„Council für Männer“ in Böblingen Ein Raum, wo man Mann sein kann

Wer den Redestab hält, darf sprechen: Thomas Melchinger bietet in Böblingen einen Council für Männer an. Foto: Eibner-Pressefoto/Roger Bürke

Thomas Melchinger bietet in Böblingen den „Council für Männer“ an – mit Redestab und Riten. Was er sich dabei gedacht hat und wie das in Böblingen ankommt.

Zu Beginn des Gesprächs überreicht Thomas Melchinger eine kleine Zip-Tüte mit getrockneten Blättern drin. Was das ist, will er wissen. Nach einigem Riechen und Betrachten (und Aufklären) wird klar: Salbei. Der kommt aus seinem Garten, und mit ihm beginnt Thomas Melchinger seine „Council für Männer“-Runden. Da brennt er den Salbei an und gibt ihn in einer Räucherschale herum. So soll sich jeder energetisch waschen können, bevor es losgeht. „Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen spirituell“, sagt er und lacht.

 

Thomas Melchinger ist von Beruf Softwareentwickler und Coach. Eine richtige Coaching-Ausbildung habe er nicht, aber alle möglichen Fortbildungen gemacht: zum Hypnosetherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie, Mediator und Naturcoach zum Beispiel. Damit bietet der gebürtige Böblinger – neben seinem IT-Beruf, der ihn ernährt – verschiedene Angebote im Business-Kontext an, etwa Mediation oder Teambuilding-Aktionen. Oder aber einfach Angebote für Menschen, ohne Business. So wie zum Beispiel den „Council für Männer“.

Im Kreis sitzen und erzählen – wie frühe Vorfahren

„Der Council ist eigentlich eine traditionelle menschliche Kommunikationsform“, sagt Melchinger. Schon unsere Vorfahren seien nach der Jagd zum Austausch am Lagerfeuer gesessen. So ähnlich sitzen die Männer auch im Council im Kreis. Dazu kommt der Redestab, der nach dem klassischen Prinzip funktioniert: Wer den Stab hält, darf reden. Die anderen schweigen und hören mit voller Aufmerksamkeit zu. Anfangs gibt Melchinger oft eine Frage in die Runde, etwa nach der größten Herausforderung der vergangenen Woche. Dann darf jeder sprechen, falls und worüber er möchte.

„Der Council ist eine Form der Kommunikation, die es in unserer schnelllebigen Zeit viel zu selten gibt“, sagt Thomas Melchinger. Auch Achtsamkeit spiele eine Rolle. Das einfache Zuhören und die Tiefe der Gespräche kommen ihm oft zu kurz.

So ähnlich ist auch der Gedanke zum „Council für Männer“ entstanden: „Ich hatte das Gefühl, dass nicht mit so vielen Männern im Bekanntenkreis ein tiefgehender Austausch auf persönlicher Ebene stattfindet“, sagt er. Woran das liegt? Vielleicht an der Sozialisierung oder der Mentalität, so richtig weiß er es aber auch nicht. Bei Frauen, so sein Gefühl, sei das etwas anders. Die hätten eher Freundinnen, mit denen sie alles besprechen könnten. „Die typischen ‚Männerthemen’, wie Autos oder Fußball, haben mich einfach nicht interessiert“, erzählt er weiter. Also wollte er einen Raum für einen echten Austausch ermöglichen, in dem Freud und Leid geteilt und Herausforderungen besprochen werden können.

Das Angebot hat er bei „Meetup“ eingestellt, einer App zur Vernetzung für Gruppen und Events. So richtig gefruchtet hat es bisher aber noch nicht. Im vergangenen Semester bot er es zum ersten Mal im Böblinger Treff am See an – nur an einem Abend kam es zustande. „Es war ein toller Abend“, sagt er. Obwohl die Teilnehmer sich nicht gekannt hätten, habe man sehr private Dinge besprochen. Viel sei es um Beziehungen gegangen. Am Ende habe einer gesagt: „Es war schön zu sehen, dass andere ähnliche Herausforderungen haben wie ich.“ Doch einige seien von weiter her gekommen, da sei klar gewesen, dass sich keine feste Gruppe bilden würde.

Mit einer festen Gruppe kann man eine andere Ebene erreichen

Er versucht es weiter, vor wenigen Wochen hat das erste Treffen dieses Semesters stattgefunden, dieses Mal kam ein Teilnehmer. So richtig Sinn ergebe das Konzept „Council“ erst ab vier Personen. Er ist jedoch zuversichtlich: „Das braucht manchmal einfach echt lange, bis sich solche Gruppen etablieren.“ Mit einer festen Gruppe könne man eine andere Ebene erreichen.

Bisher seien hauptsächlich jüngere Männer gekommen, er selbst sei mit seinen 45 Jahren der Älteste gewesen. Eigentlich wünsche er sich das etwas diverser. Er ist überzeugt, dass verschiedene Generationen von unterschiedlichen Perspektiven profitieren würden. Ob mehr Männer angesprochen würden, wenn er den Council ohne Redestab und Riten anbieten würde? „Kann sein, aber das ist halt nicht meins.“ Auch in eine Kneipe würde er nicht gehen wollen, denn das sei kein geschützter Rahmen.

Eines ist also klar: Ein „Männerclub“, bei dem Stammtischparolen gepöbelt und sexistische Witze gerissen werden, ist der „Council für Männer“ nicht. Auch das Bild von Männern, die sich wegen „Metoo“ und anderen Debatten verunsichert fühlen und sich deshalb gegenseitig unterstützen müssen – für manchen vielleicht die erste Assoziation bei dem Begriff „Council für Männer“ – trifft nicht zu.

Wie er zu gesellschaftlichen Debatten um Gendern und Sexismus steht, will er nicht sagen. Dazu habe er seine persönlichen Meinungen, das gehöre aber nicht zu seinem Angebot. Sicher, wenn ein Mann in einer Sitzung anspräche, dass er wegen solcher Debatten verunsichert ist, könne man darüber sprechen. Er will keine Themen vorgeben oder verbieten. Aber ganz generell fühlten sich Männer, die Stammtischparolen herumpöbeln, sicherlich sowieso nicht von seinem Angebot angesprochen.

In der Region gibt es nicht viele „Councils für Männer“

Das Prinzip „Council für Männer“ hat er sich nicht selbst ausgedacht. Solche Gesprächsgruppen gebe es auch sonst wo, allerdings nicht so viele. „In Baden-Württemberg ist das sehr überschaubar“, sagt er. In Böblingen bietet er es hauptsächlich deshalb an, weil er da im Treff am See einen passenden Raum hat. Und weil sich über „Meetup“ eher Menschen aus Städten finden würden, als weiter draußen auf dem Land.

Vom Softwareentwickler zum Coach

Studium
Er sei ein sehr kopfgesteuerter Mensch, sagt Thomas Melchinger von sich. Deshalb hat er in Berlin Betriebswirtschaftslehre mit Wirtschaftsinformatik studiert. Wegen seiner Neugier und einiger privater Dinge hat er vor zwölf Jahren begonnen, sich neben seiner selbstständigen Tätigkeit im Software-Bereich mit Persönlichkeitsentwicklung zu beschäftigen. Darauf folgten einige Aus- und Fortbildungen. Jetzt bietet er verschiedenste Aktivitäten an: vom therapeutischen Bogenschießen über Naturcoaching bis hin zum Teambuilding für Unternehmen – und das Council-Konzept in verschiedenen Formen, etwa auch bei Naturerfahrungen.

Termin
Das Angebot „Council für Männer“ findet jeden 2. und 4. Freitag im Monat von 18.30 bis 20 Uhr im Gartenzimmer des Treffs am See in Böblingen statt. Der nächste Termin ist der 13. Oktober. Um Anmeldung wird unter 0 70 32 /  9 59 12 82 oder council@thomas-melchinger.de gebeten.

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