammenkommen wollen, ebenso. Am Donnerstag fielen bereits zwei Spiele der Europa League mit italienischer Beteiligung aus. Am Dienstag trifft es zweimal die Königsklasse. Und es könnte noch drastischer werden.

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Laut der spanischen Zeitung „Marca“ stoppt die Uefa die Champions League und die Europa League, der Verband kündigte derweil für den kommenden Dienstag eine Konferenz mit Vertretern der Mitgliedsverbände an – es soll um die nationalen und internationalen Clubwettbewerbe sowie um die EM gehen. Ein für Ende März geplantes EM-Vorbereitungsturnier in Katar mit Portugal, Kroatien, Belgien und der Schweiz wurde bereits abgesagt.

Eine EM-Verlegung könnte eine Lösung sein

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte schon zuvor bestätigt, dass man sich mit den Notfall-Szenarien beschäftige. „Wir müssen uns mit allen Szenarien beschäftigen, um vorbereitet zu sein, wenn der Fall eintreten sollte, dass der Spielbetrieb unterbrochen oder die Saison sogar vorzeitig beendet werden müsste“, schrieb DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius im „Kicker“. Aktuell ist ein Abbruch aber noch kein Thema, vielmehr eine Pause – weshalb ein besonderer Fokus auf der EM liegt.

Wollen die nationalen Ligen nämlich ein Chaos in Sachen Auf- und Abstieg vermeiden und sich die Chance von Nachholspieltagen erhalten, scheint das nur möglich, wenn das Titelrennen der Nationalmannschaften um ein Jahr verschoben wird. Weil das Turnier in zwölf Städten in ganz Europa stattfinden soll, scheint eine Austragung in dieser Form aktuell ohnehin nicht denkbar. Und die Play-off-Spiele müssten zuvor ja auch noch ausgetragen werden. Ziel bleibe es laut Curtius, dennoch „die Saison regulär sportlich zu Ende zu spielen“.

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Von diesem Ziel haben sich andere schon verabschiedet.

Die beste Basketball-Liga der Welt, die NBA, stellte am Donnerstag den Spielbetrieb vorerst ein, nachdem zwei Spieler der Utah Jazz positiv getestet wurden. „Wenn das hier einfach explodiert, dann denkst du an deine Familie und möchtest sichergehen, dass du das Richtige tust“, betonte Mark Cuban, Besitzer der Dallas Mavericks. Ob die Spiele wieder aufgenommen werden, ist offen. Auch der europäische und deutsche Basketball setzt erst einmal aus.

Ohnehin ist die Absagewelle abseits des Fußballs in vollem Gange, immer mehr Sportarten beenden oder unterbrechen die Saison, verschieben Turniere oder sagen Veranstaltungen ganz ab – was neben den Folgen für die Veranstalter natürlich auch für die Sportler ein Problem darstellt. Zumindest für jene, die sich noch für die Olympischen Spiele qualifizieren wollen.

Die Fackel ist auf dem Weg nach Tokio

Am Donnerstag wurde das Feuer entfacht, die Fackel macht sich auf den Weg nach Tokio. Doch es fehlt schon jetzt vielen Sportlern die Möglichkeit, das Ticket zu lösen – in Deutschland sind erst 220 Athletinnen und Athletinnen fix dabei. Mindestens 200 weitere wollen ebenfalls zu den Spielen – schließlich hat das Megaevent für viele Athleten aus ansonsten wenig beachteten Sportarten eine existenzielle Bedeutung. „Werden die Spiele tatsächlich abgesagt, droht ganz vielen Athleten eine ganz, ganz große Unsicherheit“, sagt der deutsche Athletensprecher Max Hartung der „Rheinischen Post“.

Die wirtschaftliche Seite betrifft nahezu alle Sportarten, -verbände und -clubs, die derzeit über Absagen debattieren. Vom Geschäft Spitzensport leben schließlich nicht nur die Organisationen Athleten, deren Lohnfortzahlung bei abgebrochenen Spielzeiten infrage steht. Sondern auch alle, die für Sicherheitsfirmen, Caterer, Arenabetreiber, Lieferanten, TV-Produzenten oder sonstige Dienstleister arbeiten und von deren Zahlungen abhängig sind.

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Bei Qualifikationsnormen, Förderung und Sponsorenverträgen würden sich am Ende womöglich Lösungen finden lassen. Jedoch ist es aktuell kaum vorstellbar, dass tausende Menschen aus aller Welt in eine Stadt reisen und dort auf engem Raum zusammen leben und Sport treiben. „Ich glaube, dass eine Absage unmöglich ist“, sagte Tokios Gouverneur Yuriko Koike zwar. Aber die Zweifel an der Ausrichtung in diesem Jahr wachsen Tag für Tag. „Bei jeder zu treffenden Entscheidung steht das persönliche Wohl der Athletinnen und Athleten sowie aller Teammitglieder an allererster Stelle“, sagt Veronika Rücker, die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Mal schauen, wohin das führt.

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