Critical Mass in Stuttgart Easy Biker

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Jeden ersten Freitag im Monat treffen sich ein paar hundert Biker am Stuttgarter Feuersee und demonstrieren für mehr Radwege. Eindrücke von der 16-Kilometer-Tour durch die Innenstadt.

Wilde Kerle  auf der Gutenbergstraße: überall auf der Welt rufen   sich die Leute von Critical Mass spontan zusammen. In Stuttgart läuft es geordneter: Hier wird die Demo vorher beim Amt angemeldet. Foto: Lichtgut/Christian Hass
Wilde Kerle auf der Gutenbergstraße: überall auf der Welt rufen sich die Leute von Critical Mass spontan zusammen. In Stuttgart läuft es geordneter: Hier wird die Demo vorher beim Amt angemeldet. Foto: Lichtgut/Christian Hass

Stuttgart - Überall Autos. Sie kommen von rechts und links, von vorne und hinten. Eine Radtour am Freitagabend von Waiblingen durch Fellbach, Cannstatt in die Stuttgarter City ist kein Vergnügen. Mal gibt es einen auf der Fahrbahn markierten Radweg, dann wieder nicht. Ab und zu ist am Straßenrand ein Radwegschild zu erahnen, meistens nicht.

In Fellbach ist der Radweg an der Durchgangsstraße wegen Bauarbeiten gesperrt. Eine Umleitung nach rechts ist ausgeschildert. Jeder Biker, der lieber auf der großen Straße bleibt und sich zur Rushhour mit der Autokarawane Richtung Stuttgart quält, muss zum Ärgernis werden. Ein Autofahrer hupt. Ein anderer droht mit erhobenem Zeigefinger.

Wenig später werden die Radler von Schildern darauf hingewiesen, dass sie sich mit den Fußgängern den Gehweg teilen sollen. Das funktioniert nicht gut. Passanten laufen auf der gesamten Breite des Trottoirs. Ein Auto kommt aus einer Tankstelle herausgeschossen. Nur eine Vollbremsung verhindert den Zusammenstoß. Radler dürfen eigentlich nicht auf der König-Karl-Straße den Neckar überqueren. Sie sollen – wie die Fußgänger – an mehreren Ampeln auf Grünlicht warten. Ein Bikerkollege, der sich offenbar auskennt, kümmert sich nicht um das runde Verbotsschild mit dem Fahrrad auf weißem Grund. Vielleicht ist das die beste Option: einfach fahren, frei Schnauze und auf möglichst direktem Weg zum Ziel.

Am Feuersee stehen, wie jeden ersten Freitag im Monat um halb sieben, Radfahrer aus Stuttgart und Umland. Günter Eckert aus Ludwigsburg ist einer von ihnen. Auch er quält sich vorher vorbei an Autos auf zumeist für Radfahrer völlig ungeeigneten Straßen. Eckert sagt, er wolle ein Zeichen setzten, „dass Verkehr nicht nur aus Autos besteht“. Vorfahrt für Fahrräder!

Weltweite Bewegung von Radlern

Critical Mass – so heißt die Demo, an der sich an diesem kalten Februarabend rund 300 Biker beteiligen. Die Männer, Frauen und Kinder sitzen auf Renn- und Tourenrädern, auf Mountainbikes und Transporträdern, manche lenken Räder Marke Eigenbau, ein Tandem ist dabei und ein Chopper mit dicken Ballonreifen.

Critical Mass ist eine weltweite Bewegung. An den Aktionstagen treffen sich Radfahrer, um durch ihre bloße Masse – die kritische Masse – darauf aufmerksam zu machen, dass nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer mehr Rechte, mehr Platz und eine bessere Infrastruktur brauchen. Die Radfahrer verabreden sich im Internet oder über Plakate und Handzettel.

Die erste Critical Mass fand 1992 in San Francisco statt. Es gibt keinen Verantwortlichen und keine zentrale Organisation – eigentlich. In Stuttgart ist das alles ein bisschen anders, man könnte sagen: schwäbisch ordentlich. Der Kopf der Stuttgarter Radlerdemos ist Alban Manz, auch wenn er sich wohl nicht als solchen bezeichnen würde. Der 41-jährige Architekt aus Stuttgart arbeitet im Marketing für die Fahrradbranche. Er sei aber schon immer auf zwei Rädern in der Landeshauptstadt unterwegs und ärgere sich seit jeher über den geringen Stellenwert, den das Radfahren in der Autostadt habe, sagt Manz vor dem Start der Critical Mass, die immer in einem leicht veränderten Zickzackkurs mitten durch die Innenstadt führt, diesmal 16 Kilometer weit.

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