Daten zum Coronavirus Wer steckt sich jetzt eigentlich an?

Beschäftigte in bestimmten Branchen wie Kassiererinnen können aus naheliegenden Gründen nicht im Homeoffice arbeiten. Foto: imago/Christoph Hardt/Georges Schneider

Mehr als 100 000 Menschen pro Woche stecken sich nachweislich mit dem Coronavirus an. Wer sind diese Menschen und wie kann man die Anzahl der Infektionen verringern?

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Stuttgart - Bereits an diesem Dienstag treffen sich die Regierungen von Bund und Ländern wieder, um über das weitere Vorgehen in der Corona-Pandemie zu sprechen – wegen der potenziell gefährlichen Virusmutationen aus Großbritannien und Südafrika und wegen der nach wie vor hohen Infektionszahlen: Pro Woche stecken sich immer noch deutlich mehr als 100 000 Menschen an. Vor dem Treffen wird über mögliche Verschärfungen der Maßnahmen diskutiert – von einer FFP2-Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr bis hin zur nächtlichen Ausgangssperre.

 

Kritiker halten das für übertrieben angesichts der sinkenden Zahl von Covid-Patienten auf den Intensivstationen sowie weniger Neuinfektionen. Doch trotz Lockdown stecken sich derzeit so viele Menschen an wie im November. Wer sind sie? Und könnte man mit gezielteren Maßnahmen mehr gewinnen als mit weiteren pauschalen Einschränkungen?

Nur wenige Daten werden erfasst

Die Antwort in Kurzform: Man weiß es nicht genau. Außer dem Alter und dem Geschlecht der Infizierten sind keine vollständigen Daten über die mehr als zwei Millionen nachweislich Infizierten verfügbar. Besonders betroffen sind derzeit die über 80-Jährigen und die 20- bis 34-Jährigen. Die Meldesoftware des Robert-Koch-Instituts (RKI) könnte zwar auch Nationalität, Geburtsort oder Beruf der Infizierten erfassen, doch die Gesundheitsämter sind auch so überlastet. Eine Umfrage unserer Zeitung in der Region Stuttgart zeigt, dass kein Amt diese Daten erhebt.

 

Daten des RKI belegen, dass die Zahl der infizierten Kitakinder und Schüler infolge der Weihnachtsferien sowie der Schul- und Kitaschließungen deutlich gesunken ist. Vor Weihnachten betrug die Inzidenz in diesen Altersgruppen über 100, derzeit liegt sie nahe dem bundesweit angestrebten wöchentlichen Wert von 50 Neuinfektionen je 100 000 Personen.

Zumindest teilweise erhoben wird das Infektionsumfeld – also der Ort, wo sich die Infizierten nach eigener Einschätzung angesteckt haben. In den Weihnachtsferien sank die Zahl der ermittelten Infektionen am Arbeitsplatz deutlich stärker als die im privaten Umfeld. Auch das überrascht wenig – gibt aber einen Hinweis darauf, dass die aktuelle Entwicklung etwas mit weniger Präsenz am Arbeitsplatz zu tun haben könnte. Die derzeit diskutierte Ausweitung von Homeoffice kann also nützen, zumal viel mehr Betriebe geöffnet sind als während des ersten, deutlich wirksameren Lockdowns im Frühjahr.

Nicht jeder kann freilich von daheim arbeiten. Häufig sind die eher schlecht bezahlten Jobs im Dienstleistungs- und produzierenden Gewerbe zwingend mit der Präsenz am Arbeitsplatz verbunden. Das gibt einen Hinweis darauf, dass Menschen in solchen Berufen sich häufiger bei der Arbeit anstecken könnten. Deren Infektionsrisiko steigt zusätzlich, wenn sie mit Bus oder Bahn zur Arbeit fahren. „In Corona-Zeiten nutzen nur noch die Menschen den öffentlichen Verkehr, die keine Alternative haben“, heißt es in einer Studie des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung.

Was Drosten empfiehlt ...

Bei den besonders gefährdeten einkommensschwachen Schichten könnte man mit relativ wenig Aufwand relativ viele Infektionen verhindern, glaubt der Virologe Christian Drosten – sei es mit besseren Masken in Bus und Bahn oder einem verstärkten Einsatz von Antitests und Schutzausrüstung am Arbeitsplatz. Zumal Aufklärungsangebote diese Gruppen oftmals nicht so gut erreichten, sagte Drosten in seinem NDR-Podcast. Man müsste auch überlegen, ob Infizierte aus solchen Gruppen ihre Quarantäne statt in der möglicherweise engen Wohnung etwa in Hotels verbringen können – um Ansteckungen im familiären Bereich zu verhindern.

Ähnlich argumentierte vergangenen Donnerstag der RKI-Präsident Lothar Wieler. Seine Behörde gebe „seit vielen Monaten Empfehlungen, wie man gute Schutzkonzepte aufstellt. Die müssen aber umgesetzt werden“ – gemeint waren Arbeitgeber und Heimbetreiber. Nicht zuletzt, sagte Wieler, sei das RKI auf Daten aus den Gesundheitsämtern angewiesen. Kommt von dort kein statistisch brauchbares Material, stochert die Politik bei ihren Anti-Corona-Maßnahmen im Nebel.

... und den Oberbürgermeister ärgert

Besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen müssten vor Ort angesprochen werden, fordert Wieler. Das wäre die Aufgabe von Menschen wie Andreas Hesky (Freie Wähler). Der Waiblinger Oberbürgermeister hatte Ende November vermutet, dass unter den Infizierten überdurchschnittlich viele Menschen mit Migrationshintergrund seien und damals die örtlichen Migrantenvereine für den Infektionsschutz sensibilisiert. Diese Analyse will er heute so nicht mehr stehen lassen. Zwar habe er etlichen Zuspruch erhalten, aber „das war ja keine statistische Auswertung, sondern Bauchgefühl“ – und basierte vor allem auf den Nachnamen der Infizierten, die Listen konnte er einsehen.

Mittlerweile springe keine Personengruppe mehr ins Auge, sagt Hesky. Wichtiger sei, wo sich die Menschen angesteckt haben. „Die häufigsten Aussagen sind ‚in der Familie‘, ‚am Arbeitsplatz‘ und ‚weiß nicht‘“, berichtet Hesky. Letzteres entspreche vermutlich nicht immer der Wahrheit. Komme es doch einer Selbstanzeige gleich, wenn einer angebe, sich beim Trinkgelage im Freundeskreis angesteckt zu haben. In der Pandemie sei mehr Ehrlichkeit gefragt, findet Hesky – und Straffreiheit für jene, die ihr Vergehen zugeben.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Lockdown Ansteckung