„Déja-vu“ – Tatort zum Thema Pädophilie Maximal verstörend: Der neue Dresden-Tatort

Von Michael Setzer 

Ein Krimi wie ein Schlag in die Magengrube: Pädophilie, Wut und Ohnmacht treiben nicht nur die Ermittler in „Déjà-vu“, dem neuen „Tatort“ aus Dresden, an den Rand der Handlungsunfähigkeit.

Aaron Gorniak (Alessandro Schuster) spielt mit dem Freund seiner Mutter Nick (Sebastian Zimmler) ein Videospiel. Foto: MDR 9 Bilder
Aaron Gorniak (Alessandro Schuster) spielt mit dem Freund seiner Mutter Nick (Sebastian Zimmler) ein Videospiel. Foto: MDR

Stuttgart - „Rico! Rico!“, ruft die panische Mutter während sie ziellos durch den Park läuft. „Rico! Rico!“, rufen auch die Polizisten auf der Suche nach dem Jungen, der vom Schwimmtraining nicht heimkehrte. Dann die verdammte Gewissheit: Die Leiche des neunjährigen Rico Krüger wird am Elbufer gefunden – abgelegt in einer Sporttasche, wie eine zusammengefaltete Schaufensterpuppe. Sexuell missbraucht und, ja, entsorgt wie Abfall.

Während sich die Trauer und der Volkszorn immer weiter erhitzen, versuchen die Dresdner Ermittlerinnen Henni Sieland (Alwara Höfels) und Katrin Gorniak (Karin Hanczewski) den Fall zumindest einigermaßen ­gefestigt zu lösen. Doch auch ihnen geht diese abscheuliche Tat näher, als der Professionalität dienlich ist.

„Das ist vielleicht neu für Sie“, mault Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach) einen Journalisten an, „Polizisten sind Menschen“. Schnabel selbst ­hadert, nicht nur mit den polizeilichen Befugnissen, sondern noch schlimmer: mit einem ähnlichen Fall eines vermissten Jungen, den er drei Jahre zuvor nicht abschließen konnte. Ein möglicher Zusammenhang und die Scham, damals als Polizist versagt zu haben, treiben den sowieso schon permanent grantelnden Chef an den Rand der Handlungsunfähigkeit. Dann geht ein anonymer Anruf bei der Polizei ein . . .

Eine Stadt verliert sich

In „Déjà-vu“ liegen bei allen Beteiligten die Nerven blank, man sieht förmlich die Funken sprühen. Jeder kämpft gegen jeden und Abhilfe schafft allenfalls, möglich schnell irgendeinen Schuldigen aufzutun. Die Autoren Mark Monheim, Stephan Wagner und Regisseur Dustin Loose zeigen eine Stadt, die sich in Wut, Trauer und Ohnmacht komplett verliert. Eine Stadt, die vor lauter Hitze fast explodiert.

„Déjà-vu“ ist ein Schlag in die Magengrube, nicht gemessen an den üblichen Standards der Krimireihe, sondern daran, wie ein zutiefst verstörendes Thema intelligent, behutsam – dennoch bretthart und mit einer durchweg großartigen Ensemble-Leistung erzählt werden kann. Allen voran: das Paar Jennifer Wolf (Alice Dwyer) und René Zernitz (Benjamin Lillie). Das ist derart intensiv gespielt, man wünscht sich fast, es wäre schlechter inszeniert. Spätestens jetzt irgendwie auch ein Jammer: Alwara Höfels verkündete kürzlich ihren baldigen Rückzug aus dem Dresdner Tatort-Team.

Sonntag, 28. Januar, 20.15 Uhr, ARD