„D’Mama isch die Beschte“ mit Monika Hirschle Wenn in Untertürkheim Mutterträume platzen

Stefan Müller-Doriat (von hinten), Anne Leßmeister, Monika Hirschle und Frank Stöckle (von links) in „D’Mama isch die Beschte“ Foto: Martin Sigmund

Auf gut Schwäbisch: In der Komödie im Marquardt hat das Volksstück „D’Mama isch die Beschte“ mit Monika Hirschle Premiere gefeiert.

Kurzweilig, charmant und trotz mancher Anspielung auf heutige Zustände nicht auf der Höhe der Zeit: So zeigt sich das vor 63 Jahren in Berlin uraufgeführte Volksstück „Das Fenster zum Flur“ in seiner schwäbischen Fassung in der Komödie im Marquardt in Stuttgart.

 

Monika Hirschle, die als ambitionierte Familienglucke Anni Wiesner in der Hauptrolle glänzt und damit in die Fußstapfen von Inge Meysel tritt, hat das Stück des Autorenduos Curth Flatow und Horst Pillau mit verblüffender Texttreue in den hiesigen Dialekt übertragen. Beim Titel orientiert sie sich an der niederdeutschen Version „Mudder is de Beste“. Auf gut Schwäbisch wird daraus „D’Mama isch die Beschte“.

Der Geist der Nachkriegszeit

Der Regisseur Axel Preuß, Intendant der Schauspielbühnen in Stuttgart, verlagert das Souterraingeschehen von Berlin nach Untertürkheim. Auch wenn die Ausstatterin Barbara Krott der Wohnküche eine Sofaecke mit Fototapete gönnt, atmet das Bühnenbild mit seinen gemusterten Vorhängen, dem Transistorradio und Röhrenfernseher mit Antenne den Geist der Nachkriegszeit. Um im Jetzt zu landen, hätte die eine oder andere modernere Requisite gut getan. Das Hier wird mit VfB-Logo und Stuttgart-Tasse markiert. Aus der nippt Jürgen Wiesner seinen Kaffee, nicht wie im Original Straßenbahner, sondern Busfahrer. Dessen Plädoyer für den emissionsfreien ÖPNV wirkte wie ein Zeitsprung. Überhaupt spielt Frank Stöckle Mamas bessere Hälfte anrührend wahrhaftig und ist für Monika Hirschle ein Partner auf Augenhöhe.

Nichts ist, wie es scheinen soll

Während Anni an die Welt glaubt, die sie sich und ihrer Nachbarschaft schön schwätzt, drohen ihre schon erwachsenen Kinder und ihr Mann an dieser ausgesprochenen Erwartungshaltung zu zerbrechen. Denn nichts ist, wie es scheinen soll. Sohnemann Matthias (Stefan Müller-Doriat) mag zwar ein Händchen für verspannte Muskeln haben, kann als Medizinstudent aber kein Blut sehen. Dumm nur, dass die Mutter für ihn schon Patienten anwirbt.

Tochter mit geplatzten Träumen

Aus Töchterchen Lisa (Anne Leßmeister), anfangs mit „Atomkraft Nein Danke“-Shirt im Hotel Mama, wurde weder Ballerina noch Politikerin. Stattdessen kellnert sie und bringt einen Trompete blasenden Griechen nach Hause (Apostolos Naumis mit prägnantem Kurzauftritt). Die im Wortsinn größte Enttäuschung aber ist Susanne (strahlend verletzlich: Bianca Spiegel), die reich verheiratet in New York gewähnt wird, bis sie mittellos vor der heimischen Tür steht.

Das dialogstark und wortreich betriebene Bestreben, „die Kinder sollen es einmal besser haben“, samt Traum vom millionenschweren US-Schwiegersohn, stammt aus den Wirtschaftswunderjahren. Kein Wunder, enthält der verbale Schlagabtausch über gesellschaftliche Auf- und Abstiege zwischen Anni und dem Handwerker Erik (aus der Ruhe stark: Jörg Pauly) bittersüße Pointen.

Dem Familienzwist fehlt die Schärfe

Doch in einer Zeit des Klimawandels und weltweiten Krise mit Debatten um Identität und Gerechtigkeit muten solche Ideale seltsam vorgestrig an. Und so hat „D’Mama isch die Beschte“ bei aller schauspielerischen Verve so viel Staub angesetzt wie der Schlager, der am Schluss jede Unbill übertönt. Ganz zu schweigen von Logikfehlern wie das eingesparte Internet: für Uni-Karrieren das Aus. Auch dem Familienzwist fehlt die Schärfe, mit der gegenwärtig um Deutungshoheiten und Gefühlslagen gestritten wird – und um tatsächlich relevante Themen.

D’Mama isch die Beschte: Komödie im Marquardt, bis 5. März. Mittwochs bis samstags um 20 Uhr, sonntags um 18 Uhr, zusätzlich an den Samstagen 28. Januar und 11. Februar um 17 Uhr sowie am Dienstag, 28. Februar, um 19 Uhr. Kartentelefon: 0711/22 77 00.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Theater Schwäbisch