Jeden ersten Freitag im Monat treffen sich ein paar hundert Biker am Stuttgarter Feuersee und demonstrieren für mehr Radwege. Eindrücke von der 16-Kilometer-Tour durch die Innenstadt.

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)

Stuttgart - Überall Autos. Sie kommen von rechts und links, von vorne und hinten. Eine Radtour am Freitagabend von Waiblingen durch Fellbach, Cannstatt in die Stuttgarter City ist kein Vergnügen. Mal gibt es einen auf der Fahrbahn markierten Radweg, dann wieder nicht. Ab und zu ist am Straßenrand ein Radwegschild zu erahnen, meistens nicht.

In Fellbach ist der Radweg an der Durchgangsstraße wegen Bauarbeiten gesperrt. Eine Umleitung nach rechts ist ausgeschildert. Jeder Biker, der lieber auf der großen Straße bleibt und sich zur Rushhour mit der Autokarawane Richtung Stuttgart quält, muss zum Ärgernis werden. Ein Autofahrer hupt. Ein anderer droht mit erhobenem Zeigefinger.

Wenig später werden die Radler von Schildern darauf hingewiesen, dass sie sich mit den Fußgängern den Gehweg teilen sollen. Das funktioniert nicht gut. Passanten laufen auf der gesamten Breite des Trottoirs. Ein Auto kommt aus einer Tankstelle herausgeschossen. Nur eine Vollbremsung verhindert den Zusammenstoß. Radler dürfen eigentlich nicht auf der König-Karl-Straße den Neckar überqueren. Sie sollen – wie die Fußgänger – an mehreren Ampeln auf Grünlicht warten. Ein Bikerkollege, der sich offenbar auskennt, kümmert sich nicht um das runde Verbotsschild mit dem Fahrrad auf weißem Grund. Vielleicht ist das die beste Option: einfach fahren, frei Schnauze und auf möglichst direktem Weg zum Ziel.

Am Feuersee stehen, wie jeden ersten Freitag im Monat um halb sieben, Radfahrer aus Stuttgart und Umland. Günter Eckert aus Ludwigsburg ist einer von ihnen. Auch er quält sich vorher vorbei an Autos auf zumeist für Radfahrer völlig ungeeigneten Straßen. Eckert sagt, er wolle ein Zeichen setzten, „dass Verkehr nicht nur aus Autos besteht“. Vorfahrt für Fahrräder!

Weltweite Bewegung von Radlern

Critical Mass – so heißt die Demo, an der sich an diesem kalten Februarabend rund 300 Biker beteiligen. Die Männer, Frauen und Kinder sitzen auf Renn- und Tourenrädern, auf Mountainbikes und Transporträdern, manche lenken Räder Marke Eigenbau, ein Tandem ist dabei und ein Chopper mit dicken Ballonreifen.

Critical Mass ist eine weltweite Bewegung. An den Aktionstagen treffen sich Radfahrer, um durch ihre bloße Masse – die kritische Masse – darauf aufmerksam zu machen, dass nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer mehr Rechte, mehr Platz und eine bessere Infrastruktur brauchen. Die Radfahrer verabreden sich im Internet oder über Plakate und Handzettel.

Die erste Critical Mass fand 1992 in San Francisco statt. Es gibt keinen Verantwortlichen und keine zentrale Organisation – eigentlich. In Stuttgart ist das alles ein bisschen anders, man könnte sagen: schwäbisch ordentlich. Der Kopf der Stuttgarter Radlerdemos ist Alban Manz, auch wenn er sich wohl nicht als solchen bezeichnen würde. Der 41-jährige Architekt aus Stuttgart arbeitet im Marketing für die Fahrradbranche. Er sei aber schon immer auf zwei Rädern in der Landeshauptstadt unterwegs und ärgere sich seit jeher über den geringen Stellenwert, den das Radfahren in der Autostadt habe, sagt Manz vor dem Start der Critical Mass, die immer in einem leicht veränderten Zickzackkurs mitten durch die Innenstadt führt, diesmal 16 Kilometer weit.

Eskorte mit Blaulicht

Manz hat die Demo bei der Stadt angemeldet. Die Biker werden also von Polizeiautos und Motorrädern mit Blaulicht eskortiert. Andernorts werde dieser „Stuttgarter Weg“ von manchen Radfahrern zwar mitunter belächelt, erklärt Manz, aber er sieht die Vorteile: In Stuttgart könnten problem- und gefahrenlos auch Kinder dabei sein und Werbung fürs Radfahren machen. Früher, als man sich tatsächlich noch spontan verabredet habe, sei es immer wieder zum Streit mit Autofahrern gekommen.

18.45 Uhr. Mit der akademischen Viertelstunde Verspätung und lange nach Sonnenuntergang setzt sich die Karawane schließlich in Bewegung. Mitten im Getümmel ist Alban Manz, er sitzt auf dem Sattel eines Fahrrads, das auf einem Hänger eine übergroße Musikanlage hinter sich herzieht, und strahlt über das ganze Gesicht. Aus den Lautsprecherboxen tönt ohrenbetäubend: „Happy“ von Pharrell Williams. Der Titel ist Programm. Alle sind gut drauf. Auf dem Anhänger steht in großen Buchstaben „We are Traffic“ – wir sind Verkehr.

Die gut anderthalbstündige Aktion wird zu einem Happening, bei dem es erstaunlich gesittet zugeht. Vom Feuerseeplatz aus fahren die Biker in die Gutenbergstraße, dann in die Senefelderstraße. Vorne Blaulicht, hinten Blaulicht. An allen Kreuzungen und Straßeneinmündungen stehen entweder Polizisten oder die sogenannten Corker – Biker in knallgelben Warnwesten, die zusammen mit den uniformierten Beamten verhindern, dass Autofahrer den Critical-Mass-Bikern in die Quere kommen. Die Corker machen quasi den Korken drauf.

Gegenbewegung zur Blechlawine

Viele Stuttgarter, Fußgänger wie Autofahrer, wissen offenkundig längst, dass die Stadt jetzt wieder den Radfahrern gehört. Die meisten Männer und Frauen in ihren Karossen warten geduldig, manche winken. Ein paar Passanten applaudieren sogar. Am Hauptbahnhof erkundigt sich eine Frau bei einem der Corker, was um Himmels willen denn hier in Stuttgart los sei. Sie ist eben aus dem Zug gestiegen und bekommt einen Flyer in die Hand gedrückt, auf dem steht: „Critical Was? Wir sind die Gegenbewegung zur alltäglichen Blechlawine in unserer Stadt.“

„Ritzel statt Rußpartikel“ – dieser Slogan ist sehr oft zu hören während des Abends. Alban Manz sagt: „Wir Biker sind die Luftfilter der Stadt.“ Von der Verkehrspolitik des grünen Oberbürgermeisters Fritz Kuhn ist er enttäuscht: „Echte Unterstützung des urbanen Radfahrens sieht anders aus.“ Die Stuttgarter Fahrradförderung sei Flickschusterei.

Mittlerweile hat das Peloton die Schlossstraße erreicht. Für den Critical-Mass-Novizen ist die Veranstaltung eine einmalige Radtour: immer freie Bahn. Wer will, kann sich wenig später auf der Bundesstraße 14 zunächst ans Ende der Gruppe zurückfallen lassen, dann Vollgas geben und mitten in einem Tunnel mit geschätzten 50 Stundenkilometern an den anderen Bikern vorbeischießen bis ganz nach vorne zum Polizeiauto. Haus der Geschichte, Staatsgalerie, Schlossgarten, über den Charlottenplatz in die Olgastraße. Zum wiederholten Male bremsen die Polizisten die Autofahrer aus. Als die Radler leicht bergauf treten müssen, ruft ein Jugendlicher am Straßenrand: „Hey, das ist ja voll anstrengend.“ An einem Zebrastreifen protestiert ein Pärchen wegen des kaum endenden Stroms von Radfahrern, der die beiden blockiert.

Zwei Biker ziehen in der Tübinger Straße Bierdosen aus den Taschen, öffnen sie während der Fahrt und prosten sich zu. Ein Fußgänger, der trotz grüner Ampel warten muss, meckert vor sich hin. Vorbei am Bahnhof, dann die Ankunft am Ziel der zweiten Critical Mass im Jahr 2016. Um 20.15 Uhr ist die Demo in der Geschwister-Scholl-Straße zu Ende. Die meisten Biker treffen sich noch auf ein Bierchen im Café Faust der Uni Stuttgart. Alban Manz und ein paar seiner Mitstreiter haben am Vorabend einen vegane Grünkerngemüseeintopf gekocht, dieser wird jetzt serviert. Er schmeckt sehr gesund.

Kopenhagen macht es vor

Manz ist sehr zufrieden mit der Demo. Er sagt, die Stuttgarter Kommunalpolitiker sollten mal eine Stippvisite in Kopenhagen machen. In der dänischen Hauptstadt könnten sie begutachten, wie erstklassige Radförderung aussehe. Dort seien dank der gezielten Unterstützung der Biker mittlerweile rund die Hälfte der Berufspendler auf das Rad umgestiegen.

Das Argument, dass Stuttgart wegen seiner Lage im Talkessel und der vielen Steigungen einigermaßen ungeeignet sei für Radler, lässt Alban Manz nicht gelten. Schließlich gebe es Pedelecs, die tollen Räder mit Elektromotor. Die Stadt Stuttgart habe die Radfahrer schlicht „nicht auf dem Schirm“. Erforderlich seien nicht nur Radwege in der Stadt, sondern auch innovative Konzepte zum Transport von Bikes in Bussen und Bahnen sowie sogenannte Expressradwege, die die größeren Städte in der Region mit der Landeshauptstadt verbinden.

So ein gut ausgeschilderter Expressradweg, der für Autos tabu ist, wäre in der Tat eine prima Sache. Auch für den Radler, der im Anschluss an die Critical Mass mitten in der Nacht zurück nach Waiblingen radelt und wieder höllisch aufpassen muss, dass er nicht auf irgendeine Kühlerhaube genommen wird.

 

Autofahrer haben in Stuttgart immer am ersten Freitag im Monat das Nachsehen :-)

Posted by Martin Tschepe on Freitag, 5. Februar 2016