Cybermobbing Die Ausgrenzung verlagert sich ins Virtuelle

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Knapp ein Fünftel aller Schüler haben schon einmal Cybermobbing am eigenen Leib erlebt – und fast genau so viele habe selbst schon mal selbst gemobbt, aus Langeweile oder Spaß. Traurige Ergebnisse einer groß angelegten Studie.

Jugendliche sind nicht sicher vor Attacken aus dem Netz. Foto: dpa-Zentralbild
Jugendliche sind nicht sicher vor Attacken aus dem Netz. Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Sie nennen als Motiv „Langeweile“ oder „Spaß“. 19 Prozent aller Schüler, die in einer neuen Umfrage befragt wurden, bekannten sich dazu, schon mal an einer Cybermobbing-Attacke auf Mitschüler beteiligt gewesen zu sein. Herabsetzende Kommentare in sozialen Netzwerken, peinliche Fotos oder Videofilme auf allseits bekannten Plattformen im Netz, nächtlicher Terror über das Mobiltelefon: gerade die Anonymität des Internets macht es noch leichter als auf dem Schulhof, sich einzelne Mitschüler als Opfer herauszusuchen und zu beleidigen und auszugrenzen.

Fast so groß wie die Zahl der Täter ist auch die der Opfer: 17 Prozent aller Schüler geben an, selbst schon einmal Opfer einer Cybermobbing-Attacke gewesen zu sein. Meist waren es Beschimpfungen und Beleidigungen, gefolgt von Gerüchten und Verleumdungen. Jeder Fünfte davon fühlt sich seitdem dauerhaft belastet. Einige schlagen zurück: Mehr als ein Drittel der Täter war selbst schon einmal Opfer gewesen.

Das sind einige der Ergebnisse einer Umfrage unter Lehrern, Eltern und Schülern, die das im Juli 2011 gegründete „Bündnis gegen Cybermobbing“ von der Cobus Marktforschung GmbH hat durchführen lassen. Das Bündnis setzt sich nach eigenen Angaben aus Menschen zusammen, „die persönlich von der Thematik betroffen sind, sei es beruflich oder privat und die gegen Cybermobbing und Gewalt im Netz angehen wollen“. Vorsitzender ist Uwe Leest, Geschäftsführer von Cobus. Mit ihm im Vorstand sind drei Präventions- und Medienexpertinnen. Befragt wurden zwischen November 2012 und Februar 2013 rund 10 000 Eltern, Lehrer und Schüler. Damit ist die Umfrage nach Angaben der Autoren „die umfangreichste Studie zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum“. Ausgewertet werden konnten am Ende 1953 ausgefüllte Online-Fragebögen von Eltern und 661 von Lehrern; dazu kamen 6739 Antwortbögen von Schülern, je zur Hälfte online und auf Papier ausgefüllt. Finanzielle Förderung bekamen die Autoren von der Arag-Versicherung.

Ruf nach Hilfe und Anlaufstellen

„Die bisherigen Studien haben im Wesentlichen die Perspektive der Jugendlichen beleuchtet. Um aber ein umfassendes Bild vom ,sozialen Raum’ zu erhalten, wurden in dieser Studie neben den Jugendlichen auch Eltern und Lehrer befragt“, schreibt Leest in seinem Vorwort.

Viele befragte Eltern zeigten sich durch die „mediale Entwicklung“ überfordert. 90 Prozent sind überzeugt, die Gewalt unter Jugendlichen habe sich durch die neuen Medien verändert. Das tatsächliche Problem überschätzen sie: Mehr als ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler sei schon Opfer gewesen, vermuten sie. 7,3 Prozent haben Cybermobbing bei eigenen Kindern erlebt. Fast die Hälfte fühlt sich nicht ausreichend informiert, viele beklagen das Fehlen von Anti-Mobbing-Beauftragten, Meldestellen und institutioneller Hilfe.

Auch die Lehrer sehen ein verändertes Gewaltverhalten. Laut der Studie hatten die befragten Pädagogen „überwiegend eine kritische Sicht auf die medialen Entwicklungen“, betrachten den Einsatz dieser Medien im Unterricht zwar prinzipiell positiv, tun das aber in der Praxis kaum. Fast 60 Prozent der Lehrer kennen Cybermobbing-Fälle aus ihrer Praxis. Den Anteil der betroffenen Schüler schätzen sie richtig auf 17 Prozent. Auch die Lehrer fühlen sich schlecht informiert und fordern neue Konzepte der Lehrerfortbildung und institutionelle Hilfe.

„Soziale Netzwerke dienen Schülerinnen und Schülern immer häufiger der Kompensation von Sorgen und Nöten in der realen Welt“, schreiben die Studienautoren. Dazu muss kaum noch ein Schüler zu Hause an den PC. Zwei Drittel der befragten hatte ein internetfähiges Mobilgerät. Was sie damit machen, überprüfen nach Angaben der Schüler nur 17 Prozent der Eltern. Immerhin jeder Fünfte Schüler meldet es der betroffenen Plattform, wenn dort Mobbingaktionen gegen ihn betrieben werden. Die meisten vertrauen sich Freunden oder Eltern an – oder sie wünschen zumindest, dass sie es könnten. Die Hälfte aller, die Opfer von Mobbingattacken geworden sind, wünscht sich Hilfe zum Beispiel in Form „von Anti-Mobbing-Trainings, Unterstützungsteams, Schüler-Scouts und mehr Unterstützung durch die Lehrer“.

Kaum Erkenntnisse über Langzeitfolgen

Cybermobbing wird in der Fachsprache und im Englischen Cyberbullying genannt; Bullying sei, so die Autoren, „gezieltes Schädigen und Zerstören einer Person über einen längeren Zeitraum hinweg, sei es auf physischem oder psychischem Weg.“ Es habe „in vielen Fällen“ Langzeitfolgen für die Betroffenen bis hin zum Selbstmord. Catarina Katzer, Präventionsexpertin und Mitglied im Vorstand des Bündnisses gegen Cybermobbing, fand 2007 heraus, dass ein Fünftel der Opfer „dauerhaft unter den Erlebnissen leiden und diese auch nach längerer Zeit nicht vergessen können“. Dennoch schränkt die aktuelle Studie ein: „Die Ergebnisse zu den Folgen von Cybermobbing variieren allerdings erheblich. Derzeitig gibt es noch keine Langzeitstudien, die wirklich Aufschluss über die Folgen von Cybermobbing geben können. Die Forschung steht hier noch am Anfang.“

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