Der Kapitän Francesco Schettino will sich seinem Fehlverhalten stellen und erscheint am Montag persönlich beim Prozess um das havarierte Kreuzfahrtschiff Costa Concordia.
Es war an jenem Freitag um 21.44 Uhr. Da machten sie auf der Kommandobrücke der Costa Concordia noch Scherze. Der indonesische Steuermann, der weder die Bordsprache Italienisch noch das Englische genügend beherrschte, hatte wieder einmal eine dringende Anweisung des Kapitäns zur Kursänderung nicht verstanden. „Geh auf 350, nicht auf 340!“, musste ihm Francesco Schettino gleich zweimal zurufen: „Sonst fahren wir auf die Felsen!“ Und alle auf der Brücke lachten.
So hat es der Stimmenrecorder der Costa Concordia am 13. Januar festgehalten. Die Sachverständigen des Gerichts schließen aus dem „entspannten Ton“ der Gespräche, dass es „bis zu diesem Zeitpunkt auf der Brücke keinerlei Spannungen, Zweifel und Aufregungen hinsichtlich des waghalsigen Kurses“ gab. Kein einziger Offizier habe Bedenken geäußert. Genau eine Minute nach dem Gelächter krachte die Costa Concordia gegen die Klippen.
Schettino will die „gut Interpretation“ der Daten sicherstellen
Das Material, das die Sachverständigen in monatelanger Arbeit aus der Black Box des Kreuzfahrtschiffs gezogen und analysiert haben, wird die zentrale Rolle spielen, wenn heute im toskanischen Grosseto der Strafprozess um die Schuldfrage so richtig losgeht. Und der Kapitän Francesco Schettino, der auf freiem Fuß bei seiner Familie in Kampanien lebt, will persönlich bei der Verhandlung dabei sein. „Ich will meinen Kopf hinhalten“, sagt er. Vor allem will Schettino aber „sicherstellen, dass die Daten aus der Black Box gut interpretiert werden. Auf diese Weise können wir die Opfer ehren, denn alle von uns wollen wissen, was damals wirklich geschehen ist“.
4229 Personen befanden sich an jenem Freitag, dem 13., auf der Costa Concordia: 1023 Besatzungsmitglieder aus aller Herren Länder, 2954 erwachsene Touristen und 252 Kinder unter zwölf Jahren. Das hätten, rein rechtlich, die Hafenbehörden im mittelitalienischen Civitavecchia schon beim Auslaufen am Abend wissen müssen. Die Listen aber, die von Bord kamen, waren in sich widersprüchlich. Damit, so die Gerichtsgutachter in ihrem 270-seitigen Bericht, ging die Malaise schon los.
Die Mannschaft war nicht richtig geschult
Dann änderte Schettino, ohne jemanden zu informieren, die Fahrtrichtung und nahm Kurs auf die winzige Insel Giglio, um seinem Oberkellner eine Freude zu machen. Aber für die geplante Passage an der felsigen Küste entlang – und das auch noch bei völliger Dunkelheit – hatte das Schiff keine hinreichend genauen Seekarten dabei. Auf der Kommandobrücke tauchten mit Schettino, so die Gutachter weiter, Personen auf, die dort nichts zu suchen hatten und die – wie die Telefonate des Kapitäns – nur „ablenkend“ wirkten.
Technisch hatte das Schiff keine Mängel. Was fehlte, war die Schulung der Mannschaft für Krisensituationen: Viele wussten nicht, an welchen Punkten sie was zu erledigen hatten. Sprachliche Schwierigkeiten kamen hinzu. So manche waren mit den Rettungseinrichtungen, die sie bedienen sollten, nicht vertraut. Aus der Brücke kamen Anweisungen erst, als die Costa Concordia schon mit schwerer Schlagseite auf Grund lag.
Von den Bergungsarbeiten sieht man nichts
Und dann kamen die Anweisungen nicht, wie vorgeschrieben, vom Kapitän selbst. Schettino wusste, so die Gutachter, bereits eine Viertelstunde nach der Havarie, dass das Schiff nicht zu retten war. Trotzdem vertuschte er das Unglück vor den Sicherheitsbehörden – „es ist nur ein Stromausfall“. Die Passagiere, die sich vor Angst längst in die Rettungsboote flüchten wollten, ließ er erst nach mehr als einer Stunde Zeitverlust evakuieren – und er selber saß schon um 0.34 Uhr im Rettungsboot, vier Stunden, bevor die letzten Passagiere das Schiff verlassen konnten. 32 Menschen sind gestorben, unter ihnen zwölf Deutsche.
Heute, neun Monate später, geht die Bergung des Wracks voran – auch wenn man von den Arbeiten selbst nichts sieht: Noch finden sie unter Wasser statt. Der mehr als 50 Meter lange Riss, den die messerscharfe Klippe dem Rumpf zugefügt hat, ist geschlossen. Im Felsenboden vor der Insel Giglio werden derzeit die Plattformen verankert und die Zementbetten aufgeschüttet, die das Wrack beim Aufrichten im späten Frühjahr 2013 stützen sollen. Landseitig bohren Spezialschiffe eine Serie von Pfählen in den Boden. An ihnen verankerte Drahtseile und Hydraulikheber sollen beim Aufrichten helfen. Die Arbeiten sind zwei Monate im Verzug, des Wetters wegen und weil der Granitboden sich an manchen Bohrstellen als nicht hinreichend stabil herausgestellt hat.
In einigen Wochen, wenn das Wrack gegen das Abrutschen in tiefere Gewässer gesichert ist, wird dann der Clou der Bergungsaktion angeliefert: die Stahlkästen, die dem Schiff beim Abschleppen schließlich als Schwimmreifen dienen sollen. Dann wird die kleine Insel Giglio sich auch wieder frei fühlen: Den ganzen Sommer über litt sie unter den schaulustigen Tagestouristen, deren immens gestiegene Zahl zeitweise den Fährtransport zum Festland zusammenbrechen ließ.