Coronavirus Warum Verschwörungserzählungen sich gerade extrem verbreiten

Steckt womöglich Milliardär Bill Gates hinter der Corona-Krise? Manche Demonstranten sind davon überzeugt. Foto: AFP/Thomas Kienzle

An vielen Orten demonstrieren Menschen gegen die Corona-Verordnungen. Darunter sind viele, die an Verschwörungen glauben. Was treibt sie an? Und welche Rolle spielt das Internet?

Stuttgart - In Berlin heißen sie „Hygienedemos“, auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart laufen die Demonstrationen unter dem Motto „Querdenken“: Tausende von Menschen demonstrieren inzwischen für mehr Freiheit während der Corona-Pandemie. Allerdings mischen sich unter die Demonstranten auch Rechte, Reichsbürger, radikale Christen, Impfgegner sowie Anhänger kruder Verschwörungserzählungen. Unter dem Titel „Widerstand 2020“ hat sich eine Partei gegründet, Mitgründer Bodo Schiffmann lobt wiederum die Demo in Stuttgart und würde dort auf Einladung als Redner sprechen, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung sagte.

 

Wie lauten die Thesen der Demonstranten?

Viele äußern Kritik an den staatlichen Maßnahmen. Ihnen sind die Einschränkungen zu strikt, andere haben Angst vor sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. Allerdings spielen auch Verschwörungstheorien bei den Demonstrationen eine wichtige Rolle. Das machen die Äußerungen mancher Redner und Sprüche auf Schildern von Demonstranten deutlich. Viele der Erzählungen, die verbreitet werden, existierten bereits vor der Corona-Pandemie – zum Beispiel „New World Order“. Diese Verschwörungserzählung besagt, dass Geheimgesellschaften und Eliten eine autoritäre Weltregierung errichten wollen. In manche Verschwörungsnarrative lässt sich die Pandemie als Puzzlestück einsetzen. Für Anhänger der „New World Order“ erscheint es etwa plausibel, dass mit Corona-Verordnungen der vermeintlichen Aufbau einer autoritären Weltherrschaft vorangetrieben wird.

Was ist eine Verschwörungstheorie?

Die meisten Verschwörungstheorien haben den grundsätzlichen Glauben gemeinsam, dass als machtvoll wahrgenommene Einzelpersonen oder eine Gruppe wichtige Ereignisse steuern, die Bevölkerung aber über ihre Ziele im Dunklen lassen. Anhänger solcher Erzählungen glauben nicht daran, dass manches schlicht zufällig passiert. Einige Experten vermeiden den Begriff Verschwörungstheorie, um den Thesen nicht den Anschein von Theorien im wissenschaftlichen Sinne zu geben. Stattdessen sprechen sie von Verschwörungserzählungen.

Warum glauben Menschen Verschwörungserzählungen?

Anhänger kommen oft schwer mit Ambivalenzen und Unsicherheiten zurecht, halten Ängste nicht gut aus. „Es ist eine Mischung aus Macht- und Kontrollverlust, die die Menschen anfällig für solche Verschwörungstheorien macht“, schreibt der Journalist und Politikwissenschaftler Bernd Harder in seinem Buch „Verschwörungstheorien: Ursachen, Gefahren, Strategien“. Oft gibt es zwar einen wahren Kern, aber: „Viele verknüpfen dann Dinge falsch und sehen Muster, wo eigentlich keine sind“, sagt Pia Lamberty. Die Psychologin forscht an der Universität Mainz zu Verschwörungstheorien. Ihr Lieblingsbeispiel sei der Verweis auf einen alten Comic. In „Asterix in Italien“ aus dem Jahr 2017 heißt der Bösewicht „Coronavirus“. Viele sehen das als Vorhersage der Pandemie. Lamberty sieht auch ein Bedürfnis nach Einzigartigkeit hinter dem Glaube an Verschwörungserzählungen: „Viele fühlen sich besser, weil sie überzeugt sind, sie kennen als Einzige die Wahrheit.“

Warum eignet sich die Corona-Pandemie gut als Baustein einer Verschwörungserzählung?

Der Wissenschaftlerin zufolge glauben viele Anhänger von Verschwörungserzählungen, dass ein „großes“ Ereignis zwangsläufig auch eine „große“ Ursache haben muss. „Pandemien lösen immer das Verschwörungsszenario aus, jemand habe diese absichtlich in die Welt gesetzt.“ Krankheiten hätten dieses Potenzial, weil sie ein „unsichtbarer Feind“ seien und die Informationslage oft komplex sei. Außerdem seien Anhänger von Verschwörungserzählungen unempfänglich dafür, wenn sich ihre Thesen gegenseitig ausschließen. „Sie stört es nicht, dass sie einerseits glauben, Corona gibt es nicht, aber andererseits, dass es als Biowaffe absichtlich in die Welt gesetzt wurde“, so Lamberty.

Oft heißt es, dass Männer anfälliger sind für Verschwörungsgeschichten. Trifft das zu?

Tatsächlich ist empirisch belegt, dass Männer sich häufiger in Verschwörungsforen aufhalten und anfälliger für manch krude Theorie sind. Laut der Wissenschaftlerin Lamberty seien die Geschlechterunterschiede aber marginal. Frauen fühlten sich mehr zu esoterischen Kreisen hingezogen

Über das Internet verbreiten sich Verschwörungen und Falschaussagen schnell. Hat die grassierende „Infodemie“ am Ende womöglich weitreichendere Folgen als die Corona-Pandemie an sich?

Zwar sind am Wochenende Tausende in vielen Städten auf die Straße gegangen. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung Deutschlands sind sie aber eine kleine Minderheit. Im letzten „Deutschlandtrend“ von Infratest dimap zeigten sich vor einigen Tagen 67 Prozent der Befragten „sehr zufrieden“ oder „zufrieden“ mit dem Krisenmanagement der Regierung. „Die Mehrheit der Bürger steht hinter den Maßnahmen des Staates“, sagt die Historikerin Hedwig Richter, Professorin an der Universität der Bundeswehr in München. Bis jetzt sei die Anzahl der Verschwörungstheoretiker zu gering, um die Demokratie ernsthaft zu gefährden. „Ich plädiere stark dafür, nicht allzu alarmistisch zu sein.“ Der Amerikanistik-Professor Michael Butter, Leiter eines Forschungsprojekts über Verschwörungstheorien, vermutet, dass viele der derzeitigen Bewegungen nach dem Ende der Einschränkungen abebben werden. „Allerdings könnte sich der Verschwörungsdiskurs im Laufe der Krise ändern.“

Gruppe
Der Sinsheimer HNO-Arzt Bodo Schiffmann und der Leipziger Anwalt Ralf Ludwig haben die Initiative „Widerstand 2020“ gegründet. Schiffmann behauptet auf seinem Youtube-Kanal unter anderem, die Bundesregierung wolle „am Ende einer Welle gegen eine Erkrankung impfen, die es faktisch nicht mehr gibt“. Das sei Körperverletzung. Es gibt aber keinen Impfzwang, ein solcher stand auch nicht zur Debatte. Im Netz nennt sich die Gruppe „Mitmachpartei“ mit Grundsätzen wie: „Die Freiheit steht über allem“ und „Moral vor Politik“.

Partei
„Widerstand 2020“ hat Unterlagen zur Prüfung beim Bundeswahlleiter eingereicht. Dabei geht es aber nur um die Aufnahme in eine öffentlich zugängliche Unterlagensammlung. Anerkannt wird eine Partei erst im Rahmen ihrer Zulassung zu einer Wahl.

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