Crowdfunding in der Leichtathletik Auf Sammeltour für Olympia

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Sven Knipphals geht neue Wege: Mit Crowdfunding will der Sprinter des VfL Wolfsburg Geld für eine optimale Vorbereitung auf Olympia einsammeln. In seiner Not steht er stellvertretend für viele Sportler.

Der Sprinter  Sven Knipphals vom VfL Wolfsburg geht neue Wege, um seinen Sport zu finanzieren. Foto: Baumann
Der Sprinter Sven Knipphals vom VfL Wolfsburg geht neue Wege, um seinen Sport zu finanzieren. Foto: Baumann

Wolfsburg - Sven Knipphals hatte mal einen Ausrüster. Der US-Sportartikelgigant Nike überließ ihm bis zu einem Betrag von 1000 Euro kostenfrei das Material, also zum Beispiel Laufschuhe oder Trikots.

Dann verpasste der Sprinter des VfL Wolfsburg die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012 in London um wenige Hundertstelsekunden, und als er das nächste Mal bei Nike etwas bestellen wollte, erfuhr er, dass er zahlen muss. „Als ich nachgefragt habe, wurde mir mitgeteilt: Wir können wieder verhandeln, wenn du signifikant schneller läufst. Das klang wie: ruf an, wenn du ein richtiger Sportler ist.“

Sven Knipphals ist einer der besten Sprinter Deutschlands. In der ewigen Bestenliste über 100 Meter ist der 29-Jährige mit seiner Bestzeit von 10,20 Sekunden 15. – das heißt, dass in Deutschland jemals nur 14 Menschen schneller waren als er. Über 200 Meter ist er in 20,48 Sekunden 22.

Sven Knipphals ist ein professioneller Sportamateur

Als Nike ausstieg, suchte er nach einem neuen Ausrüster. Niemand wollte. Seine Leistung lohnt sich nicht. Er zahlt sein Material seither selber, aus Protest hat er mal die Markenlogos auf den Schuhen abgeklebt. Sven Knipphals ist ein professioneller Sportamateur. Dies hier ist seine Geschichte. Aber er hat sie nicht exklusiv, es gibt Tausende wie ihn. Es ist eine Geschichte über den deutschen Hochleistungssport.

Er steht mit seinen Sorgen stellvertretend für eine Generation deutscher Spitzensportler, die schwer kämpfen muss (siehe auch „Stundenlohn 7,38 Euro“). „Ich will nicht reich werden. Ich mache Sport aus Idealismus und Leidenschaft, und ich muss auch nicht hungern“, sagt er: „Ich wäre zufrieden, wenn ich mich für ein Jahr auf den Sport konzentrieren könnte, um das Optimum aus mir herausholen zu können. Das ist so leider nicht möglich.“ Von der Stiftung Deutsche Sporthilfe bekommt er monatlich 300 Euro, dazu gibt es ein bisschen Geld vom VfL Wolfsburg und vom Landesverband sowie Zuwendungen des einen Sponsors, den er gefunden hat: die Eventagentur eventkeeper.de aus Bietigheim. In der Summe sind es gut 1000 Euro. Drei Tage die Woche arbeitet er als Chiropraktiker in Leipzig, ohne seinen Beruf könnte er sich kaum über Wasser halten.

Mit Crowdfunding auf dem Weg nach Rio

Gunter Gabriel hat 1974 das Klagelied des deutschen Spitzensports geschrieben. „Hey Boss, ich brauch’ mehr Geld!“, heißt es, es ist der inoffizielle Soundtrack des Sports. Knipphals geht deshalb neue Wege, um sich besser auf die Olympischen Spiele in Rio vorbereiten zu können: Er hat eine Crowdfunding-Plattform ins Netz gestellt (www.sven-knipphals-crowdfunding.de).

„Crowdfunding“ bedeutet, Geld für ein Projekt einzusammeln, und je nach Finanzierungsmodell gibt es im Erfolgsfall eine Beteiligung der Spender, oder, wie bei Sven Knipphals, im Gegenzug zum Beispiel eine signierte Autogrammkarte (20 Euro), eine Trainingsstunde (120 Euro) oder ein persönliches Treffen (480 Euro) – das übrigens „eignet sich hervorragend für Firmenevents, Seminare oder Weihnachtsfeiern“, wie es auf seiner Homepage heißt. Ein paar Hundert Euro sind bisher zusammen gekommen, die ihm helfen sollen, sein Potenzial ausschöpfen zu können. Konstant unter 10,10 Sekunden will er laufen, sich vielleicht sogar an die 10,0 herantasten.

Spitzensport kostet viel Geld. „Für 6500 Euro kann ich ein 21-tägiges Trainingslager in den USA mit meinem Trainer absolvieren.“ Oder: „Für 2000 Euro kann ich ein zehntägiges Trainingslager auf Teneriffa mit meinem Trainer absolvieren.“ Und: „Für 500 Euro erhalte ich meine Jahresration an Nahrungsergänzungsmitteln.“ Das sind 9000 Euro, verdient hat er nichts.

Der (wie alle Sportverbände) vom Staat subventionierte Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) finanziert dem A-Kader-Athleten zwei Trainingslager im Jahr, aktuell ist er auf dem DLV-Ticket in Südafrika, dazu zahlt der Verband zweimal die Woche die Physiotherapie, zusätzlich nötige Einheiten auf der Massagebank, und alles andere muss er aus eigener Tasche bezahlen. Für die Teilnahme an Großereignissen wie der EM in Zürich im Sommer, wo er mit der Sprintstaffel Silber gewann, muss Knipphals Urlaub nehmen.

Die 60-Stunden-Woche für die duale Karriere

Spitzensportler ist ein Vollzeitjob. Laut einer Umfrage haben deutsche Athleten im Schnitt eine 60-Stunden-Woche, weil sie Beruf (oder Studium) und Sport vereinbaren müssen. Sven Knipphals hat sich wie viele für die duale Karriere entschieden, weil nur diese eine Perspektive nach der im Normalfall nur wenige Jahre andauernden Sportlaufbahn bietet. Er studierte in England Chiropraktik.

Das Leben als arbeitender Hochleistungssportler setzt ein exzellentes Zeitmanagement voraus. Knipphals trainiert neben dem Beruf in der Woche um die 20 Stunden, verteilt auf acht bis zehn Einheiten. Dazu kommt unter anderem noch mehrmals die Woche Physiotherapie. „Ich gehe um acht aus dem Haus und komme um 22.30 Uhr heim“, sagt er. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr. 2010 hat er letztmals Urlaub gemacht, ein verlängertes Wochenende in Paris. Im Sommer 2012 hatte er einen Hörsturz, eine Stressreaktion seines Körpers auf die große Belastung.

Wer wie der Niedersachse die 100 Meter in 10,20 Sekunden laufen kann, wird nie einen großen Titel gewinnen, aber wer diese Zeit laufen kann, ist ohne jeden Zweifel trotzdem ein Hochbegabter, eine Ausnahmeerscheinung. Ihm geht es auch um Respekt: „Wir bringen in Deutschland saubere, glaubwürdige Leistungen. Das wollen doch alle“, sagt er: „Honoriert wird das nicht.“