Coronavirus Wie es Chinesen in der Region Stuttgart geht
Airlines stellen Flugverbindungen ein, China verhängt Reiseverbote: Drei Chinesen aus Stuttgart und der Region erzählen, wie sich ihr Alltag verändert hat seit dem Auftauchen des Coronavirus.
Airlines stellen Flugverbindungen ein, China verhängt Reiseverbote: Drei Chinesen aus Stuttgart und der Region erzählen, wie sich ihr Alltag verändert hat seit dem Auftauchen des Coronavirus.
Stuttgart - Seit das Coronavirus die Grenzen Chinas überwunden hat, richtet sich die Aufmerksamkeit auch hier auf mögliche Ansteckungsgefahren. Viele der aus China stammenden Stuttgarter verzichten derzeit völlig auf Familienzusammenkünfte, ihre Sorge um das Wohlergehen ihrer Bekannten in der Volksrepublik schwingt mit, wenn sie von ihrem Alltag erzählen. Sie sorgen sich aber gleichwohl um die Gesundheit derer, mit denen sie tagtäglich zusammentreffen. Wir haben mit drei Chinesen aus der Region über ihre Erfahrungen seit dem Ausbruch der Corona-Epidemie in China gesprochen.
Hanyuan Chen hat ein Vorspiel beim Sinfonieorchester Münster absolviert. Erfolgreich, wie er sagt. Für den Posaunisten heißt das: Er hat sich gegen seine Mitbewerber durchgesetzt und erhält nun einen Zeitvertrag, die beste Voraussetzung für spätere Bewerbungen. Denn der 25-Jährige ist noch mittendrin in seinem Masterstudiengang an der Musikhochschule in Stuttgart. „Mein Studium habe ich in Qingdao begonnen, seit fünf Jahren bin ich in Deutschland“, erzählt er. Seine Familie lebe noch in der Hafenstadt der ostchinesischen Provinz Shandong, „aber mein letzter Besuch liegt lange zurück“. Jeder Flug ist, zumal für einen Studenten, eine Geldfrage. Aber er halte über WeChat, dem chinesischen Pendant zu Whatsapp, Kontakt und wisse: „Alle sind gesund.“
So etwas wie Hausarrest gebe es für die Leute in seiner Heimatstadt nicht, die meisten seiner Verwandten und Bekannten würden indes versuchen, so wenig wie möglich nach draußen zu gehen. Er selbst fühle sich hier in Stuttgart wohl. „Ich kann mich überall in der Stadt, im Orchester, in der Bahn bewegen, ohne mich unwohl zu fühlen; ich habe noch nie Leute getroffen, die sich mir gegenüber seltsam verhalten haben.“ Von einem Bekannten, ebenfalls ein Chinese, habe er allerdings eine andere Geschichte gehört: „Ein Mann rief, als er meinen Bekannten auf der Königstraße sah: ,Achtung, er ist Chinese!‘“ Er weiß jetzt nicht: War es ein derber Spaß, oder hat es der Mann ernst gemeint? Hanyuan Chen ist verunsichert.
„Ein gewisses Maß an Angst ist hilfreich, aber man sollte nicht panisch werden angesichts des Virus“, sagt Zhixing Sun, ein 39-jähriger Betriebswirt aus Leinfelden-Echterdingen (Kreis Esslingen). Er weiß mit Ansteckungsgefahren und Sterberaten umzugehen, denn er hat in Peking einige Semester Medizin studiert. 2005 beschloss er, in Deutschland weiterzustudieren – nicht wissend, wie lange die Wartezeiten auf einen Studienplatz hier sind. Statt eines akademischen Grads in Medizin wurde es zuletzt einer in Medizinlogistik. Seit 2009 arbeitet er für einen deutschen Mittelständler und reist beruflich mindestens einmal im Jahr nach China zu Geschäftspartnern, zuletzt 2019 in Wuhan.
„Heute würden wir eine solche Geschäftsreise absagen. Auch die Lieferung einer Produktionslinie unserer Partner nach Deutschland wird vermutlich auf später verschoben.“ Im Privaten müsse der Chinesisch-Unterricht an den Samstagen ausfallen, der bisher am Stuttgarter Königin-Olga-Stift stattgefunden habe, „um kein Kind zu gefährden“. Seine Töchter, zehn und sieben Jahre alt, müssen auf den Besuch der Großmutter aus China länger warten als gedacht. „Meine Mutter hatte für März eine Gruppenreise aus der Provinz Jiangzu nach Spanien und Portugal gebucht und wollte anschließend zu uns kommen, aber die Reise ist abgesagt worden. So tauschen wir uns eben über WeChat aus“, sagt Zhixing Sun. Vielen, insbesondere Familien, täte die Zwangspause zu Hause gut. „Überhaupt“, sagt er, „ist der Ausbruch des Virus ein Prüfstand für die Menschlichkeit: Es gibt welche, die machen Geld mit illegal recycelten Mundschutzmasken, und es gibt ehemalige Kommilitonen von mir, heute erfolgreiche Ärzte, die sich freiwillig für den Einsatz in Wuhan melden.“
„Beim Neujahrsfest im Januar kommt bei uns normalerweise die ganze Verwandtschaft zusammen. In diesem Jahr bin ich mit meiner Mutter allein geblieben, noch nicht mal meinen Onkel habe ich besucht“, erzählt Chiyu Liu. Alle in China würden größere Zusammenkünfte vermeiden. Die studierte Betriebspädagogin lebt seit 20 Jahren in Deutschland, seit elf Jahren in Friolzheim (Enzkreis), ist verheiratet und Mutter zweier Jungen im Alter von neun und sechs Jahren. Sie arbeitet bei einem Energieberatungsunternehmen, das Projekte in China betreut, zurzeit in der Stadt Chongqing, einer Millionenstadt in Südwest-China, fast 900 Kilometer entfernt von Wuhan, wo das Virus ausgebrochen sein soll.
Im Januar habe sie mit einer Delegation zwar die Geschäftsreise angetreten, doch vor Ort hätten die deutschen und chinesischen Geschäftspartner beschlossen, sich nicht zu treffen. „Wir haben eine Konferenz per Skype abgehalten und uns mit WeChat, dem chinesischen Whatsapp, verständigt“, so die 28-Jährige. Ihrer 70-jährigen Mutter habe sie Atemschutzmasken gegeben, obwohl diese 1000 Kilometer entfernt vom Zentrum der Epidemie lebt. „Es gibt mit den vielen Wanderarbeitern eben eine sehr hohe Verbreitungsgefahr“, meint Chiyu Liu. „Kein Mensch wagt sich mehr ohne Maske aus dem Haus, überall wird die Körpertemperatur gemessen, sogar an Bahnhöfen und an Hotelrezeptionen. Das war teilweise schon ein komischer Anblick“, erzählt sie. Zwei Tage nach ihrer Rückkehr stand ein Gespräch mit der Lehrerin ihres älteren Sohnes an. „Ich habe ihr nicht die Hand gegeben und Abstand gehalten, weil die Inkubationszeit von 14 Tagen noch nicht um war. Am nächsten Tag rief sie an, weil sie sich Sorgen machte um die Kinder in der Klasse. Stattdessen nahm sie im Unterricht einige Tage später das Coronavirus durch. Ich finde, die Lehrerin hat großartig reagiert.“ Man müsse schon Maßnahmen zum Schutz ergreifen, aber man dürfe nicht überreagieren. Das habe sie bisher auch weder bei Nachbarn noch bei den Eltern der Schulkameraden oder in der Bahn erlebt. Selbst im Supermarkt ernte sie eher Mitleid. „Neulich sagte der Kassierer: ,Ich wünsche Ihnen alles Gute‘, da war ich so gerührt, dass mir fast die Tränen kamen.“