Das Olympiastadion in Cortina d’Ampezzo ist ein Bau mit Geschichte, in dem jeder Holzwurm seine rechte Freude hätte. Das Ding stammt aus den 1950er Jahren, vor 70 Jahren wurde hier bereits olympisches Eishockey gespielt und auch die Eröffnungsfeier zelebriert (noch ohne Dach). „Es nach so vielen Jahren mal wieder geschafft zu haben – das ist schon toll“, sagt nun Marc Muskatewitz. Mit der olympischen Historie von Cortina hat das aber eher weniger zu tun.
Muskatewitz ist schließlich erst 30 Jahre alt, Skip der deutschen Curling-Mannschaft – und eben die wartete zuletzt seit zwölf Jahren auf reine Teilnahme an den Olympischen Winterspielen. „Für mich“, sagt der Badener, „war es schon der dritte olympische Zyklus, in dem ich auf die Spiele hingearbeitet habe. Als wir es dann geschafft hatten, war die Freude groß.“ Die mittlerweile zu Vorfreude geworden ist.
An diesem Mittwoch (19.05 Uhr) beginnt für die deutsche Mannschaft das olympische Turnier, es geht gegen Kanada, also gleich gegen einen Top-Gegner. „Das ist“, findet der Skip, also der Anführer der Deutschen, „vielleicht gar nicht so schlecht.“ Denn alle Teams haben wenig Zeit, das olympische Eis kennenzulernen. Auch die Besten machen dann vielleicht eher mal einen Fehler. Allerdings: Aus der Rolle, auf Fehler der anderen angewiesen zu sein, sind die deutschen Curler längst raus.
Mit Platz acht bei der WM lösten sie im vergangenen Jahr das Ticket nach Cortina d’Ampezzo – und da konnte der Bundestrainer Uli Kapp schon sagen: „Unser Erfolg war keine Eintagsfliege.“ Denn im November 2024 war dem Team bereits Historisches gelungen: der erste deutsche EM-Titel seit 20 Jahren. Der das Curler-Leben erst einmal schöner, dann aber auch nicht gerade einfacher gemacht hat.
„Bei der WM nach der EM waren die Spiele plötzlich viel schwieriger“, erinnert sich Marc Muskatewitz, „weil die Gegner nun den Europameister schlagen wollten.“ Er erinnert sich: „Plötzlich hatten wir das Zielkreuz auf dem Rücken.“ Und es gehörte zu den notwendigen Entwicklungsschritten, damit klarzukommen. „Im Sommer haben wir viel daran gearbeitet, auf das nächste Level zu kommen“, erzählt Muskatewitz, „mental, aber auch spielerisch und athletisch.“ Damit der positive Weg der vergangenen Jahre fortgesetzt werden kann.
Für den Skip begann dieser Weg einst in einem Golf-Ferienprogramm. Weil das der Baden Hills Golf & Curling Club ausgerichtet hat, gab es auch die Möglichkeit, den Sport mit den schweren Steinen auszuprobieren – und der junge Marc fing auf dem Eis gleich Feuer. Er stammt aus Baden-Baden, lebt mittlerweile aber in Kempten. Des Studiums wegen ist er ins Allgäu gezogen. Aber auch, um im Curlingsport weiter voranzukommen. Der deutsche Stützpunkt befindet sich in Füssen.
Erfahrung und Talent kommen zusammen
Aus dem Allgäu stammen auch Muskatewitz’ Mitstreiter Johannes Scheuerl (23), Felix Messenzehl (22) und Benjamin Kapp (23), die vor dem Skip in dieser Reihenfolge ihre Steine spielen. Alle drei sind jünger als ihr Kapitän – aber genau diese Mischung brachte den Erfolg. „Die Jungs waren schon bei den Junioren stark und hatten eine gute Basis“, erinnert sich Muskatewitz an das Zusammenkommen vor rund drei Jahren, „ich konnte dann mein Wissen und meine Erfahrung einbringen.“ Und es ging voran.
Was auch daran liegt, dass das jüngere Trio als Sportsoldaten den Sport als Profis betreiben kann. Ihr Skip hat mittlerweile eine Anstellung in Teilzeit – und ist auf dem Eis der Mann für die Strategie. Die, wie er sagt, unglaublich wichtig ist. Curling wird auch „Schach auf dem Eis“ genannt, „wir müssen immer zwei Züge vorausdenken“. Und schlechte Phasen schnell abhaken können.
Um all das gut meistern zu können, hat der Verband einen Sportpsychologen angestellt, der sich zuletzt auf die Arbeit mit dem Top-Team fokussiert hat. Aber auch athletisch hat sich der Sport enorm entwickelt. „Ich vergleiche es gerne mit Biathlon“, sagt Muskatewitz, „wir kommen beim Wischen auf einen Puls von 180, und gleich danach müssen wir den Stein auf einer 40-Meter-Bahn zentimetergenau platzieren.“
Auf den Grand-Slam-Turnieren in Nordamerika („Dort ist der Sport viel größer“) haben sich der Skip und sein Team den Schliff für die Spiele geholt, ihn zuletzt in Füssen und Kitzbühel verfeinert. „Wir haben noch einmal zwei Schritte nach vorne gemacht“, sagt Marc Muskatewitz. In Cortina will er mit seinem Team um eine Medaille spielen.
Und im ehrwürdigen Cortina Curling Olympic Stadium alles andere als alt aussehen.