Countrymusik aus Bristol Von wegen Folklore der Hinterwäldler

Die VW Boys (von links): Fat Albert Blackburn, Tim White und Dave Vaught Foto: VW Boys
Die VW Boys (von links): Fat Albert Blackburn, Tim White und Dave Vaught Foto: VW Boys

Drei Akkorde und die Wahrheit – das ist Countrymusik. Sie erlebt an ihrem Geburtsort in den USA derzeit eine Renaissance.

Wirtschaft: Andreas Geldner (age)
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USA - Die Scheune mit den verwitterten Holzplanken ist vom Straßenrand aus leicht zu übersehen. Das Hinweisschild hat ein Sturm weggefegt. Rita Forrester, die den legendären Geburtsort der Countrymusik hütet, hat noch keine Zeit gefunden, es zu ersetzen. „Erwachsene 1 Dollar, Kinder 50 Cent“ steht an der kleinen Eingangstafel, und darüber „Janette Carter Old Time Music“. Die Preise stimmen nicht mehr. Aber die Fans kommen wie einst. Sie lassen sich nicht vom eisigen Wind abschrecken, der über den Appalachenkamm zwischen Virginia, Tennessee und Kentucky fegt. Das raue Umfeld gehört dazu. Forrester muss am „Carter Family Homestead“ keine Kassierer anheuern. Das macht die freiwillige Rentnerbrigade, die genauso zum Inventar gehört wie die heimelige Bühnendekoration.

Das hier ist kein gewöhnlicher Konzertsaal – es ist ein Heiligtum. An der Wand hängen schwarzweiße Familienfotos. Hinten auf der Bühne steht eine Kirchenbank. Am Rande der Bühne liegt eine aufgeschlagene Bibel auf einem Hausaltar. Er erinnert an Ritas Großeltern, die Urahnen der Countrymusik. Vor 85 Jahren machten sich der kleine Farmer AP Carter, seine Frau Sara und seine Schwägerin Maybelle aus den Bergen auf hinunter ins Tal: nach Bristol, 40 Kilometer entfernt, auf der Grenzlinie zwischen Virginia und Tennesse. „Wandering Boy“ und „Poor Orphan Child“ hießen die Lieder auf der knisternden Schellackplatte, die 1927 am Anfang eines Stücks amerikanischer Kultur standen.

Auf die Bühne und dann zurück auf die Farm

Die erste größere Liedersammlung der Carters ein Jahr später enthielt Hits wie „Keep on the sunny Side“ oder „Can the Circle be unbroken“, die heute noch zum Standardrepertoire der Countrymusik gehören. Aus der Folklore der Hinterwäldler, in der sich die Lieder der schottisch-irischen Einwanderer mit schwarzen Einflüssen vermischten, wurde ein Millionengeschäft. Doch der Geburtsort in den Bergen Virginias konnte davon nie profitieren. Reich wurden die ersten Stars der Countrymusik nicht. „Sie haben Konzerte gegeben, dann gingen sie wieder auf die Farm“, sagt Forrester. Am Ende zerbrach die Ehe der Carters daran, dass die Frau nicht auf Tournee wollte. „Die Leute waren anders, sie wollten zu Hause bleiben“, sagt die Enkelin.

Geld, Stars und Einfluss wanderten in das 400 Kilometer westlich gelegene Nashville. Wer an Countrymusik denkt, hat heute die kommerzialisierte, oft kitschige Variante von dort im Ohr. Bristol, der Ort der ersten Aufnahmen, blieb im Schatten. Doch gerade deshalb erlebt die Old Time Music dort abseits des Mainstreams zurzeit eine Renaissance. Uriger, erdverbundener und leidenschaftlicher ist Countrymusik in den USA zurzeit nirgendwo zu hören. Nur zehn Sekunden brauchen die VW Boys, um die Tanzfläche vor der Bühne bei den Carters zu füllen. Das Alter spielt keine Rolle. Zum „Tennessee Waltz“ balanciert der 83-jährige Fred Skeens eine Flasche auf dem Kopf, bevor er sein Sweetheart auf die Tanzfläche holt. Das Paar schaukelt, schwingt und dreht sich, als habe es sich eben erst kennengelernt. „Na, die Band könnte etwas mehr loslegen“, sagt Skeens – während rings um ihn herum die Kinder aus der Puste kommen.

Ein Geschäft ist das heute Abend nicht. Der Wetterbericht hat den einen oder anderen abgeschreckt. Aber ein Konzert absagen? Für die Seele des Geschäfts kommt das nicht in Frage. „Es ist eine Familienangelegenheit, Honey“, sagt Rita Forrester. „Meine Mutter hat das hier angefangen, weil sie meinem Vater auf dem Sterbebett versprochen hat, dass das mit der Musik weitergeht.“

Johnny Cash und Bob Dylan spielten in der Provinz

Nicht nur Johnny Cash, der die Tochter von Maybelle Carter heiratete, ist hier regelmäßig aufgetreten. Auch Led Zeppelin oder Bob Dylan haben in der tiefsten Provinz aufgespielt. „Ich habe Dylan vor Kurzem am Rande eines Konzertes getroffen“, sagt Forrester. „Ich habe ihn gefragt, warum wir uns Konzerte antun, wenn wir kein Geld damit verdienen.“

Forrester hat auch nach einer Tragödie im Jahr 2009 nicht aufgehört. Damals brannte ihr Haus ab. Ihr Mann starb im Feuer. Sie rettete das nackte Leben – alles andere ging verloren. Nur die Musik blieb ihr.

Die Stimmung im Saal ist am Abend trotz der spärlich gefüllten Ränge bestens. „Wer von euch geht einer anständigen Arbeit nach?“, fragt Bandleader Tim White. Nur wenige Hände heben sich. „Aha, der Rest hat wohl für Barack Obama gestimmt.“ Dann singt er ein Lied über einen sexwütigen Hahn, der sich mit allen Tieren der Farm verbandelt und seltsame Mischwesen zeugt. Es sind Lieder aus einer kargen Welt.




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