Vor zwei Jahren waren Christian (47) und Martin (35) Riethmüller lediglich Cousins, die sich einen der bekanntesten Familiennamen der Buchbranche teilten. Christian Riethmüller bestellte den 425 Jahre alten Tübinger Traditionsbuchhändler Osiander neu, Martin Riethmüller den regionalen Platzhirsch Ravensbuch im oberschwäbischen Ravensburg. Mit den Unternehmen hatten ihre Väter einst eigene Wege eingeschlagen. In der Pandemie, so erzählt es Christian Riethmüller, entschlossen sich die Cousins bei einem Spaziergang auf der Schwäbischen Alb, die Unternehmen zu fusionieren. „Relativ schnell – so wie wir auch sind“, sei die Entscheidung gefallen.
Eine menschelnde Geschichte – und eine über Einfluss und Größe
Seit knapp einem Jahr sind die beiden Familienzweige in der Tübinger Buchhandelszentrale wieder vereint, die Zahl der Osiander-Filialen ist um vier auf 65 gewachsen. Es ist eine menschelnde Geschichte. Vor allem aber erzählt sie vom Druck im Handel, sich zusammenzuschließen. Und von zwei Cousins, die den Schulterschluss auch für eine größere politische Mitsprache nutzen.
Die Familie Riethmüller zählt zu den einflussreichsten Familien der Buchbranche. Als Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels war Heinrich Riethmüller (66), ein Onkel von Christian und Martin Riethmüller, jahrelang das Gesicht der Branche. Die Riethmüllers sind mit anderen maßgebenden Händlerfamilien eng vernetzt und teils freundschaftlich verbunden.
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Das erleichterte es auch, dass Osiander 2020 mit dem Branchengiganten Thalia eine gemeinsame Vertriebsgesellschaft gründete, die für Osiander wichtige Bereiche wie IT, Webshop und Einkauf übernommen hat. Die schiere Größe und potenzielle Macht der Vertriebsgesellschaft stieß in der Buchbranche auch auf Kritik, für Osiander senkte sie die Investitionskosten und brachte höhere Rabatte. Trotz Corona und langer Schließungszeiten schrieb Osiander im vergangenen Jahr keinen Verlust. „Wir kommen stärker zurück, als wir in die Krise hineingegangen sind, das können nicht viele Händler von sich sagen“, sagt Martin Riethmüller.
Die kleine Autorenbuchhandlung, die das Glück in der Nische sucht, wäre nichts für die Riethmüller-Cousins. Sie sind einer Zeit aufgewachsen, in der Amazon den Online-Handel dominiert und vor allem Größe zählt. Statt eine Buchhandelslehre zu machen, studierten beide BWL. In ihren ersten Berufsjahren legten die Cousins eine Karriere beim Discountergiganten Aldi hin, dessen „Effizienz“ und „Einfachheit der Unternehmensführung“ sie loben.
Der eine spielte American Football, der andere wollte VfB-Präsident werden
Zudem verbindet sie ein Grundvertrauen, das, neben der Familienbande, auch von ihrer gemeinsamen Leidenschaft zum Sport herrührt. Martin Riethmüller spielte lange in der Zweiten Bundesliga American Football, sein Cousin nimmt noch immer an Triathlons teil und sitzt im Präsidium und Aufsichtsrat des VfB Stuttgart. Als er sich vor gut zwei Jahren mit Claus Vogt um das Amt des Vereinspräsidenten duellierte, wurde er auch einem größeren Sportpublikum bekannt. „Obwohl wir in verschiedenen Lebensphasen sind, harmonieren wir blind“, sagt Christian Riethmüller. Sein Cousin lobt zurück: „Mir gefällt sein Drive, er steht niemals still. Ich bin auch jemand, der nach vorne schaut.“
Längst ist dabei die Politik in den Fokus geraten, vor allem bei der Entwicklung der Innenstädte und der Förderung des lokalen Handels wollen sie mitgestalten. Christian Riethmüller gründete zu Beginn der Pandemie mit anderen die Einkaufsplattform „Shop daheim“, die die stationären Händler stärken sollte. Martin Riethmüller entwickelte die Initiative „Buy Local“ seines Vaters weiter, deren Kernbotschaft zum Allgemeingut vieler anderer Initiativen geworden ist: dass der Einkauf vor Ort Jobs und Steuern schafft und das Leben in den Innenstädten attraktiver macht – im Gegensatz zum Online-Handel.
„Die Landesregierung hat versagt“, sagt Christian Riethmüller
Mit dem Wegfall der Coronabeschränkungen strömen die Kunden wieder in die Citys von Tübingen, Stuttgart oder Ravensburg, die Besucherfrequenzen steigen. Zwar trüben der Krieg in der Ukraine und die teuren Energiepreise die Konsumlaune, dennoch nehmen die Umsätze wieder zu. Diese Aufbruchstimmung würden gerne auch Teile der Politik für sich nutzen – wäre nicht die Stimmung bei manchen Händlern ob der als teils zu hart empfunden Coronamaßnahmen noch immer gereizt, allen voran im Buchhandel. „Die Landesregierung hat versagt, die Grünen wie die CDU. Nicht einmal war ein Landespolitiker bei uns im Laden und hat gefragt, wie die Situation tatsächlich ist“, beklagt Christian Riethmüller. „Ministerpräsident Kretschmann hat die Lage vor Ort nicht erkannt.“
Neun Wochen lang mussten die baden-württembergischen Buchhandlungen schließen, ein Negativrekord im Ländervergleich. Die Zahl der verkauften Bücher ging im Südwesten am stärksten zurück, der stationäre Umsatz sank um 22 Prozent. Die Händler erzürnte besonders, dass Baumärkte und Optiker, aber nicht Bücher zur Grundversorgung zählten.
„Von allen setzt sich Palmer am meisten für den Handel ein“
Da die Landespolitik sich „zu weit von der Lebensrealität“ entfernt habe, baut Christian Riethmüller für die aktuelle Aufholjagd des Handels besonders auf die Kommunalpolitik. Vor allem von Tübingens OB Boris Palmer hält er viel. Mit den meisten Bürgermeistern in mehr als 60 Städten mit Osiander-Filialen habe er Erfahrung, betont er. „Von allen setzt sich Palmer am meisten für den Handel, die Gastronomie und lebendige Innenstädte ein.“
Mit ihm und dem Handelsverband sucht er verstärkt den Schulterschluss. Schon Anfang Februar forderte das Trio in Tübingen das sofortige Ende aller Zugangsbeschränkungen für Handel und Gastronomie. Christian Riethmüller plädierte dafür, für den stationären Handel für einige Zeit die Mehrwertsteuer zu senken – Lebensmittelhändler und Drogerien, die in der Pandemie öffnen durften, ausgeschlossen. Für die Umsätze im Online-Handel sollten die normalen Sätze gelten.
Er selbst spreche überall vor, „um zu erklären, welche Auswirkungen Politik“ habe, betont Martin Riethmüller. Nicht nur Modehäuser und Reisebüros gaben in den Innenstädten Filialen auf. Viele Händler würden ihre Flächen verkleinern und die Obergeschosse nicht mehr nutzen. „Die Vermieter müssen hier unterstützt werden, auch um mehr Wohnraum zu schaffen. Das macht doch eine City lebenswerter.“ Die Politik müsse endlich besser auf die Bedürfnisse der Händler hören, ergänzt Christian Riethmüller. „Wir sehen uns mit Osiander als Speerspitze, auch weil wir in Baden-Württemberg einer der größten Einzelhändler sind.“
„Osiander hat sich massiv in der Öffentlichkeit positioniert“, heißt es beim Handelsverband
Das hat auch der Handelsverband Baden-Württemberg registriert. „Osiander hat sich massiv in der Öffentlichkeit positioniert und Verbündete gesucht“, sagt Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann. Sie spricht anerkennend, schließlich präge das Unternehmen das Bild vieler Citys und ziehe auch für andere die Kunden an. Die Verbandsforderungen würden sich im Wesentlichen mit jenen von Osiander decken, etwa nach höheren Investitionsprogrammen. „Die Mischung aus Arbeiten, Wohnen und Einkaufen muss in den Innenstädten besser werden. Man muss jetzt handeln, bevor es zu spät ist.“
Das spitzt Christian Riethmüller noch weiter zu. Bund und Länder müssten endlich Milliarden investieren, um dort Handel und Gastronomie wiederzubeleben. „Wenn man an die Milliarden denkt, die in Krisenzeiten an Banken und Automobilwirtschaft geflossen sind, sollte das kein Problem sein.“
Es sei Palmers „Wesenszug, der ihm manchmal im Weg steht“, sagt Riethmüller
Es sind unverblümte Sätze. Mit einer Drastik, wie sie auch Tübingens OB Palmer bisweilen verwendet, der in der eher sprachsensiblen und divers aufgestellten Buchbranche viele Kritiker hat. Wie Riethmüller eigentlich die inszenierten Tabubrüche Palmers und das Kokettieren mit Rassismus bewerte, das nicht nur der Grünen-Landesvorstand dem OB vorwerfe?
Er sehe das kritisch, sagt Christian Riethmüller, „aber ich messe einen Politiker an den Ergebnissen seiner Arbeit und nicht, ob er immer alles sauber formuliert“. Er kenne Palmer gut und wisse, dass er kein Rassist sei oder Menschen absichtlich beschimpfe. „Es ist einfach sein charakterlicher Wesenszug, der ihm manchmal im Weg steht. Ich versuche, immer wieder auf ihn einzuwirken, dass er in seinen Äußerungen in den sozialen Medien keine Grenzen überschreitet.“
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Im Oktober entscheidet die Oberbürgermeisterwahl, ob Palmer in Tübingen im Amt bleibt. Bis dahin ziehen wohl vor allem Amazon, Zalando & Co. den stationären Handel weiter Umsatz ab. Viele Fachhändler mussten bereits schließen, aus manchen Städten sind Spielzeugläden verschwunden. Auch deshalb haben Händler wie Osiander ihr Sortiment erweitert. „In vielen Städten werden wir als die Nummer 1 für Spielwaren angesehen“, sagt Christian Riethmüller.
Die Händler wildern in den Sortimenten der anderen
Doch auch die anderen Händler wollen künftig ihr Sortiment noch weiter ausbauen. Discounter bieten noch mehr Textilien und Haushaltswaren an. Drogerien bauen das Geschäft mit den Gesundheitsartikeln aus. Und Bücher gibt es auch in den Supermärkten. Dass die Händler in den angestammten Sortimenten der anderen wildern, sehen die Riethmüllers, ganz im Sinn ihrer neuen Fürsprecher-Rolle, nicht als Problem. Es gehe jetzt darum, dass überhaupt mehr Menschen in die Innenstädte kommen. Und dazu müsse das Angebot wachsen, betont Christian Riethmüller: „Nur dann ist die Vielfalt so groß, dass wir Händler auch stationär mit dem Online-Handel konkurrieren können.“
So sieht Osianders komplette Geschäftsführung aus
Geschäftsführung
Christian Riethmüller ist Vorsitzender der Osiander-Geschäftsführung und zuständig für Strategie. Sein Cousin Martin Riethmüller verantwortet unter anderem die Kommunikation.
Handelsexpertise
Mittlerweile komplettieren mit Karin Goldstein (Personal) und Susanne Gregor (Vertrieb) zwei Frauen, die nicht zur Familie zählen, die Geschäftsführung. Beide hatten zuvor lange Zeit Erfahrungen bei großen Handelsunternehmen gesammelt. Goldstein war 2019 die erste Geschäftsführerin in der 425-jährigen Geschichte Osianders, die nicht zur Inhaberfamilie gehörte.