Die Ersatzhaut ist eine papierähnliche Membran, die auf Verbrennungswunden zweiten Grades aufgelegt werden kann, bis das Gewebe verheilt ist. Foto: PMI Polymedics Inovations GmbH
Die Verletzten aus Crans-Montana, die in der Schweiz, in Deutschland und Belgien versorgt werden, erhalten einen Hautersatz – produziert von einem hiesigen Familienunternehmen.
Am Neujahrsmorgen hatte Christian Planck zunächst nur einen Gedanken: „Wie schnell können wir von Kirchheim aus die Kliniken in der Schweiz mit medizinischem Material versorgen?“ Kurz zuvor hatte er die Nachrichten aus Crans-Montana vernommen, von der Brandkatastrophe in der Bar Le Constellation mit rund 40 Toten und mehr als 100 Verletzten.
Christian Planck ist Geschäftsführer vom PMI – Polymedics Innovations GmbH –, einem Medizintechnikunternehmen mit Sitz im baden-Württembergischen Kirchheim unter Teck. Das familiengeführte Werk ist bisher nur in Fachkreisen bekannt – vor allem durch die Entwicklung und den Vertrieb von synthetischem Hautersatz, also künstlich hergestellten Membranen, mit denen Verbrennungswunden unterschiedlichen Schweregrades versorgt werden und Operationen teils überflüssig werden lassen.
Das Unternehmen mit rund 90 Mitarbeitern an den Produktionsstätten Kirchheim und Denkendorf ist nach eigenen Angaben Marktführer in diesem Segment: „Unsere Aufgabe an Neujahr war es zu beratschlagen, ob wir die geforderten Mengen bereitstellen können“, sagt Planck. Das Team sei zum Schluss gekommen: „Wir können.“
Grade von Verbrennungen. Foto: Zapletal/cicatrix
Hautersatz wird per Kurier in die Schweiz gefahren
Nur einen Tag später, am 2. Januar, verließ ein firmeneigener Kurierwagen die Firmenzentrale in Kirchheim und transportierte Kisten von synthetischen Hautersatz-Produkten für Verbrennungswunden nach Zürich. Nur wenig später, am Dreikönigstag, wurde ein weiterer Kurier in die Schweiz losgeschickt – dieses Mal nach Lausanne.
„Die Ärzte dort hatten allerdings noch wenig Erfahrung darin, wie unser Hautersatz bei Verbrennungswunden verwendet wird“, sagt Christian Planck. Also folgte dem Kurier gleich noch ein Schulungsteam, um den Ärzten in Lausanne in den ersten Tagen Hilfestellung zu leisten. Es folgten weitere Anfragen aus dem deutschsprachigen Ausland – aber auch aus anderen europäischen Nachbarländern wie Belgien, wohin ebenfalls Brandopfer ausgeflogen worden sind.
Zeitkritische Verletzungen
Heinrich Planck (links) und sein Sohn Christian Planck bei einem Sommerfest im Jahr 2025. Foto: PMI Polymedics Inovations GmbH
Bei der Versorgung von Brandwunden spielt der Faktor Zeit eine ungeheuer wichtige Rolle. Werden Brandwunden nicht sofort medizinisch behandelt, kann sich der Schweregrad weiter erhöhen. Außerdem werden bei Verbrennungen Stoffe freigesetzt, die auf die Organe des Patienten – Lunge, Leber, Niere, das gesamte Immunsystem – einwirken. Daher hat schon der Vater von Christian Planck, der Firmengründer und biomedizinische Verfahrenstechniker Heinrich Planck, an Möglichkeiten geforscht, wie Brandwunden schnell und schonend versorgt werden können, sodass dem Patienten häufige und schmerzhafte Verbandswechsel und gar Gewebetransplantationen erspart werden. In Zusammenarbeit mit den Ärzten des Schwerbrandverletztenzentrums am Marienhospital Stuttgart ist dabei vor rund 20 Jahren das sogenannte Suprathel entstanden: Eine papierähnliche Membran, die auf Verbrennungswunden zweiten Grades aufgelegt werden kann, bis das Gewebe verheilt ist. Bei diesen Wunden ist die Oberhaut geschädigt, teils reicht die Verletzung bis in die tieferliegenden Schichten der Lederhaut. „Studien haben gezeigt, dass die künstlich erzeugte Membran, die auf Milchsäure-Basis hergestellt wird, nicht nur die Wundheilung anregt, sondern auch die Entzündungsreaktion und das Risiko von Infektionen reduziert“, sagt Planck. Auch ein schmerzlindernder Effekt sei festgestellt worden.
Bei der Entwicklung des Hautersatzes forschte das Marienhospital mit
Billig ist die Herstellung der Hautersatzmaterialien jedoch nicht: „Wir können unseren Herstellungsprozess mit dem einer Manufaktur vergleichen“, sagt Planck. Denn die Materialien lassen sich nicht maschinell produzieren. Es stecke viel Handarbeit drin. Dementsprechend hoch ist auch der Preis: Im Online-Vertrieb wird ein Stück Suprathel in der Größe einer Postkarte für rund 240 Euro gehandelt.
Ersatzhaut gibt es auch für chronische Wunden
Inzwischen werden mehr als 70 Prozent der Menschen mit Brandverletzungen in Deutschland mit Suprathel vom Fuße der Schwäbischen Alb versorgt. Das sind 85 000 Patienten pro Jahr. Und auch weitere Produkte des Unternehmens PMI werden genutzt: So hat das Team unter der Führung von Christian Planck eine schaumstoffartige Bio-Matrix entwickelt, die nicht nur auf schwerwiegenden Brandwunden aufgelegt werden kann, sondern auch bei der Versorgung von chronischen Wunden – etwa bei Diabetikern oder Hautkrebspatienten – die Heilungschance deutlich erhöht.
Teure Handarbeit
„Der Vorteil ist, dass die Matrix in der Wunde gelassen werden kann“, sagt Planck. Sie dient sozusagen als Wundgrund, auf dem sich das neue Gewebe bilden kann. Auch hier haben Beobachtungsstudien aus den USA gezeigt, dass bei rund 80 Prozent der Patienten mit chronischen Wunden ein Heilungserfolg festgestellt werden kann. In Deutschland allerdings scheint die Ärzteschaft etwas zurückhaltender zu sein: „Wir sind allerdings dabei, in diesem Bereich mehr Aufklärung zu leisten“, sagt Planck. Auch diese Matrix-Produktarten wurden an die Schwerbrandverletztenzentren ausgeliefert, die Opfer aus Crans-Montana zu versorgen haben. „Wir sehen an den Bestellungen ein sehr heterogenes Bild, was die Schwere der Verletzungen betrifft“, sagt Planck.
Verletzte von Crans-Montana brauchen viel Material
Vieles deutet auf eine große Bandbreite von Personen hin, die mit dem Schweregrad zwei versorgt werden müssen – bis hin zu Verletzten, die sich Verbrennungen dritten und gar vierten Grades zugezogen haben und teils weiter in Lebensgefahr schweben. „Manche Zentren haben bei uns Material bestellt, obwohl sie noch keine akute Versorgungsarbeit leisten – schlicht deswegen, weil die ihnen zugeteilten Patienten zu schwer verletzt sind, um transportfähig zu sein“, sagt Planck. Aber es gibt auch gute Nachrichten: Inzwischen wurde bekannt, dass eines der beiden Opfer von Crans-Montana, die in der BG Klinik in Tübingen versorgt werden, wieder in die Schweiz zurück überführt werden konnte.
In Kirchheim zeigt man sich für weitere Krisenfälle gewappnet: Um die Produktion sicher laufen zu lassen, betreibt PMI Vorratshaltung. „Wir haben die Materialien für eine Produktion von sechs bis zwölf Monaten hier gelagert“, sagt Planck. Der fertige synthetische Hautersatz selbst lasse sich nach Herstellung rund drei Jahre aufbewahren.