Costa Concordia Umwelt-Experte warnt vor tödlicher Gefahr

Kim Detloff vom Nabu warnt vor dem giftigen Öl, das noch in den Tanks der Costa Concordia lagert. Foto: Privat 47 Bilder
Kim Detloff vom Nabu warnt vor dem giftigen Öl, das noch in den Tanks der Costa Concordia lagert. Foto: Privat

In den Tanks der Costa Concordia befinden sich 2400 Tonnen hochgiftiges Öl. Die Umweltorganisation Nabu befürchtet eine Naturkatastrophe.

Korrespondenten: Thomas Wüpper (wüp)
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Stuttgart - In den Tanks der havarierten Costa Concordia befinden sich noch 2400 Tonnen hochgiftiges Schwer- und Dieselöl. Die Umweltorganisation Nabu befürchtet eine Naturkatastrophe, wenn das Öl ins Meer läuft. Der Meeresbiologe Kim Detloff, der drei Jahre auf der Insel Giglio arbeitete, warnt im Interview vor schwerwiegenden Folgen.

Herr Detloff, wie groß ist das Risiko einer Umweltkatastrophe?

Das Schiff liegt nahe dem Hafen Giglio Porto in knapp 30 Meter Wassertiefe auf Grund und hat fast 80 Grad Schlagseite. Die Gefahr ist groß, dass es in tieferes Wasser abrutscht. Wie lange die Tanks noch halten, weiß niemand. Das Schweröl ist zudem nur schwer abzupumpen.

Wie schlimm wäre ein Ölaustritt?

Schweröl ist eine hochgiftige, teerartige Substanz, die bei Austritt auf den Meeresboden absinkt und dort alles überdeckt. Weite Areale unter Wasser würden unweigerlich zum Friedhof für alle Lebewesen. Dieselöl dagegen schwimmt an der Oberfläche und verklebt das Federkleid von Seevögeln, schädigt das Immun- und Fortpflanzungssystem sowie die Leber von Meerestieren und führt zu erhöhten Krebsraten.

Welche Tierarten wären betroffen?

Das Öl ist eine tödliche Gefahr für Zehntausende von Meerestieren, die in dem 1996 gegründeten Nationalpark Toskanischer Archipel mit seiner besonders großen Artenvielfalt leben. Das Gebiet um Giglio ist ein Naturparadies mit Korallenwänden, in dem Schwärme von Barrakudas. Lipp- und Papageienfische vorkommen. Zudem ist es ein wichtiges Walschutzgebiet mit vielen Arten wie Pottwalen und Delfinen. Die Insel ist Rastplatz für viele Zugvögel, auch der seltene Sturmtaucher und die Korallenmöwe kommen hier vor.

Könnten Schadstoffe auch in die Nahrungskette gelangen?

Das ist nicht ausgeschlossen. Falls Öl austritt, wird es von Kleinlebewesen im aufgenommen und gelangt so zwangsläufig in den Körper von Fischen, die womöglich am Ende auf unserem Mittagstisch landen. Aber diese Zusammenhänge sind bisher erst ansatzweise erforscht. Man sollte hier nicht unnötig dramatisieren.

Können Ölsperren Schlimmstes verhindern?

Die bisherigen Schiffskatastrophen zeigen leider, dass es praktisch unmöglich ist, alles austretende Öl abzufangen. Bei der Katastrophe im Golf von Mexiko wurde ein ganzer Jahrgang von Fischlarven vernichtet – trotz aller Bemühungen.

Warum wird das giftige Schweröl auf Schiffen eingesetzt?

Es ist billiger als Schiffsdiesel, deshalb lassen alle großen Reedereien ihre Schiffe damit fahren. Wir fordern schon lange ein Verbot, denn allein die 15 größten Seeschiffe stoßen jedes Jahr mehr schädliche Schwefeloxide aus als alle Autos weltweit. Giftige Abgaswolken in Häfen und vor den Küsten belasten Mensch und Umwelt. Einer seriösen Studie zufolge kosten diese Schadstoffe jedes Jahr bis zu 50 000 Menschen das Leben, die zum Beispiel an Krebs erkranken und vorzeitig sterben.

Werden die Abgase nicht wie bei jedem Dieselauto gereinigt?

Das funktioniert bei Schweröl nicht, deshalb verpesten Kreuzfahrt- und Handelsschiffe die Luft in großem Ausmaß. Das teurere Dieselöl dagegen enthält viel weniger Schadstoffanteile, deshalb fordern wir ja seit Jahren den Umstieg, zum Beispiel mit unserer Kampagne „Mir stinkt‘s! Kreuzfahrtschiffe sauberer machen“. Beim Einsatz von Schiffsdiesel kann man zudem Rußfilter installieren und so einen weiteren Teil der Schadstoffemissionen verhindern.




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