Als es um den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine geht, hält es die EU-Abgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) kaum mehr auf dem Sofa aus. „Man darf eine andere Meinung zum Krieg haben, aber man darf Putins Erzählungen nicht übernehmen“, betont sie. Die Verteidigungsexpertin ist am Montag beim siebten Unterriedener Couchgespräch im Bürgerhaus in Sindelfingen-Maichingen zu Gast – und wird aus dem Publikum mit russischer Propaganda konfrontiert.
Maxime Mazurek, 12. Klasse, und Simon Ansel, 9. Klasse, vom Gymnasium Unterrieden in Sindelfingen führen im Bürgerhaus – das mit rund 350 Schülerinnen und Schülern gut gefüllt ist – souverän durch das Gespräch. Es geht um Israel, den verpassten Einzug der FDP in den Bundestag, das Ampel-Aus, Regenbogenflaggen und immer wieder den Krieg in der Ukraine.
Nicht Putins Propaganda wiederholen
Strack-Zimmermann wirkt locker, begegnet den jungen Menschen auf Augenhöhe – und zeigt sich bei kritischen Fragen gewohnt kampflustig. Als ein Schüler – ob aus Provokation oder Überzeugung – unterstellt, dass der russische Angriff in Ordnung sei, weil die Ukraine von Nazis beherrscht würde, wählt sie klare Worte.
Diese Rechtfertigung Putins für den Krieg sei „üble Geschichtsklitterung“, so Strack-Zimmermann. „Und die sollten wir nicht transportieren.“ Lauter Applaus aus den Reihen der Schülerinnen und Schüler. Als später ein abfällig klingendes „Uuuh“ zu hören ist, wird die Politikerin kurz emotional. „Nicht hier mit dem Arsch im Warmen sitzen – hinfahren, angucken, dann ist nichts mehr mit ,Uuuh’“, weist sie auf die Gräuel des Krieges hin. Deutlich wird einmal mehr: Für sie ist die Unterstützung der Ukraine essenziell für die Sicherheit Europas. „Russlands Angriff ist ein unmittelbarer Angriff auf unsere Freiheit in Europa“, sagt sie.
Wo ihre liberale Haltung deutlich wird
Doch der Krieg in der Ukraine ist nicht der einzige Konflikt, zu dem sie Stellung beziehen soll. Gefragt nach ihrer Haltung zu Israels Vorgehen im Gaza-Streifen, holt sie weiter aus. Sie erinnert zunächst daran, dass Israel gegründet wurde, „weil kurz davor sechs Millionen Juden ermordet worden waren.“ Sie betont das Recht Israels auf Selbstverteidigung, sagt aber auch: „Ich stehe emotional in jeder Hinsicht an der Seite Israels. Aber das was jetzt im Gazastreifen passiert, ist nicht mehr in Ordnung.“ Ihre Wut richte sich nicht gegen Israel, sondern gegen den Regierungschef und die rechtsradikale Minister.
Ihre liberale Haltung tritt bei den Themen Grenzkontrollen – an der europäischen Außengrenze ja, aber nicht innerhalb Europas – und Regenbogenflaggen hervor. Bei diesem Punkt geht es um die Entscheidung Julia Klöckners, keine Regenbogenflagge auf dem Reichstag zu hissen und die Bemerkung von Kanzler Friedrich Merz, der Bundestag sei schließlich kein Zirkuszelt. „Die Zirkuszelt-Bemerkung ist für den Ernst der Lage völlig unangemessen“, findet Strack-Zimmermann. Sie sperre das Leid, das viele queere Menschen immer noch erleben, völlig aus.
Nicht alles lässt sich auf Tiktok erklären
Die Debatten dazu kann die FDP allerdings nur von außen verfolgen, hat sie doch den Wiedereinzug in den Bundestag verpasst. Das sei „einfach schrecklich“, kommentiert Strack-Zimmermann. „Wir müssen uns schon nach dem Warum fragen.“ Weniger selbstkritisch gibt sie sich beim Ampel-Aus. „Der Knackpunkt war, dass die Koalition nicht kompromissfähig war. Daran ist sie kaputt gegangen.“
Ein Thema, das laut Moderatoren-Duo viele junge Menschen beschäftige, ist der Klimawandel. „Warum findet das in der Politik keinen Anklang?“, will Mazurek wissen. Diesem Eindruck widerspricht Strack-Zimmermann. Auch wenn der Klimawandel in der öffentlichen Debatte zuletzt weniger stark vertreten sei, beschäftige sich die Politik, in ihrem Fall das EU-Parlament, damit. Nicht zuletzt aus sicherheitspolitischer Sicht sei der Klimawandel relevant. Als Beispiele nennt sie Fluchtbewegungen und schmelzendes Eis, das am Polarkreis neue Seewege ermögliche.
In den knapp eineinhalb Stunden zeigt sich Strack-Zimmermann immer wieder als überzeugte Europäerin – und warnt davor, die EU als gegeben hinzunehmen. „Ihr wachst in einer Welt auf, in der ihr sagen könnt: Ich studiere in Frankreich, ich studiere in Spanien. Das ist nicht selbstverständlich.“ Vielleicht auch angesichts einzelner Fragen aus dem Publikum, ruft sie die jungen Menschen dazu auf, kritisch hinzuschauen. „Die Welt ist extrem komplex, und man darf nicht glauben, dass man die Dinge in drei Tiktok-Sätzen erklären kann.“ Ihr Rat:„Kämpft für die Demokratie und glaubt nicht jeden Scheiß, den man euch erzählt.“
Couchgespräch und Biografie
Unterriedener Couchgespräche
Seit 2023 veranstaltet das Gymnasium Unterrieden in Sindelfingen diese Gesprächsreihe. Auf dem Sofa saßen bereits der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne), Mirko Drotschmann alias „MrWissen2go“ und die Holocaust-Überlebende Ruth Michel.
Marie-Agnes Strack-Zimmermann
wurde 1958 in Düsseldorf geboren und wuchs in einem „politischen Haushalt“ auf, wie sie selbst sagt. Sie war unter anderem Erste Bürgermeisterin von Düsseldorf, saß von 2017 bis 2024 für die FDP im Bundestag und war Vorsitzende des Verteidigungsausschusses. 2024 wurde sie ins Europäische Parlament gewählt. Dort sitzt sie dem Ausschuss für Sicherheit und Verteidigung vor.