Costa Concordia Hunderte der Schiffbrüchigen sind bei Don Lorenzo gelandet

Korrespondenten: Paul Kreiner (pk)
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Scotto vermutete zuerst, sie wollten an Bord ein Fest veranstalten. Aber das hatte es noch nie gegeben, und die Fahrpläne und das "normale" Verhalten der Kreuzfahrtschiffe, die wöchentlich mehrfach an Giglio vorbeiziehen, kennt Scotto auswendig. Und überhaupt: wieso zeigte der Bug der Concordia, die nach Norden unterwegs war, nach Süden? Doch bevor er eine Antwort auf diese Fragen bekam, sah Scotto von seiner Wohnung direkt am Hafen auch schon, wie das Schiff sich neigte, ganz langsam, ganz leise, ohne jeden Lärm. "Ein paar Stunden später war an den Kais alles so voll von Leuten wie sonst nur im Sommer. Da war kein Durchkommen mehr. Und das bei unserer Insel, wo im Winter nur eine Handvoll Hanseln leben."

Hunderte der Schiffbrüchigen sind bei Don Lorenzo gelandet. Er ist der Pfarrer am Ort, was man aber nicht gleich sieht, weil er über dem schwarzen Priesterhemd ein stahlblaues Fleece-Hemd gegen die Winterkälte trägt. "Nicht schon wieder", wehrt Don Lorenzo ab, der sich in diesen Tagen vor Fernsehteams und Interviews nicht mehr retten kann, aber dann erzählt er trotzdem noch einmal von jener Nacht: wie er die Kirchentür geöffnet hat, wie die Inselbewohner mit Decken und Jacken, mit haufenweise trockenen Socken, mit Tee und Brot vorbeikamen. "Ich habe auch eine philippinische und eine indonesische Ordensschwester hier, die konnten die Geretteten aus der Besatzung in deren eigener Sprache trösten. Und die Familien mit Kindern, die haben wir gleich in unseren Kindergarten weitergeleitet."

Angst, sagt Don Lorenzo, hätten seine unfreiwilligen nächtlichen Kirchenbesucher offenbar nicht gehabt, "aber sie waren völlig durcheinander, keiner wusste, was er tun sollte; aber sie haben immerhin gesehen, dass Leute sich um sie gekümmert haben". Das schönste Dankeschön, das Don Lorenzo erhalten hat, "das war der mir entgegengestreckte Okay-Daumen einer deutschen Touristin". Mit ihr hätte er sogar auf Deutsch reden können, "aber sie schaffte das gar nicht".

"Ich dachte, es sei eine Fotomontage"

Neun Kilometer ist Giglio lang, tausend Leute in drei Dörfern wohnen normalerweise hier, und die jungen Leute, wenn sie eine höhere Bildung als die Hauptschule wollen, müssen woanders hingehen. Jeden Sommer kommen bis zu 200.000 Touristen nach Giglio, zum simplen Entspannen oder zum Tauchen vorwiegend, an Spitzentagen im August können es zwölf- oder dreizehntausend auf einmal sein. "Mehr verkraftet die Insel gar nicht", sagt ein etwa Vierzigjähriger, der oben auf dem Inselberg lebt, in der mittelalterlichen, burgartig ummauerten Siedlung Castello. Als Giovanni, wenn überhaupt, will er sich in der Zeitung wiederfinden, und er hat in jener Nacht überhaupt nichts mitbekommen. "Am Samstagmorgen habe ich, wie jeden Tag, das Internet angemacht, und als ich die Schlagzeilen sah und das Foto mit der Concordia da angeblich vor unserer Insel, dachte ich, das sei ein blöder Scherz, eine Fotomontage. Dann bin ich vors Haus, und genau unter meinen Klippen sehe ich das Ding in echt. Es war ein Schock."

Giovanni ist es auch zu verdanken, dass vier Amerikaner schnell von der Vermisstenliste gestrichen werden konnten. "Ich bin da zufällig an einem Hotel vorbeigekommen, nachmittags um halb vier. Da standen vier seltsame Leute; ihre Kleider tropften immer noch. Die waren im Hotel einfach eingeschlafen."

Wie jeder, den man in diesen Tagen auf der Insel fragt, kommt Giovanni auf den Kapitän der Concordia zu sprechen, auf Francesco Schettino, der das Schiff auf die Klippen gesteuert hat. Wütend sind sie auf Schettino. "Absoluter Wahnsinn" sei diese Route gewesen, sagen sie alle: "Vor allem war es absolut jenseits, das Schiff vor den Passagieren zu verlassen", wettert Giovanni und holt die Zeitung unter seinem Arm hervor: "Jetzt hat er dem Staatsanwalt auch noch erzählt, er sei gar nicht freiwillig ins Rettungsboot gestiegen, das Schiff habe so schief gelegen, dass er reingefallen sei! Hat sie der noch alle?"




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