Covid-19-Todesopfer Wo Corona besonders viele Leben kostete

Eine Beerdigung eines Coronatoten in Bosnien und Herzegowina: Das Land verzeichnet weltweit die dritthöchste Sterblichkeit durch das Virus. Foto: imago//Armin Durgut

Fast sechs Millionen Menschen sind bisher weltweit an oder mit einer Infektion gestorben. Die regionalen Unterschiede sind groß. Warum ist das so?

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Stuttgart - In der Omikron-Welle verliert das Coronavirus teilweise seinen Schrecken. Es sterben weniger Infizierte, vor allem Geimpfte sind gut gegen schwere Verläufe geschützt. Nach zwei Jahren Pandemie ist es Zeit für eine erste Bilanz: Wo sind die meisten Menschen gestorben – und warum?

 

Welche Länder haben die meisten Coronatoten zu beklagen?

In den USA, Brasilien und Indien sind nach offiziellen Angaben bislang eine halbe Million oder mehr Menschen im Zusammenhang mit einer Infektion gestorben. In Deutschland meldet das Robert-Koch-Institut derzeit knapp 119 000 Todesfälle. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt weltweit mehr als 5,7 Millionen Todesfälle.

Wie fällt der Ländervergleich aus?

Hierfür muss man die gemeldeten Todesfälle ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerung setzen. Ausweislich der vom Portal Our World in Data gesammelten offiziellen Zahlen ist Peru mit Abstand am schwersten betroffen. 6180 von einer Million Einwohnern sind im Zusammenhang mit einer Infektion verstorben. Wichtiger noch als das schwache Gesundheitssystem und eine wechselhafte Politik war der Mangel an Sauerstoff. Ohne Beatmung verstarben viele Patienten. „Sie schreien nicht, sondern sind wie eine verlöschende Kerze“, sagte der Arzt Juan Carlos Celis zum US-Radiosender NPR.

Besonders stark getroffen ist auch Osteuropa. In der Region von Polen bis Bulgarien und in Richtung Osten bis Russland wurden mehr als eine Million Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus gezählt.

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Was sind die Gründe für die vielen Todesfälle?

Entscheidend sind die Altersverteilung, die Impfquote und die vom Wohlstand eines Landes abhängige Qualität des Gesundheitssystems. In Osteuropa liegen die Impfquoten weit unter denen im Westen. In Bulgarien etwa sind erst 29 Prozent der Gesamtbevölkerung „vollständig“, also in der Regel zweimal gegen Corona geimpft, in Bosnien und Herzegowina nur jeder Vierte. Die beiden Länder beklagen nach Peru den höchsten Anteil an Verstorbenen weltweit.

Insgesamt sind in den alten Gesellschaften Europas mehr Menschen an und mit Covid-19 gestorben als etwa in Afrika, wo viele junge Menschen leben, die eine Corona-Infektion auch ungeimpft eher wegstecken. Innerhalb Europas gibt es ein Gefälle zwischen West und Ost, also zwischen Reich und Arm.

Wie steht Deutschland da?

Mit etwas mehr als 1400 Verstorbenen je Million Einwohner liegt Deutschland weit unter dem europäischen Durchschnitt (2168). Im Vergleich mit den Nachbarländern sind nur in Dänemark (672) und den Niederlanden (1247) weniger Menschen gestorben. Der europaweit niedrigste Wert wurde in Island gemessen (136).

Warum ist die Sterblichkeit hierzulande so hoch wie in Schweden oder der Schweiz?

Vielfach wurde in Deutschland unter Verweis auf die Schweiz und Schweden diskutiert, ob infektionshemmende Maßnahmen die Zahl der Verstorbenen senken. In Schweden (1592) und der Schweiz (1470) liegt dieser Wert nur leicht über dem deutschen, obwohl die Länder auf weniger strenge Einschränkungen setzten. Die Impfquote ist in allen Ländern ähnlich, das Wohlstandsniveau auch.

Die trotz deutlich höherer Infektionszahlen vergleichbare Bilanz bei den Todesfällen lässt sich am ehesten mit dem in Deutschland höheren Anteil über 70-Jähriger erklären – oder mit besserem Schutz in Schweden und der Schweiz für besonders gefährdete ältere Menschen durch Impfungen, Zutrittsregelungen zu Altersheimen oder freiwillig vorsichtigem Verhalten.

Wie zuverlässig sind die Daten?

Unter den Verstorbenen sind auch Menschen, bei denen die Covid-Erkrankung keinen Einfluss auf den Tod hatte, etwa Opfer von Verkehrsunfällen. Zahlreiche Studien – vor allem zu Menschen, die im Krankenhaus gestorben sind – zeigen aber, dass die Corona-Infektion in vielen Fällen zumindest eine Rolle gespielt und Vorerkrankungen entscheidend verschlimmert hat. Laut dem Statistischen Bundesamt war im ersten Jahr der Pandemie bei 40 000 der insgesamt 48 000 Corona-Todesopfer auf der Todesbescheinigung das Virus als Grundleiden vermerkt.

Es ist auch möglich, dass die offiziellen Statistiken nicht alle an und mit Covid-19 Verstorbenen erfassen. Das legen Daten zur Übersterblichkeit nahe, etwa in der „Human Mortality Database“. Dafür wird das langjährige Mittel der Sterbefälle in einem Land mit der aktuellen Zahl der ausgewiesenen Covid-Todesfälle verglichen.

Der „Economist“ wertet diese und andere Daten regelmäßig aus. In zahlreichen Ländern erklären die offiziell gemeldeten Corona-Todesfälle seit Pandemiebeginn nur einen Teil der Übersterblichkeit. Es liegt der Schluss nahe, dass die „wahre“ Zahl der Todesfälle höher liegt als gemeldet – etwa weil nicht alle Verstorbenen getestet worden sind. Zudem ist es wahrscheinlich, dass wegen der zeitweiligen Überlastung der Gesundheitssysteme Menschen versterben, weil sie nicht adäquat behandelt werden konnten.

Das alles lässt sich methodisch nicht exakt aufschlüsseln. Tatsächlich sind die weltweit bald sechs Millionen Verstorbenen aber eher ein Mindest- und kein Höchstwert.

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