Gastronomie in Stuttgart Cube, Amadeus & Co. – Wirte geben Mehrwertsteuersenkung kaum weiter

, aktualisiert am 06.03.2026 - 22:07 Uhr
Von 19 Prozent (2025) auf 7 Prozent (2026), aber eine niedrigere Steuer bedeutet nicht unbedingt niedrigere Preise. Foto: Sina Schuldt/dpa

Die niedrigere Mehrwertsteuer in der Gastronomie kommt bei den Gästen nicht an. In 14,3 Prozent der Fälle wurden die Preise erhöht. Das zeigt eine Analyse von 150 Restaurants.

Die reduzierte Mehrwertsteuer auf vor Ort verzehrte Speisen kommt nicht bei den Kunden an. Das ergibt die Analyse der Preise in knapp 2500 Restaurants in Deutschland. Demnach haben nur etwa neun Prozent der untersuchten Lokale ihre Preise gesenkt und mehr als 17 Prozent haben die Preise erhöht.

 

Für die Auswertung hat unsere Zeitung gemeinsam mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und dem Berliner „Tagesspiegel“ Daten des Kassensystem-Dienstleisters Orderbird sowie die online veröffentlichten Speisekarten von Restaurants in Stuttgart, Frankfurt und Berlin analysiert und die Preise zwischen Oktober und Dezember 2025 – also vor der Steuersenkung – mit jenen seit Anfang des Jahres verglichen.

Stuttgarter Gastronomen bei Mehrwertsteuer besonders geizig

In der Stuttgarter Gastronomie hatte die Steuersenkung demnach die geringsten Auswirkungen auf die Preise. Vier von fünf Gastronomen beließen die Preise in ihren Speisekarten wie im alten Jahr. In einem von sieben Restaurants wurden die Preise leicht erhöht. Leicht gesenkt hat sie nur gut jeder zwanzigste Wirt. In Frankfurt und Berlin ist der Anteil der Lokale mit Preiserhöhung höher, in Berlin wurden etwas häufiger die Preise gesenkt. Die Auswertung beruht darauf, wie stark sich die Preise im Schnitt über die gesamte Karte eines Lokals hin geändert haben.

Alte Kanzlei: „Mindestlohn frisst Mehrwertsteuer“

Ein Beispiel: in der Alten Kanzlei zwischen Schloss- und Schillerplatz wurden manche Hauptgerichte teurer, die Desserts dagegen günstiger. Mit der Mehrwertsteuer habe beides nichts zu tun, erklärt der Geschäftsführer Dennis Shipley. Die werde ohnehin vom gestiegenen Mindestlohn aufgefressen, „aber danach hat mich noch keiner gefragt“. Zur Mehrwertsteuer äußert er sich dann doch: „Die Branche war defizitär und ist jetzt entlastet worden. Ich kann das als Geschäftsführer nicht eins zu eins weitergeben“, so Shipley.

Dass die Desserts in der Alten Kanzlei günstiger sind, habe mit einem neuen Pâtissier und einer neu angeschafften Maschine zu tun. „Insgesamt sind wir nicht teurer geworden“, sagt Shipley, und „wir werden jetzt mal die Preisspirale pausieren lassen“.

Dehoga: Niedrigere Preise waren nicht das Ziel

Shipley ist auch Vorsitzender der Fachgruppe Gastronomie bei der Dehoga Stuttgart. Der Hotel- und Gaststätten-Verband hatte massiv für die Steuersenkung lobbyiert. „Die Kosten sind für die Gastronomie stärker gestiegen als in anderen Bereichen“, erklärt die Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Jana Schimke. Der gesenkte Mehrwersteuersatz schaffe „endlich Steuergerechtigkeit“ etwa gegenüber To-Go-Angeboten und Lieferdiensten, die bereits bisher mit sieben Prozent besteuert wurden. Zudem solle die Gastronomie unterstützt werden. Dies sei das Ziel der Steuersenkung, nicht die Entlastung der Kunden.

Bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg ist die Wahrnehmung eine andere: „Ja, ganz klar bekommen wir negative Rückmeldungen und Eingaben von vielen Verbrauchern, dass die Mehrwertsteuersenkung überhaupt nicht bemerkt wird“, sagt der Jurist Alexander Weigert. Die Verbraucherzentrale erkennt an, dass steigende Kosten die Steuersenkung wieder auffressen können. Dennoch müsse die Mehrwertsteuer bei der Preisgestaltung „entsprechend berücksichtigt werden“. Wenn die Preise gleich blieben oder stiegen, „sollte man doch mal genauer hinschauen“.

Neben den Daten des Dienstleisters Orderbird haben wir auch Speisekarten analysiert, die Restaurants auf ihren Websites oder User auf Google Maps hochladen. Insgesamt haben wir so die Preise in knapp 150 Stuttgarter Restaurants analysiert. Das Ergebnis bestätigt die oben gezeigten Zahlen – und dass fast jedes fünfte untersuchte Restaurant eben nicht die Preise gesenkt oder zumindest stabil gehalten hat.

Beim genaueren Hinsehen zeigt sich, dass die Restaurants, die im Schnitt günstiger geworden sind, nur ein bis fünf Gerichte günstiger anbieten. Im Amadeus waren es vier Speisen – darunter der Zwiebelrostbraten, den es nun wieder für unter 30 Euro gibt. Die Burrata im Kunstmuseum-Restaurant Cube gibt es jetzt einen Euro günstiger als vor der Steuersenkung, nämlich für 18,90 als Vorspeise. Dafür sind zwei der drei Mittagsmenüs nun fünf beziehungsweise sechs Euro teurer.

Alle kontaktierten Lokale bestätigen die Preiserhöhungen und haben alle ihre Gründe dafür. „Ich muss erstmal Umsatz machen“, sagt der Wirt eines italienischen Lokals, der seinen Namen lieber nicht nennen möchte. Die Gäste hätten wegen der Wirtschaftskrise weniger Geld und bestellten auch weniger – beispielsweise keine Vorspeise, sondern nur ein Hauptgericht.

Wer profitiert von der Mehrwertsteuersenkung?

Wer profitiert also von der Mehrwertsteuersenkung? Die Kunden sind es nicht, denn anders als bei Steuererhöhungen werden Steuersenkungen kaum weitergegeben. Das zeigt auch eine Studie des Münchner Forschers Matthias Firgo.

Er hat die Phase von Januar 2024 an untersucht, in der der Mehrwertsteuersatz für vor Ort verzehrte Speisen wieder 19 Prozent betrug, nachdem er zuvor pandemiebedingt reduziert worden war. Der Großteil der Kosten durch die erhöhte Mehrwertsteuer war demnach im Laufe des Jahres 2024 an die Kunden in Form höherer Preise weitergegeben worden. Nun wurde die Mehrwertsteuer zum Jahresbeginn 2026 wieder reduziert.

Die Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Schimke formuliert längst neue Forderungen, konkret nennt sie auf Anfrage unserer Zeitung „die Flexibilisierung der Wochenarbeitszeit, um über den Faktor Arbeit neue Spielräume im täglichen Arbeiten zu schaffen“.

Weniger Steuer, weniger teuer?

Letztlich profitierten „vor allem große Betriebe und Systemgastronomie in den Metropolregionen“ von der gesunkenen Mehrwertsteuer, schrieb die Eichstätter Wirtschaftsprofessorin Dominika Langenmayr für eine Anhörung im Bundestag. Im Zuge unserer Recherche hatten wir auch die Preise in den Stuttgarter Innenstadtfilialen von Ketten wie McDonald’s, Vapiano oder L’Osteria analysiert. Ergebnis: nur 5 von 285 Gerichten waren im Januar billiger als im Dezember.

Bei vier davon handelt es sich um Menüs von McDonald’s. Die Burgerkette ließ es sich nicht nehmen, damit etwa in der Stadtbahnhaltestelle Charlottenplatz zu werben: „Weniger Steuer, weniger teuer“.

Mitarbeit bei der Recherche: Jaqueline Jansen, Joel Lev-Tov, Jovanna Michalski, Carlos Schmitt

Gemeinsame Recherche von drei Zeitungen

Teamarbeit
Basis dieses Beitrags ist eine Datenanalyse der Stuttgarter Zeitung, des Berliner „Tagesspiegel“ und der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Datenjournalisten der drei Zeitungen hatten insgesamt 2.749 Restaurants bundesweit untersucht.

Datenbasis
Die Redaktionen werteten Bestelldaten des Zahlungsdienstleisters Orderbird vom 1. Oktober 2025 bis 25. Februar 2026. Zusätzlich wurden Speisekarten auf dem Kartendienst Google Maps sowie auf den Websites ausgewählter Restaurants analysiert. Maßgeblich war jeweils, wie sich die Preise im Durchschnitt aller Gerichte eines Restaurants entwickelt haben.

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