CSD in Balingen Queer auf dem Land – „Die Menschen fühlen sich allein“

Knapp 500 Teilnehmende kamen auf den ersten CSD in Balingen und feierten Vielfalt und Menschenrechte für alle. Foto: Andy Reiner

Der erste CSD in Balingen ist reibungsfrei über die Bühne gegangen. Aber viele queere Menschen dort sorgen sich, dass etwas kippen könnte – und niemand ihnen beisteht.

Vor Beginn der Veranstaltung am vergangenen Samstag spürt man in den Gesprächen vor Ort eine gewisse Unsicherheit. Würden wirklich so viele Teilnehmende erscheinen, wie man gehofft hatte? Die Mitarbeiter verschiedener Vereine und Organisationen, die Info-Stände aufgebaut hatten, warten noch auf die Teilnehmenden. Schließlich gab es bei dieser Christopher-Street-Day-Parade eine Reihe von Unsicherheitsfaktoren. Der erste: Es handelt sich um den ersten CSD vor Ort. Und der zweite: Die Kundgebung findet in Balingen (Zollernalbkreis) statt – eine 35 000-Einwohner-Stadt im Südwesten, die politisch seit jeher konservativ geprägt ist. Bei der letzten Bundestagswahl im Februar erhielt die CDU 33 Prozent der Stimmen, die AfD 24 Prozent – beide satt über dem Bundesschnitt. „Wenn es gut läuft, haben wir 500 Teilnehmende. Aber wenn es schlecht läuft, nur 150“, sagt Elke Börnard etwas vorsichtig, die mit ihrem Verein Feuervogel Zollernalbkreis am CSD teilnimmt.

 

Dann trudeln nach und nach Teilnehmende auf dem Marktplatz in Balingen ein, sie tragen bunte T-Shirts, haben Regenbogenflaggen und Transparente dabei. Sie lauschen den Reden auf der Bühne, immer wieder gibt es lauten Applaus. Von „450 bis 500 Leuten“ spricht Dominik Ochs, einer der Organisatoren, hinterher. Ein guter Einstand für den CSD in Balingen. Es gibt keine Störungen, Gegendemos bleiben aus. Alles ist friedlich. Fast so, als wären queere Menschen in Balingen uneingeschränkt willkommen.

Balinger Rathaus will keine Regenbogenflagge zeigen

Einige Wochen zuvor: In der letzten Sitzung vor der Sommerpause Ende Juli lehnt der mehrheitlich CDU-geführte Balinger Gemeinderat einen gemeinsamen Antrag von SPD und Grünen ab. In dem wird das „Hissen der Regenbogenfahne anlässlich des Christopher Street Day am 6. September 2025 gut sichtbar am Rathaus der Stadt“ gefordert. Die Begründung zur Ablehnung aus dem Rathaus gegenüber unserer Redaktion: „Wir als Stadtverwaltung sehen uns in der Neutralitätspflicht und haben gegenüber politischen Kundgebungen Neutralität zu wahren“.

Sowohl Vorgang als auch Begründung spiegeln im Kleinen wieder, was sich kurz davor im Großen vollzogen hat: Im Juni lehnt Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) ab, die Regenbogenflagge auf dem Reichstagsgebäude in Berlin hissen zu lassen. Auch sie gibt als Grund die Neutralität an.

Gleichzeitig steigt die Zahl der Übergriffe auf queere Menschen in Deutschland seit Jahren an – zuletzt von 1188 Straftaten in 2022 auf 1785 im Jahr 2023, wie Zahlen vom Bundeskriminalamt (BKA) zeigen. In Bad Freienwalde in Brandenburg greifen Vermummte ein Fest für Vielfalt an, immer wieder kommt es zu Protesten von Rechtsextremen gegen Pride-Paraden, etwa im Vorjahr in Albstadt beim ersten CSD im Zollernalbkreis. Daher stellt sich die Frage: Entwickelt sich das gesellschaftliche Klima gegen LGBTQI-Personen? Vollzieht sich ein sogenannter Vibe-Shift, wie er etwa in den USA und Ungarn zu beobachten ist, auch in den ländlichen Gebieten Baden-Württembergs?

Organisator Dominik Ochs sieht Vibe-Shift seit der Bundestagswahl

Die Entscheidung gegen die Beflaggung am Rathaus sieht Dominik Ochs nicht als Hauptproblem an: „Der Entscheidung ging ein demokratischer Prozess voraus. Das ist so. Man kann nicht alles gewinnen“. Ihm bereite etwas anderes mehr Sorgen: „Ich hatte relativ schnell Zusagen von verschiedenen Firmen und Einrichtungen, die uns beim CSD sponsern wollten“. Dabei, betont er, ging es um kleine Beträge von 150 Euro. Doch dann gibt es einen plötzlichen Umschwung: „Es kam die Bundestagswahl im Februar. Zwei Wochen danach habe ich die erste Mail bekommen von jemandem, der zugesagt hatte und wo drin stand: Unser Fokus hat sich verändert und wir haben dieses Jahr in unserem Budget keinen Platz mehr dafür“. Für Ochs steht daher fest, dass es einen Vibe-Shift gegeben hat: Die Werte von Vielfalt, Gleichberechtigung und Tolerenz, die der CSD repräsentiert, sind dabei zur Zielscheibe geworden. Dass sich Klöckner gegen eine Regenbogenfahne auf dem Reichstagsgebäude positioniert hat, sieht Ochs dabei als Teil des Trends.

Auf der CSD-Parade in Balingen wird auch genau dieser Vibe-Shift ins Zentrum der Debatte gerückt. Neben den politischen Entscheidungen spielt auch die zunehmende Gewalt gegenüber der queeren Community eine Rolle. „Es gab im letzten Jahr 33 Prozent mehr gemeldete Übergriffe in Baden-Württemberg“, sagt Ramona Fuchs, SPD-Landtagskandidatin für Sigmaringen, in ihrer Rede. Dafür macht sie neben rechten Parteien wie der AfD auch Teile der CDU verantwortlich. „Das Hissen einer Regenbogenflagge mit einem Zirkus zu vergleichen, ist feige und beschämend“, meinte sie in Richtung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Dieser hatte in Bezug auf die diskutierte Beflaggung am Reichstag gesagt, dass der Bundestag kein Zirkuszelt sei. Auch die Organisation Dorfpride, die jedes Jahr einen CSD im ländlichen Raum veranstaltet, berichtet in einer schriftlichen Antwort von zunehmenden Hassnachrichten im Netz: „Wir befinden uns in einer rechtskonservativen Wende. Die Stimmung kippt und das merken besonders Menschen aus dem queeren Spektrum“.

Bei den Gesprächen mit Teilnehmenden unterschiedlicher Altersgruppen wird deutlich, dass die Verunsicherung über die politische Zukunft groß ist. Die hohen Wahlergebnisse der AfD sind zwar noch ohne praktische Konsequenz – aber was passiert, wenn aus den Worten der Rechtsaußenpartei auch praktische Politik entsteht?

„Die Leute müssen sich nicht schämen für das, was sie sind“

Bei Unterhaltungen mit Teilnehmenden wird schnell klar, dass die hohen Wahlergebnisse der AfD in der Region eine große Motivation waren, beim ersten CSD in Balingen Farbe zu bekennen. Eine davon ist Gabriele Seifert: „Die zunehmenden AfD-Fahnen hier vor Ort sind nicht sehr schön mitanzusehen.“ Seifert trägt ein „Omas gegen Rechts“-T-Shirt und hat gerade eine Ortsgruppe in Balingen gegründet, um sich diesem Trend entgegenzustellen.

Die Tatsache, dass der CSD im ländlichen Raum stattfand, wurde bewusst genutzt. So forderte Pascal Conzelmann, einer der Mitorganisatoren von der SPD-Jugendorganisation Jusos, die Teilnehmenden auf: „Sucht euch Vorbilder“. Er sei selbst als queerer Mensch in der Region aufgewachsen und hatte Schwierigkeiten, für sich und seine Identität einzustehen. Auch Dominik Ochs betont: „Im ländlichen Raum ist das Problem, dass es dort keine Vernetzung von queeren Menschen gibt. Die Menschen fühlen sich allein“. Deshalb sieht er den CSD als Möglichkeit, „dass die Leute einfach da sein können und sich nicht schämen müssen für das, was sie sind“.

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