InterviewCurevac-Gründer Ingmar Hoerr „Wir brauchen die USA“

„Da auch wir stark wachsen wollen, reicht Deutschland allein nicht mehr aus“, sagt Curevac-Gründer Ingmar Hoerr. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
„Da auch wir stark wachsen wollen, reicht Deutschland allein nicht mehr aus“, sagt Curevac-Gründer Ingmar Hoerr. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Tübinger Biotechnologie-Gründer Ingmar Hoerr wechselt jetzt in den Aufsichtsrat seines Milliarden-Unternehmens Curevac. Im Interview zieht er Bilanz: Deutschland brauche im Bereich Biotechnologie unbedingt mehr Ehrgeiz und Investoren mit langem Atem.

Chefredaktion: Joachim Dorfs (jd)
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Tübingen - Ingmar Hoerr ist einer der erfolgreichsten deutschen Gründer der vergangenen Jahre. Sein Biotechnologie-Unternehmen Curevac, in das auch der Microsoft-Gründer Bill Gates eingestiegen ist, hat eine Milliarden-Bewertung. Hoerr kündigt nun an, künftig den Aufsichtsrat zu leiten. Neuer Chef wird der Amerikaner Daniel Menichella. Der Curevac-Gründer erläutert, warum sein Unternehmen ein amerikanisches Standbein braucht und die US-Börse Nasdaq im Blick hat.

Herr Hoerr, Sie geben im Juni Ihren Posten als Vorstandschef bei Curevac auf und werden Aufsichtsratschef. Warum?
Wir müssen insbesondere in den USA viel sichtbarer und präsenter werden. Dort ist die Marktkapitalisierung von Unternehmen wie Curevac 50 mal höher als hierzulande. Auch die Finanzierungsmöglichkeiten über Wagniskapital sind drüben 50 mal besser als in Deutschland. Konkret heißt das: wir müssen Curevac als deutsches Unternehmen globaler aufstellen.
Und das kann Daniel Menichella, der Ihnen nachfolgen soll?
Dan Menichella ist US-Amerikaner und leitet seit einem Jahr unser US-Geschäft. Er ist dort bestens vernetzt. Alle unsere großen Geschäftsabschlüsse des vergangenen Jahres – unter anderem mit dem Pharmariesen Eli Lilly – haben wir mit US-Unternehmen getätigt. Und auch der Zugang zu den US-Kapitalmärkten ist entscheidend für uns. Morphosys, ein sehr erfolgreiches Münchener Biotech-Unternehmen, ist mit großem Erfolg an die US-Technologiebörse Nasdaq gegangen. Da auch wir stark wachsen wollen, reicht Deutschland allein nicht mehr aus.
Ist ein Börsengang an die Nasdaq für Sie auch eine Option?
Sagen wir mal so – wenn, dann die Nasdaq, jedenfalls eher als Frankfurt oder eine andere europäische Börse.
Curevac wendet sich stärker den USA hin und kehrt Deutschland ein Stück weit den Rücken?
Überhaupt nicht. Ich sehe Tübingen als Leuchtturm. Ich zerbreche mir seit Jahren den Kopf, wie man eine so großartige Technologie wie die unsrige wirklich global aufstellen kann. In Bereichen wie Digitalisierung, IT, Biotechnologie sind uns die Amerikaner immer voraus gewesen. Als Deutsche müssen wir eine Strategie finden, das auch zu schaffen. Wir müssen also auf die Stärken der jeweiligen Standorte schauen: in Deutschland sind wir extrem stark in der Wissenschaft. Unsere deutschen Standorte mit der Grundlagenforschung und der Produktion bleiben vollständig erhalten – wir haben inzwischen drei Produktionsanlagen hier und bauen in Tübingen ein neues Produktionsgebäude, dessen Rohbau im Winter fertig werden soll. Das gibt es sonst nirgendwo auf der Welt.
Und die deutschen Schwächen?
Das Hauptproblem sehe ich in den Kapitalmärkten für Biotechnologie. Hier passiert immer noch zu wenig. Es braucht Investoren, die bereit sind, langfristig große Summen zu investieren. Wir hatten außerordentliches Glück, Dietmar Hopp als Investor zu gewinnen. Außerdem ist es unerlässlich, die Expertise amerikanischer Entwickler mit ins Boot zu holen, um mit einem neuen Medikament weltweit Erfolg zu haben. Diese Experten kann man oft schwer nach Deutschland bringen. Wenn wir uns in unserer Entwicklung nur auf Deutschland konzentrieren, droht uns Stillstand. Daher müssen wir die Stärken beider Standorte vereinen, um zu einem Unternehmen zu werden, das global wachsen kann.
Die Deutschen sind stark in der Grundlagenforschung, aber die US-Amerikaner sind schneller in der Markteinführung und nehmen uns vielfach die Entwicklung aus der Hand. Dem wollen wir vorbeugen und vereinen das künftig bei Curevac unter einem Dach. Abgesehen davon können wir produktseitig Impfstoffe beispielsweise sehr gut auch in Deutschland bis zur Marktreife bringen.
Aber der Aufbau von Personal findet künftig vor allem in den USA statt?
Wir bauen an allen Standorten weiter stark auf. Alle profitieren vom Wachstum. Tübingen bleibt ganz klar unser Hauptstandort.
Ist es als Gründer nicht schwierig, einen solchen Schritt zurück zu treten?
(lacht) Das sehe ich ganz anders. Es war mir immer klar, dass das eines Tages kommen muss. Der logische Schritt eines Gründers ist es, Aufsichtsrat zu werden. Ich freue mich wirklich auf die neue Aufgabe. Damit wird mir noch mal eine größere Verantwortung übertragen werden. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, weil wir den Durchbruch in eine globale Aufstellung schaffen wollen und mit Dan Menichella den Richtigen haben, der das erreichen kann. Wir werden am Markt mit 1,6 Milliarden Euro bewertet. Da wollen wir nicht stehen bleiben.
Aber ein Firmenchef hat doch größere Einflussmöglichkeiten?
Auf jeden Fall. Das muss er auch haben. Wir brauchen aber auch jemanden, der die mittel- und langfristige Strategie entwickelt. Wir sehen fast monatlich neue Dinge, die mit unserer Technologie machbar sind. Es wird meine Aufgabe sein, das im Blick zu behalten und weiterzutreiben.

Das Gespräch führte Joachim Dorfs

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