„Cruella“ auf Disney+ Emma Stone und Emma Thompson im Duell

Emma Stone als Cruella Foto: Disney/Laurie Sparham

Emma Stone verkörpert in einer düsteren, opulent ausgestatteten Disney-Komödie die junge Cruella de Vil – und findet ihre Meisterin.

Stuttgart - Was für ein Duell: In der düsteren, prächtig ausgestatteten Komödie „Cruella“ wetteifern die Amerikanerin Emma Stone (32, „La La Land“) und die Engländerin Emma Thompson (62, „Howard’s End“) in Rollen als Modedesignerinnen – und schauspielerisch. Erstmals in ihrer Karriere muss Stone sich ihrer Haut erwehren, um nicht an die Wand gespielt zu werden.

 

Thompson präsentiert sich in der Form ihres Lebens als mondäne „Baroness“, allein wegen ihr lohnt es sich, die märchenhafte Vorgeschichte zum Disney-Klassiker „101 Dalmatiner“ anzuschauen. Man kann die Augen kaum abwenden von dieser stets perfekt gestylten, vor Energie vibrierenden Despotin und Egomanin, der andere Menschen sämtlich zu dumm und zu langsam sind: „Alle anderen sind Hindernisse“, sagt sie zu ihrer Lieblingsdesignerin Estella, die sie als Einzige immerhin respektiert – und dennoch ausbeutet.

Cruella stiehlt der Baroness die Schau

Emma Stone spielt das Waisenkind Estella im London der 70er Jahre mit gut aufgesetzter Schüchternheit. In Wahrheit plant Estella ihr eigenes Modelabel und möchte die Baroness entthronen – umso mehr, als sie herausfindet, dass sie noch eine sehr große Rechnung mit ihr offen hat, die ihre Familie betrifft. Bald bricht sich Estellas zweite Natur Bahn, die sie mühsam einzuhegen gelernt hat und die ihre Mutter einst „Cruella“ taufte (englisch cruel = grausam): Estella hat eine gespaltene „Jekyll & Hyde“-Persönlichkeit.

Spektakulär erschüttert Cruella London und die fassungslose Baroness, der noch nie jemand so die Stirn geboten hat. Emma Stones Figur trägt nun einen schwarz-weißen Haarschopf und Mode der Punk-Ära mit Steampunk-Einflüssen, sie lacht irre und hat Auftritte wie der Joker in „Batman“. Cruella stiehlt der Baroness etwa die Schau, indem sie sich direkt vor einem ihrer Events aus einem Müllfahrzeug auf die Straße kippen lässt auf einen Stoffberg, der sich als endloses Kleid entpuppt, als sie aufs Trittbrett springt und sich triumphal wegfahren lässt. Stone kann das gut, natürlich, aber es gelingt ihr nicht, Thompson zu überflügeln – sie hat eine Meisterin gefunden.

Atemberaubende Kostüme

Die drei schwierigen Dalmatiner der Baroness spiegeln die spätere Geschichte voraus, in der die diabolische Cruella de Vil (devil = Teufel) aus den Fellen der Hunde Kleidung machen möchte. Der Disney-Trickfilm von 1961 erzählt davon, Glenn Close hat die Rolle 1996 in einer Realverfilmung gespielt. Hier nun wird die kindliche Estella in den 60ern Zeugin des Todes ihrer Mutter und findet in London Anschluss an ein findiges Diebesduo mit einem Unterschlupf in einem alten Lagerhaus. Jasper und Horace werden ihre Freunde und später Cruellas Gehilfen – auch wenn sie zunächst irritiert sind von deren herablassender, herrischer Natur.

Das Szenenbild und die Kostüme strahlen in überbordender Opulenz, aber nicht einfach nur hochglänzend, sondern mit einem dezenten Sepia-Stich, der sie als historisch markiert. Wenn Estella im Secondhandladen ihres neuen Freundes Artie ein rotes Kleid der Baroness aus den 60ern entdeckt, ist dieses wirklich atemberaubend – und wenn sie selbst eines entwirft, ebenso. Disney hat nicht am falschen Ende gespart, der australische Regisseur Craig Gillespie („I, Tonya“) durfte das Londoner Edelkaufhaus Liberty im Paisley-Chic der Zeit rekonstruieren lassen und die Partys der Baroness mit Horden kostümierter Gäste und irrwitzigem Dekor ausstatten.

Für Disney geradezu revolutionär

Der passende Rock- und Soul-Soundtrack reicht von Nina Simone bis Blondie und von Queen bis zu The Clash. Als Emma Stone erstmals die Leinwandbühne betritt, seufzt Mick Jagger: „She’s like a Rainbow.“ Der Titelsong „Call me Cruella“ stammt von der englischen Band Florence and the Machine.

Die Botschaft dieses sehr unterhaltsamen Filmvergnügens ist für Disney-Verhältnisse geradezu revolutionär, doppelbödig und rebellisch: „,Normal‘ ist die grausamste aller Beschimpfungen“, sagt der Paradiesvogel Artie, der für sein Anderssein einiges ertragen muss.

Von 28. Mai an auf Disney+

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