Costa Concordia Folgenreiches Manöver für den Schiffskellner

Noch immer liegt die Costa Concordia wie ein Koloss im Meer. Inzwischen scheint klar: der Kapitän des Luxusliners hat die Route eigenmächtig geändert. Der verhängnisvolle Felsen ist auf den Seekarten eingezeichnet. Foto: AP 4 Bilder
Noch immer liegt die Costa Concordia wie ein Koloss im Meer. Inzwischen scheint klar: der Kapitän des Luxusliners hat die Route eigenmächtig geändert. Der verhängnisvolle Felsen ist auf den Seekarten eingezeichnet. Foto: AP

Der Kapitän des gesunkenen Kreuzfahrtschiffes soll das Schiff frühzeitig verlassen haben. Ihm wird schweres menschliches Versagen vorgeworfen.

Korrespondenten: Paul Kreiner (pk)
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Rom - Nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia mit sechs Toten und zuletzt 16 Vermissten gerät der Kapitän immer stärker unter Druck. Die Vorwürfe gegen den 52-Jährigen, der wegen Fluchtgefahr und wegen der - laut Staatsanwaltschaft - "unentschuldbaren Dreistigkeit" seines Verhaltens in Haft sitzt, wiegen schwer.

Der Kapitän Francesco Schettino soll seinen 300 Meter langen Schiffskoloss, der bei normaler Fahrt einen Bremsweg von fast sechs Kilometern hat, bis auf 150 Meter an die Felsküste der Isola del Giglio herangefahren haben, um dem Chefkellner an Bord eine Freude zu machen. Der stammt von der "Lilieninsel"; er sollte, laut der italienische Zeitung "Corriere della Sera", Gelegenheit erhalten, von der Brücke aus seine Heimat zu grüßen.

Kapitän gab abwiegelnde Antworten

Diese manuelle Abweichung von der im Autopilot des Schiffes fest einprogrammierten Route sei nicht angekündigt und nicht erlaubt gewesen, sagte gestern der Chef des Kreuzfahrtunternehmens Costa, Pierluigi Foschi. Auch die "Prozeduren des Kapitäns nach dem Aufprall auf die Klippe", so Foschi, hätten nicht den "schriftlich festgelegten und geprüften Regeln" der Schifffahrt entsprochen.

Die Hafenbehörden berichten, sie hätten den Kapitän gleich nach dem Unglück - als Passagiere längst über ihre Privathandys Alarm geschlagen hatten - mehrfach telefonisch nach den Geschehnissen an Bord gefragt, aber nur abwiegelnde Antworten erhalten. Erst auf erhebliches Drängen habe der Kapitän beim vierten Anruf seinen SOS-Ruf abgesetzt, eine Stunde nach dem Unglück.

Der Kapitän wird nicht nur beschuldigt, sein Schiff schon Stunden vor der Rettung der letzten Passagiere verlassen zu haben. Ferner soll er sich auch "anerboten" haben, den Fahrtenschreiber mit allen Aufzeichnungen zu den Geschehnissen an Bord persönlich "in Sicherheit zu bringen". Weil er Beweise verschleiern könnte, hat ihn die Staatsanwaltschaft in Haft genommen.

"schweres menschliches Versagen"

Der Kapitän stammt aus Meta di Sorrento. Gelernt hat er beim staatlichen Unternehmen Tirrenia, das den Fährverkehr zwischen dem italienischen Festland und den Inseln betreibt. Danach war er bei Agip. 2002 stieß er als Sicherheitsoffizier zum Kreuzfahrtunternehmen Costa, dem größten seiner Art in Europa. Kapitän wurde er im Jahr 2006. Costa versichert, er habe alle vorgeschriebenen Eignungsprüfungen immer wieder mit Erfolg bestanden sowie an allen Fortbildungsmaßnahmen teilgenommen. Das Manöver vor der Isola del Giglio aber, so der Costa-Chef Foschi, sei ein "schweres menschliches Versagen" des Kommandanten gewesen.

Die Suche nach den Vermissten, die entweder ertrunken oder mit stündlich sinkenden Überlebenschancen weiterhin im Rumpf des Schiffes vermutet wurden, musste am Montagnachmittag unterbrochen werden. Wind und stärkerer Seegang hatten das Wrack in Bewegung versetzt; das Risiko für die Feuerwehrtaucher in der überfluteten Hälfte des Schiffs sei zu groß geworden, teilten die Behörden mit. Auch von einer 66-Jährigen aus Achstetten (Kreis Biberach) und einer 71-Jährigen aus Neuffen (Kreis Esslingen) fehlt jede Spur.

Die Costa Concordia liegt auf einem schmalen Küstensockel. 20 Meter hinter dem Wrack fällt der Boden steil auf mehr als 70 Meter Tiefe ab. Die Gefahr - auch für die Umwelt im geschützten Nationalpark des Toskanischen Archipels - besteht darin, dass das Schiff mit seinen vollen Treibstofftanks komplett versinkt. Zuerst müssten die 2380 Tonnen Treibstoff abgepumpt werden, sagte der Konzernchef Foschi.

 




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