Dachdeckermeisterin Bärbel Deutsch Selbstständig in einer Männerwelt

Dachdeckerin Bärbel Deutsch steigt gerne  selbst aufs Dach. Foto: FACTUM-WEISE
Dachdeckerin Bärbel Deutsch steigt gerne selbst aufs Dach. Foto: FACTUM-WEISE

Bärbel Deutsch hat den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt: Heute führt sie einen Dachdeckerbetrieb mit zwölf Beschäftigten. Und sie erfährt, dass sie als Frau auch Vorteile hat.

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Stuttgart - Der Sommerurlaub ist in diesem Jahr kurz ausgefallen – nur vier Tage waren es. Das Unwetter mit schweren Hagelschäden in der Region Reutlingen/Tübingen Ende Juli hat innerhalb weniger Minuten alle Pläne zunichtegemacht. „Das Telefon stand nicht mehr still“, erinnert sich Bärbel Deutsch. Verzweifelte Hauseigentümer, denen es teil­weise Dach und Fenster zerschlagen hatte, suchten Hilfe. Die Dachdeckermeisterin aus Sindelfingen hat – soweit möglich – ihre Mitarbeiter für ein paar Tage aus dem Urlaub geholt. 15 Dächer hätten sie innerhalb kurzer Zeit notabgedichtet. Mehr gehe nicht, so Deutsch. Damit – und mit den bestehenden Aufträgen – sei ihr Geschäft nun „locker bis Frühjahr ausgelastet“. Aber nicht überall kam das Engagement der alleinerziehenden Mutter gut an: „Mama, du arbeitest ja nur noch“, habe ihre 13-jährige Tochter geklagt.

Bärbel Deutsch tritt energisch und zupackend auf. Sie wollte die Kunden nicht im Stich lassen, erzählt sie – und damit den schwarzen Schafe der Branche vielleicht noch mehr Geschäft überlassen. „Die Dachhaie machen mit dem Unglück der Menschen auch noch Geld“, schimpft die 46-Jährige. „Die klingeln an der Tür, legen ein Angebot vor, der Kunde unterschreibt, und bereits zwei Stunden später wird eingerüstet“, beschreibt die Sindelfingerin das Vorgehen. Die Preise lägen dabei um ein Vielfaches höher als üblich, sagt sie. Vor allem ältere Menschen seien betroffen. Und wenn die Betroffenen Pech hätten, blieben sie auch noch auf einem Großteil der (überdimensionierten) Kosten sitzen – auch Versicherungen kennen branchenübliche Preise.

Wie einfach es sein kann, an Aufträge zu kommen, weiß sie aus eigener Erfahrung: teilweise wollten ihre (späteren) Kunden vorab nicht mal ein Angebot haben. „Wenn ich als Frau komme, habe ich schon gewonnen.“ Und: „Einem Mann traut man mehr Liederlichkeit zu“, glaubt sie zu wissen. Aber vielleicht liegt es auch an ihrem Auftreten. Sie nehme sich viel Zeit für das ­Beratungsgespräch, schließlich kauft ein Hauseigentümer im Schnitt nur alle 30 Jahre ein neues Dach – und gibt dafür mindestens 10 000 Euro aus. „Dann muss ich dem Kunden doch jeden Schritt erklären“, beschreibt sie ihr eigenes Vorgehen. Das fängt bei Dämmstärken an, reicht über Finanzierungshilfen, wie sie etwa die staatseigene Bank KfW bietet, und endet bei Formen und Farben der Ziegel. „Es gibt 100 verschiedene Formen und Farben von Ziegeln“, so Deutsch. Ihre männlichen Wettbewerber wären da manchmal deutlich ungeduldiger, erzählt sie. Sie würden den Kunden auch schon mal anfahren mit Anmerkungen wie: „dämliche Frage“.

Bärbel Deutsch wollte eigentlich Kindergärtnerin werden

Bärbel Deutsch ist in eine Dachdeckerfamilie hineingeboren. Sie ist die Jüngste von vier Geschwistern und wollte eigentlich Kindergärtnerin werden. Um des lieben Familienfriedens willen hat sie dann aber doch im elterlichen Betrieb die Ausbildung absolviert. Ihr Fazit: „Ich empfehle jedem, die Ausbildung in einem fremden Betrieb zu machen. Ich hatte nie Feierabend.“ Mit gerade mal 20 Jahren hat sie die Meisterprüfung abgelegt. Insgesamt 21 Jahre blieb sie im elterlichen Betrieb – davon führte sie 16 Jahre (ihr Vater war früh verstorben) die Geschäfte gemeinsam mit ihrem Bruder. Dann kam die Trennung. Das Geschwisterpaar harmonierte nicht; „er war immer der Chef“, sagt sie.

Und so nahm sie im Alter von 38 Jahren wieder ihren Mädchennamen an – „weil ihn jeder in der Branche kannte“ –, wagte den Sprung in die Selbstständigkeit und wurde damit Wettbewerber auch des Bruders. Drei Mitarbeiter und etliche Kunden hätten den Sprung mitgemacht, auch die Lieferanten hätten zu ihr gestanden – was sich später als überlebenswichtig erweisen sollte. Denn bis das Geld der beantragten Gründerdarlehen endlich auf ihrem Konto eingegangen war, hatte sie die ersten Aufträge bereits abgerechnet. Dies klingt nach relativ müheloser Gründung – aber wohl nur auf den ersten Blick.

Obwohl Bärbel Deutsch in der Männerwelt Dachdecker groß geworden war, musste sie sich erst als Chefin durchsetzen. „Was will denn der Weiberrock hier?“ Oder: „Kommt denn kein Mann?“– Solche Fragen musste sie sich in der Anfangszeit bei den (männlich besetzten) Planungsrunden auf Baustellen anhören. Deutsch konterte mit ihrem Wissen über Dämmmaterialien und mit ihrer praktischen Arbeit auf dem Dach. „Du musst alles selbst können, ansonsten hast du als Frau auf dem Dach verspielt“, sagt sie. Heute sei all dies kein Thema mehr, die Sindelfingerin fühlt sich akzeptiert. Sie trägt dabei stets Zunftkleidung; Rock und Lackschuhe seien selbst im Büro tabu.

In Deutschs Betrieb geht es feinfühliger zu als in anderen

Deutsch beschäftigt neun gewerbliche Mitarbeiter – allesamt männlich – und drei Frauen, die sich im Büro um Kundenverkehr und Buchhaltung kümmern. Zudem bildet sie aus. Das vergangene Jahr hat sie mit 1,7 Millionen Euro Umsatz und einem Gewinn abgeschlossen. Geht es bei Bärbel Deutsch anders zu als in einem männlich geführten Betrieb? Ja, sagt sie spontan und fügt hinzu: feinfühliger. Unter Männern gehe es rauer zu. Bei ihr gibt es Raum zum Lachen – etwa in der Schmunzelecke auf ihrer Internetseite, die ständig neue Comics enthält. Schreierei gebe es bei ihr nicht. Wenn sie einen Mitarbeiter kritisiere, tue sie dies nicht vor Kollegen, sondern abends im Büro. Zudem sei sie pingelig: das Lager werde nicht erst im Winter, sondern sofort aufgeräumt. Ihre Stimme erheben könne sie auch: „Ich muss mir ja Gehör verschaffen.“

Dass das Geschäft bei ihr Vorrang hat, wird im Gespräch schnell klar. „Ohne mein Mutter könnte ich das nicht“, räumt sie denn auch ein. Ihre Tochter gehe zwar ganz in der Nähe ihres Betriebs in die Schule und erledige ihre Schulaufgaben teilweise im Betrieb, dennoch, die Oma übernehme ­„Taxifahrten“. Denn die Nachmittage der Tochter sind verplant mit Musik- und Turnverein. Sieht sie in der Tochter ihre Nachfolgerin? Nein, wehrt Deutsch rigoros ab. „ Sie darf alles werden, nur nicht Dachdecker. Das ist ein Knochenjob.“ Würde sie denn den Beruf wieder wählen? „Ja“, sagt sie, ohne zu zögern. „Aber ich würde mich zehn Jahre früher selbstständig machen.“

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