Cyber Valley in Tübingen „Das ist ein Forschungsparadies“

Winfried Kretschmann sieht das künftige Institut in Tübingen als ein wahres „Forschungsparadies“. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

In Tübingen entsteht ein neues Institut. Ministerpräsident Kretschmann nennt das einen „gigantischen Schritt“ zur europäischen Kooperation in der Künstlichen Intelligenz. Der Gründungsdirektor Bernhard Schölkopf will damit Topkonzernen Konkurrenz machen.

Stuttgart/Tübingen - Das Cyber Valley in Tübingen wird sich durch ein neues Ellis- Institut in der Erforschung der Künstlichen Intelligenz (KI) gegenüber China und den USA noch besser behaupten können, sagen Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Bernhard Schölkopf, der künftige Gründungsdirektor des Instituts im Interview.

 

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Herr Kretschmann, im Cyber Valley in Tübingen entsteht dank einer 100 Millionen Euro Spende der Hector-Stiftung ein neues Ellis-Institut. Was bedeutet das für Baden-Württemberg?

Kretschmann: Das Ellis-Institut ist ein gigantischer Schritt. Jetzt nimmt die europäische Kooperation in der Erforschung der Künstlichen Intelligenz richtig Gestalt an. Es gibt in diesem Forschungsbereich ja enorme Konkurrenz. Wir müssen unsere Kräfte in Europa bündeln, sonst werden wir gegenüber China und dem Silicon-Valley das Nachsehen haben.

Worauf kommt es künftig an?

Kretschmann: Es geht immer darum, finden wir Europäer eine gemeinsame Antwort auf China und die USA? Es geht nicht nur um technologische Souveränität, sondern auch darum, dass wir einen europäischen Weg der KI vorgeben, der dezidiert gesellschaftliche und ethische Aspekte einbezieht. Wir müssen es schaffen, dass auch aus anderen europäischen Staaten Mittel in das Ellis-Netzwerk fließen.

Es gab ja in den vergangenen Jahren auch innerhalb Deutschlands einen erbitterten Wettbewerb um die Förderung der Künstlichen Intelligenz. Wie konnte sich Baden-Württemberg da durchsetzen, zum Beispiel gegen das Saarland?

Kretschmann: Wenn im föderalen System alle bedient werden müssen, wird das Geld verkleckert. Das ist ja der Grundgedanke unserer Innovationscampus-Idee: Wir schaffen Gravitationszentren, die eine Anziehungskraft für starke Kooperationspartner und die klügsten Köpfe aus Wirtschaft und Wissenschaft haben. Und die Entwicklung zeigt, dass dieses Konzept attraktiv ist. Dazu kommt: Wir waren früher dran, wir haben das von Anfang an strategisch aufgesetzt und wir haben Professor Schölkopf, der das Cyber Valley visionär vorangetrieben hat.

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Wie hat sich das Cyber Valley in den fünf Jahren seines Bestehens entwickelt?

Kretschmann: Das Cyber Valley hat sich in den fünf Jahren zu einem echten europäischen Hotspot für Forschung und Innovation in den Bereichen maschinelles Lernen, Robotik und Computervision entwickelt. Wir sind da auf Augenhöhe mit den Besten der Welt. Das Cyber Valley vereinigt Schlagkraft und Pioniergeist und ist so einmalig in Europa. Das Besondere an diesem Ökosystem ist die Breite, in der das Thema KI erforscht wird – von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung und Ausgründung von Start-ups.

Herr Schölkopf, Sie haben das Cyber Valley gegründet, was macht den Erfolg aus?

Schölkopf: Wir haben vor zehn Jahren als das Thema Künstliche Intelligenz noch nicht in aller Munde war, ein neues Max-Planck-Institut gegründet und von Anfang an auf die lernende Künstliche Intelligenz gesetzt. Damit waren wir innerhalb von wenigen Jahren auf diesem neuen Feld führend in Deutschland und in Europa und der Welt. Dann haben wir das Cyber Valley gegründet, um die Lösungen in die Industrie zu bringen. Schließlich haben wir zusammen mit Top-Wissenschaftlern aus Europa die Ellis-Initiative aus der Taufe gehoben und zusammen auf die künstliche Intelligenz gesetzt. So wurden wir international sehr sichtbar. Das zieht Talente an, neue Investments folgen.

Das neue Ellis-Institut für maschinelles Lernen und Intelligente Systeme wird das erste seiner Art sein. Was ist das Einzigartige daran?

Schölkopf: Das Institut ist wesentlich privat finanziert. Es hat dadurch eine andere Flexibilität und ist agiler. In der Künstlichen Intelligenz wird ein wesentlicher Teil der Forschung in der Industrie gemacht. Die Mehrzahl des besten Absolventen geht inzwischen in Industrielabors, meist von großen amerikanischen Firmen, weil dort herausragende Forschungsbedingungen bestehen und man dort sehr schnell Ergebnisse erzielen kann. Mit der großzügigen Spende der Hector-Stiftung können wir nun eine neue Art von Forschungsinstitut aufbauen. Es hat die gleiche Flexibilität wie ein Top-Industrielabor, ist aber nicht daran gebunden, nur Projekte zu machen, die am Ende auch Geld abwerfen. Es soll Projekte machen, die uns alle weiterbringen.

Kretschmann: Das heißt, es ist ein Forschungsparadies. Dazu kommt, es wird einen ständigen Austausch von Wissenschaftlern geben, denn die Forscher sollen dort nach sechs Jahren wechseln. Das Institut ist so sehr flexibel.

Können Sie amerikanischen Konzern ernsthaft Konkurrenz machen im Wettbewerb um Topwissenschaftler?

Schölkopf: In Einzelfällen jetzt schon, und mit Ellis werden wir noch besser. Außerdem wollen wir dafür sorgen, dass wir die Topnachwuchsleute in Europa halten können. Das Cyber Valley hat inzwischen die Reputation entwickelt, dass man hier etwas bewegen kann. Der Traum für die Zukunft ist, dass die Leute hier Start-ups gründen, die sich zu Konzernen entwickeln.

Herr Kretschmann, warum setzt Baden-Württemberg gerade auf die Künstliche Intelligenz?

Kretschmann: Künstliche Intelligenz und Robotik sind der entscheidende Treiber im technologischen Fortschritt. Autonomes Fahren funktioniert nicht ohne Künstliche Intelligenz. Oder denken Sie an die Diagnose von Krankheiten in der personalisierten Medizin - etwa bei der Früherkennung von Hautkrebs. Die Künstliche Intelligenz ist das, was die Elektrifizierung in der Industrialisierung war. Wer da die Nase vorn hat, wird auch industriepolitisch erfolgreich sein. So lassen sich neue Geschäftsmodelle generieren. Es geht also um disruptive Innovationen, die das Bisherige völlig neu denken

Was sind die wirtschaftlichen Hoffnungen für das Land, Herr Schölkopf?

Schölkopf: In der Künstlichen Intelligenz ist der Weg von der Grundlagenforschung zur Anwendung relativ kurz. Es gibt eine gewisse Goldgräberstimmung, hier werden sehr viele Start ups gegründet. Diese Situation wollen wir auch hier erzeugen. Jetzt erleben wir die Industrialisierung der Informationsverarbeitung. Das berührt uns als Menschen viel stärker als die Maschinen der früheren industriellen Revolutionen. Umso wichtiger ist es, dass wir diese Entwicklung hier in Europa souverän selbst gestalten.

Politik und Wissenschaft in einer Mission

Politiker
 Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat bereits der früheren Kanzlerin Angela Merkel das Cyber Valley nahegebracht, sie gaben 2020 den Startschuss für den damaligen Ausbau des Cyber Valley.

Wissenschaftler
  Der Mathematiker und Physiker Bernhard Schölkopf, 1968 geboren in Stuttgart, hat 2016 das Cyber Valley initiiert. Er ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Intelligente System in Tübingen.

Ellis
Die Ellis-Initiative steht für European Laboratory for Learning & Intelligent Systems und will europäische Spitzenforschung in der KI konkurrenzfähig etablieren.  

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