Stadtkind Stuttgart

Coverbands als Parallelwelt Von Abba bis Zappa

Von Björn Springorum 

Es gibt viele Gründe, in einer Band zu spielen. Welche Gründe gibt es, in einer Coverband zu spielen oder einer Coverband zuzuhören? Eine Polemik von Björn Springorum.

Wenn Coverbands auf die Bühne treten, öffnen sich die Pforten der Hölle vor allem musikalisch. Foto: Youtube
Wenn Coverbands auf die Bühne treten, öffnen sich die Pforten der Hölle vor allem musikalisch. Foto: Youtube

Stuttgart - Viele Menschen tun es. Sie spielen auf der Hochzeit wildfremder Leute „Eye Of The Tiger“, „Smoke On The Water“ und „Atemlos“, ohne rot zu werden. Sie hören einer solchen Musik zu. Und machen sich nach Mitternacht wahlweise über das kalte Buffet oder die Brautjungfern her. Aber nochmal: warum spielt man in einer Coverband?

Natürlich ist niemand gezwungen, eigene Songs zu schreiben. Und es gibt genügend Musiker, die sich mit diesen Cover-Gigs etwas dazuverdienen, um ihren Traum von der eigenen Band zu ermöglichen. Aber man wird doch noch sagen dürfen, dass der Grundgedanke des Rock’n‘Roll auf der Strecke bleibt, wenn man die Musiker in ein zusammengewürfeltes Korsett aus lauter Hits der letzten 60 Jahre zwängt und dabei noch so tut, als würde man eine großartige Tat vollbringen und voll dahinterstehen.

Einträgliches Abkupfern

Coversongs sind für einen „echten“ Musiker keine allzu große Herausforderung – zumal es die meisten Bands auf ein Repertoire zwischen Kinderzimmer und Altenheim absehen und nicht in den anspruchsvollsten Gefilden nach Material fischen. Ausgenommen sind hier jene Bands, die großen Songs ihren ganz eigenen Stempel aufdrücken. Leider will bei Hochzeiten, Geburtstagen oder Firmenfeiern nun mal niemand „Atemlos“ in der Death-Metal-Version hören. Vielmehr soll das Nachgespielte möglichst wiedererkennbar klingen. Mehr als stupides Nachspielen ist da nicht drin.

Wahrscheinlich lassen sich Musiker genau deshalb ihre Coverband-Auftritte so großzügig vergüten. Wir haben in Vermittlungsportalen und Bandforen nachgeforscht. Eine sechsköpfige Band verlangt etwa 450 Euro pro Stunde für Songs von „Starlight Express“ bis Eric Clapton. Eine andere Band aus der Region lässt sich 100 Euro pro Kopf pro Stunde bezahlen, hat dafür aber auch Adele im Programm. Für die vierstündige Liveuntermalung in fünfköpfiger Besetzung legt man also 2 000 Euro hin. Manche bieten als Extraleistung die DJ-Bespaßung für den Ausklang der Feier an. 120 Euro Stundenlohn für das Abspielen einer Playlist und die eine oder andere launige Ansage? Da kommt was zusammen.

Ein Kasten Bier

Die Nachfrage bestimmt das Angebot, weswegen den Damen und Herren Partymusikern natürlich kein Vorwurf gemacht werden darf. Wer‘s zahlt, ist selbst Schuld. Honorare wie diese stehen aber eben exemplarisch für den Wert, den viele in dieser Zeit der Kultur zuschreiben. Man schimpft gerne, dass Streamingdienste wie Spotify einen Zehner im Monat und ein Album auf CD oder Vinyl sogar noch mehr kosten, legt aber ohne zu murren ein Vielfaches hin, um stundenlang zu ertragen, wie eine Partyband die Beatles oder Madonna verunglimpft.

Musik sollte immer ihren Preis haben. Leider bekommen Bands, die auch im 21. Jahrhundert mutig genug sind, das Abenteuer Musik zu wagen, in der Regel nicht ansatzweise so viel pekuniäre Aufmerksamkeit ab. Sie werden oft genug mit Fahrtkosten, einem Kasten Bier und einer miesen Pizza abgespeist. Warum also auf der nächsten Fete mal nicht eine Stuttgarter Death-Metal-Band auftreten lassen? Ihre Version von „Atemlos“ wäre mit Sicherheit nicht von der Stange.


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