In Tübingen sind die besten Digitalisierungs-Start-ups von Baden-Württemberg gekürt worden. Einige Ideen betreffen ungewöhnliche Bereiche.

Zwei digitale Lösungen, die Künstliche Intelligenz für ganz neue Problemlösungen nutzen – ein Mal beim Datenschutz für Überwachungskamera, ein zweites Mal bei der klinischen Diagnostik und dazu ein Ernteroboter für Erdbeeren: Das sind die Innovationen der drei jungen Firmen, die in Tübingen zu den besten baden-württembergischen Start-ups gekürt worden sind. Der Cyberone Award, der von der baden-württembergischen Wirtschaftsinitiative Bwcon zusammen mit der Landeskampagne Start-up BW verliehen wird, gilt jedes Jahr als eines der wichtigsten Schaufenster für innovative Gründungen in Baden-Württemberg. Es geht hier um kreative, digitale Entwicklungen, die teilweise ganz neue Anwendungsbereiche erschließen.

Beim Preis im Bereich Informationstechnologie, Medien und Kreativwirtschaft punktete das Bruchsaler Unternehmen Bauta. Ihm ist es gelungen, zwei scheinbar widersprüchliche Ziele zu vereinen: Datenschutz und effektive Kameraüberwachung. Hier hat man eine smarte Kameratechnologie entwickelt, welche die Bildsignale unkenntlich macht. Sie sind nur noch schwarze Punkte und Striche. Aber Künstliche Intelligenz kann dennoch aus diesem Bild Informationen ziehen, etwa das Alter der aufgenommenen Menschen identifizieren. Ein Originalbild, das die Person kenntlich machen würde, ist nicht zu rekonstruieren.

Bessere Medizindiagnostik

Im Bereich Biowissenschaften und Gesundheitswesen überzeugte das Karlsruher Unternehmen Medicalvalues. Hier erlaubt künstliche Intelligenz bessere Diagnostik. Jeder einzelne Patient hat nämlich eine individuelle Vorgeschichte wie Vorerkrankungen, Symptome oder vorhandene Messwerte, die sich gegenseitig beeinflussen. Viele Wechselwirkungen sind bekannt – Medicalvalues nutzt nun Künstliche Intelligenz, um diese digital und automatisiert zu analysieren. So können etwa Resultate der Radiologie, der Pathologie und der Labormedizin aufeinander in Bezug gesetzt werden.

...und bessere Erdbeeren

Eine buchstäblich handfeste Innovation ist im Bereich Industrielle Technologien der Roboter namens Berry des Konstanzer Start-ups Organifarms. Er ist für Gewächshäuser gedacht und kann dort die Ernte, Qualitätskontrolle und die Verpackung automatisieren. Die erste Version ist auf Erdbeeren spezialisiert und kann dank Bilderkennungssoftware und Roboternavigation den ganzen Produktionsweg der Früchte begleiten.

Digitalisierung der Pflege

Eingerahmt wurde die Kür der Spitzen-Start-ups vom Spitzentreffen der Technologie- und Digitalisierungsbranche im Land, dem Hightech Summit. Hier drehte sich beispielsweise die Diskussion um die Digitalisierung in einem ungewohnten Bereich: Präsentiert wurde etwa ein für die Bedürfnisse von Pflegeheimbewohnern entwickelter Tablet-Computer, der diese Technologie auch für ältere Menschen zugänglich macht.

Auch dies ist ein Beispiel für die „neuen Mentalitäten, Technologien und Geschäftsmodelle“, die das Tagungsmotto forderte. Die Bwcon-Vorstandsvorsitzende Kathrin Günther sprach von einer Kultur des Ja-Sagens, für welche die Start-ups stünden: „Ja zu mehr Mut und mehr Risiko“, sagte sie.

Bilanz der Transformation

Auf einer von Joachim Dorfs, dem Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung , moderierten Podiumsdiskussion ging es um eine Bilanz der digitalen Transformation der Wirtschaft im Land. Und da wurde Dorfs gleich selber zum Interviewten. Wie er denn für sein Haus dies sehe, fragte ihn der Präsentator noch vor Beginn der Diskussion. „Digitale Transformation ist für uns eine extreme Herausforderung, aber es gibt uns auch die Chance, mehr Leserinnen und Leser zu erreichen“, sagte er: „Aber natürlich stellt sich die Frage des Geschäftsmodells.“

Innovation durch Ausgründungen

Wie weit die Digitalisierung inzwischen auch traditionelle Industriebranchen betrifft, demonstrierten zwei Podiumsteilnehmerinnen. Marina Griesinger von Looxr aus Leinfelden-Echterdingen, einem 2018 ausgegründeten Start-up, sagte: „Unsere Vision ist es, die ganze Druckluft zu digitalisieren.“ Auch hier würden für das Geschäft die Daten immer wichtiger als die Hardware. Irene Dengler vom Schalungs-Spezialisten Meva aus Haiterbach im Nordschwarzwald erzählte davon, dass auch am Bau zunehmend mit so genannten digitalen Zwillingen gearbeitet werde, um die Planung zu verbessern. Aber auch bei diesem Mittelständler funktioniert die Innovation über eine 2019 erfolgte Ausgründung namens Bim2: „Es ist einfach eine ganz andere Welt. Die Entwickler entwickeln nachts und wollen auch keine Mittagspause“, sagte Dengler.

Digitalisierung baue im Land auf traditionellen Kompetenzen auf, sagte Bwcon-Vertreter Armin Heinzl: „Insgesamt müssen die Firmen lernen, mehr in Services und Dienstleistungen als in Produkten zu denken.“

Was sind die besten Start-ups aus Baden-Württemberg?

IT-Technologie
 Sieger beim Cyberone wurde das Bruchsaler Start-up Bauta, das mit Künstlicher Intelligenz smarte Kameras datenschutzkonform macht. Zweiter wurde Bytefabrik.AI aus Karlsruhe mit industriellen Datenanalysen. Auf Platz drei landete Flygge aus Stuttgart mit einer Plattform für ökologisches Campen.

Industrietechnologie
 Auf Platz eins liegen die Ernteroboter von Organifarms aus Konstanz. Zweiter wurde Logiccloud aus Buchen, das eine Steuerung von Gebäuden, Maschinen und Anlagen aus der Cloud möglich macht. Und Nummer drei in dieser Kategorie ist PV2+ aus Freiburg, das Silber in Solarzellen durch Kupfer ersetzt.  

Gesundheitsbereich
 Erster wurde Medicalvalues aus Karlsruhe, das mit Künstlicher Intelligenz integrierte Medizindiagnostik ermöglicht. Zweiter und Dritter wurden Start-ups aus Tübingen: Cytolytics, das sich auf die Analyse medizinischer Daten spezialisiert hat und Sync2brain mit innovativer Depressionstherapie.