Couragierter Seniorinnen in Köngen „Omas gegen Rechts“ machen mobil

Die „Omas gegen Rechts“ zeigen Flagge für Toleranz. Dorothea Lottermann (links) hat die Wendlinger Ortsgruppe gegründet, Isolde Mayer (Dritte von links) und Andrea Schetter (Vierte von links) wollen Gleiches in Köngen tun. Foto: /Kerstin Dannath

In Köngen formiert sich derzeit eine Gruppe couragierter Seniorinnen unter dem Banner der überparteilichen Initiative „Omas gegen Rechts“. Sie wollen ein Zeichen gegen Rechtsextremismus setzen.

Für viele mögen die „Omas gegen Rechts“ ein paar nette alte Damen sein, die sich zum Kaffeekränzchen treffen, um ein bisschen übers politische Weltgeschehen zu plaudern. Aber das täuscht. In Deutschland engagieren sich laut eigenen Angaben der überparteilichen Initiative inzwischen über 15 000 Mitglieder in über 100 Ortsgruppen, in der „taz“ wurden sie kürzlich als aktuell „de facto die stärkste Frauenbewegung“ Deutschlands bezeichnet.

 

In der Region aktiv sind bislang eine von der ehemaligen Kirchheimer Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker ins Leben gerufene Ortsgruppe in Kirchheim, die seit Februar regelmäßig wacker in der Fußgängerzone steht, und seit diesem Frühjahr zeigt ebenfalls eine Gruppe Seniorinnen in der Stadt Wendlingen deutlich Flagge gegen rechtes Gedankengut. Auch in Köngen sind zwei Frauen aktuell dabei, einen Oma-gegen-Rechts-Ableger zu gründen. Isolde Mayer und Andrea Schetter haben dabei aber mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen.

Absage für einen Text im Gemeindeanzeiger

„Eigentlich wollten wir einen Text im Gemeindeanzeiger veröffentlichen, bekamen aber von der Verwaltung eine Absage“, erzählt Mayer. Die Begründung: Im Gegensatz zum Wendlinger Amtsblatt gibt es im Köngener „Blättle“ keine Rubrik für bürgerschaftliches Engagement. „Wir sind eben weder eine Partei, noch ein Verein oder eine Kirche“, erklärt die 77-Jährige. Auch der erste öffentliche Auftritt auf dem Wochenmarkt ging beinahe schief – ordnungsgemäß angemeldet, sollte eine „Standgebühr“ von 50 Euro gezahlt werden. Mayer und ihre Mitstreiterin Andrea Schetter – beide Frauen unterrichteten lange Zeit an der Köngener Burgschule – beriefen sich auf die Versammlungsfreiheit. „Dann hat es doch noch geklappt“, freut sich Schetter. Unterstützt wurde das Köngener Duo bei ihrer Wochenmarktpremiere von einigen Wendlinger Omas gegen Rechts – deren Gruppe zählt inzwischen 40 Mitglieder. „Allein kann man einfach nichts bewirken“, erklärt die Wendlinger Initiatorin Dorothea Lottermann. Was ihr wichtig ist: „Wir sind kein Kaffeekränzchen.“ Mit großer Sorge nähmen sie und ihre Mitstreiterinnen wahr, was derzeit mit der Demokratie passiere: „Und wie weit die schon unterwandert ist.“

Zurück nach Köngen – befreundet sind Isolde Mayer, die seit 2009 in Pension ist, und Andrea Schetter seit ihren gemeinsamen Burgschulzeiten. Zusammen hatten sie zahlreichen Englandfahrten für Schüler und für Lehrer organisiert. Völkerverständigung und Weltoffenheit sei ihnen schon immer enorm wichtig gewesen, wie sie beide betonen. 2019 ging auch für Schetter das Berufsleben zu Ende, seitdem wurde der Kontakt noch enger. Als besonders politische Menschen haben sich die beiden indes bislang nicht empfunden. „Interessiert schon, aber nicht engagiert“, erklärt Mayer. Sie habe Menschen, die immer ganz schnell wissen, was richtig und was falsch ist, immer bewundert – sie sei nie so gewesen, ergänzt Schetter. Der deutliche Rechtsruck macht aber beiden Sorgen. Schockiert habe sie das Ergebnis der AfD bei der Europawahl, sagt Schetter. Bekanntlich landete die Partei im Juni bei der Europawahl auf Platz zwei – trotz chaotischen Wahlkampfs und einiger Skandale ihrer Spitzenkandidaten. Auch die im September anstehenden Landtagswahlen in drei ostdeutschen Bundesländern oder die Entwicklung in den USA treibt die beiden Frauen um: „Ich bin gespannt, wie es in Amerika weiter geht und was das für uns in Europa bedeutet“, sagt Schetter. Die 68-Jährige hat fünf Enkel: Man mache sich halt Gedanken wegen deren Zukunft – wie werden sie leben, wer zahlt ihre Rente? Auch Mayer ist es wichtig, ihre drei Enkel in einer freiheitlich gesinnten und demokratisch geprägten Welt aufwachsen zu sehen.

Zwei weitere Mitstreiterinnen haben die beiden Köngenerinnen inzwischen gefunden, weiterhin wird ein enger Kontakt zu den Wendlinger Omas gepflegt. „Wir könnten uns auch vorstellen, eine gemeinsame Ortsgruppe Wendlingen/Köngen zu gründen“, sagt Isolde Mayer.

Auch Opas und Enkellose sind willkommen

Die Wendlingerinnen planen zum Beispiel Aktionen bei der erstmaligen landesweiten „Langen Nacht der Demokratie“ am 2. Oktober – die Stadt Wendlingen ist einer von 20 Pilotstandorten in Baden-Württemberg, die Schirmherrin ist die Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne). Es soll ein deutliches Zeichen für politische Bildung und Demokratie gesetzt werden.

Ausgrenzt wird bei den „Omas“ übrigens niemand – trotz ihres Namens sind auch Männer oder Seniorinnen ohne Nachkommenschaft herzlich willkommen. „Die ‚Omas gegen Rechts“ stehen für eine bestimmte Lebenshaltung, auch Opas oder Menschen ohne Enkel dürfen mitmachen“, bestätigt die Wendlinger Initiatorin Dorothea Lottermann. Die Betonung liege eher auf einem fortgeschrittenen Alter. „Es gehört einfach ein bisschen Altersweisheit dazu“, ergänzt Andrea Schetter und lacht.

Wer sind die „Omas gegen Rechts“

Geschichte
Ursprünglich kommt die Idee aus Österreich. Die Theologin, Psychotherapeutin und Autorin Monika Salzer hatte die Gruppe 2015 als Reaktion auf die Wahl von Kanzler Sebastian Kurz ins Leben gerufen. Davon inspiriert, gründeten sich 2018 die deutschen „Omas gegen Rechts“ als zivilgesellschaftliche, parteiunabhängige Initiative. Protestierende Omas sind übrigens ein internationales Phänomen – das reicht von den „Raging Grannies“ in den USA über Gruppierungen in Polen und der Schweiz bis nach Italien.

Preis
Das Engagement der deutschen „Omas gegen Rechts“ erhält in diesem Jahr den Aachener Friedenspreis aufgrund ihres Einsatzes für Gleichberechtigung und Toleranz sowie gegen Antisemitismus, Rassismus und Antifeminismus.

Kontakt
Wer sich für die Köngener Initiative interessiert, darf sich gerne bei Isolde Mayer oder Andrea Schetter per Mail unter imayerkoengen@gmx.de oder andreaschetter@freenet.de melden.

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